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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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c/o Alexandra Ritter, Reifenberger Straße 21, 60489 Frankfurt am Main

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Autor:
Arsenault, Isabelle,     
Titel:
Albert will lesen
ISBN:
978-3-314-10518-0  
Übersetzer:
Schaub, Anna
Originalsprache:
Englisch
Illustrator:
Arsenault, Isabelle
Seitenanzahl:
48
Verlag:
Nord-Süd, Gossau
Gattung:
Bilderbuch / Graphic Novel
Reihe:
Mile End Kids Story
Jahr:
2020
Preis:
15,00 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Es ist einfach zu laut. Albert stürmt nach draußen und wird von einem Gemälde in den Bann gezogen, das am Straßenrand steht. Über dem Bild vergisst er seinen ganzen Ärger und wird von großer Zufriedenheit erfüllt. Wenn da nicht seine Freund*innen wären ...
[RPWS 20 Rheinland-Pfalz]
       
Lesealter:
6 - 11 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Klassenlesestoff Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Freundschaft / Streit / Konflikt / Kindheit
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Mit einem Buch bepackt entflieht Albert dem Lärm seines Zuhauses. Er stampft durch den Hintergarten und will nur noch nach draußen. Sein Ärger verfliegt aber wie im Nu, als er das Gartentor öffnet. Im Sperrmüll auf der gegenüberliegenden Seite entdeckt er ein Gemälde, das ihn sofort mit Leib und Seele einnimmt. Das Bild, das einen Sonnenuntergang am Strand zeigt, begeistert Albert so sehr, dass er sein Buch vergisst und voll und ganz im Bild versinkt. Anrührend rückt er sich einen Gartenstuhl zurecht, lehnt sich zurück und vergisst beim Betrachten des Bildes Raum und Zeit. Endlich Ruhe. Das Bilderbuch entführt derweil auch die Rezipierenden in einen Tagtraum und zeigt sinnbildlich, wie Albert an dem Strand liegt, den auch das Gemälde zeigt. Sein Gartenstuhl verwandelt sich in eine Strandliege und sein Pullover weicht einem Tank Top. Er entkommt dem Alltagsstress und scheint nur noch das Panorama am Meer und die wohltuende Ruhe wahrzunehmen. Doch dann Gerumpel, Gespräche, Menschen. Sowohl Albert als auch die Rezipierenden werden aus ihren Tagträumen gerissen und Alberts Freund*innen bevölkern die doch eigentlich so ruhig anmutende Allee hinterm Haus. Sie gärtnern, spielen Badminton, schieben ihre schreienden Geschwisterchen im Kinderwagen umher, drehen die Boombox auf, tanzen, kreischen und haben richtig viel Spaß; zum Leidwesen von Albert, dessen Tagtraum inmitten der Straßenparty kein Platz mehr zu haben scheint. Albert reicht’s. Rumms! Er echauffiert sich lauthals, sodass seine Freund*innen die Straße verdutzt räumen. Zum Glück kommen seine Freund*innen schnell zurück, wodurch das Bilderbuch nicht nur von der Erfahrung erzählt, von Mitmenschen gestört zu werden, sondern auch, dass in der Gemeinschaft ein großer Schatz verborgen liegt.

Isabelle Arsenault erzählt die Geschichte dabei vor allem über die Bilder, die überwiegend in Schwarz und Weiß gehalten sind und den erzählten Raum dadurch relativ trist erscheinen lassen. So erzeugt die kanadische Autorin und Illustratorin gekonnt einen Kontrast zwischen Alberts nervenaufreibender Realität und seinen sinnlichen Tagträumen. Hervorzuheben ist, dass der Lärm, den Albert verspürt, bei den Rezipierenden auch dadurch evoziert wird, dass die Erzählung zunächst rein visuell verläuft und dabei zielgerichtet auf Alberts Tagtraum ausgerichtet ist und dass dann die benachbarten Figuren auftreten, die allein schon aus dem Grund stören, weil sie sprechen. Dabei scheinen nicht einmal die direkten Figurenreden zu stören, sondern, dass diese in Sprechblasen eingebaut sind, die die Buchseite um Albert herum füllen und ein Gefühl von räumlicher Enge vermitteln. So lässt Isabelle Arsenault die visuelle und die verbalsprachliche Erzählebene geschickt miteinander kollidieren, was evoziert, dass Alberts Gefühlswelt verstärkt mitgefühlt werden kann. Alberts Tagtraum hebt sich ebenso von der übrigen Erzählung ab, indem nur dieser in einem Bild dargestellt wird, das sich über die komplette Doppelseite erstreckt und darüber hinaus durch hohe Grün- und Orangeanteile akzentuiert wird, wenngleich sich auch in den übrigen Bildern ein paar wenige Grün- und Orangeanteile wiederfinden, die die Blicke der Betrachtenden lenken und zu subjektiven Verknüpfungen einladen.

Das Bilderbuch ist der zweite Teil der Reihe „Mile End Kids Story“, wobei der erste Teil, „Colette‘s Lost Pet“, nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Der Originaltitel von „Albert will lesen“ lautet derweil „Albert’s quiet quest“ und deutet damit deutlicher als der deutsche Titel auf den Kern der Erzählung hin. Ein Titel muss meines Erachtens nicht immer den Kern einer Erzählung treffen, aber der Titel „Albert will lesen“ riskiert, dass das vorliegende Bilderbuch in Unkenntnis der Geschichte darauf reduziert werden könnte, eine von vielen Erzählungen zu sein, in der es darum geht, Kinder ohne literar-ästhetischem Anspruch zum Lesen zu motivieren. Das Gegenteil ist der Fall, denn das Bilderbuch ist sowohl unter thematischer als auch unter ästhetischer Perspektive sehr zu empfehlen.

Das Bilderbuch besticht durch eine innovative Erzählweise, die mit den Grenzen des visuellen und verbalsprachlichen Erzählens spielt, und schlägt dabei eine äußerst gelungene Brücke zu gestalterischen Mitteln der Graphic Novel.
[RPWS 20 Rheinland-Pfalz]
  
       

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