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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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c/o Alexandra Ritter, Reifenberger Straße 21, 60489 Frankfurt am Main

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Autor:
Fiske, Anna,     
Titel:
Alle haben einen Po
ISBN:
978-3-446-26430-4  
Übersetzer:
Kronenberger, Ina
Originalsprache:
Norwegisch
Illustrator:
Fiske, Anna
Seitenanzahl:
80
Verlag:
Hanser, München
Gattung:
Bilderbuch
Reihe:
Jahr:
2019
Preis:
14,00 €   buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Das provokant-vergnügliche Sachbilderbuch „Alle haben einen Po“ nimmt den menschlichen Körper genau in den Blick und wirft dabei viele Fragen auf: Wo wachsen uns Menschen Haare? Was passiert mit unserem Körper in der Pubertät? Wann und wo dürfen wir nackt sein? Im Bus?
[RPWS 20 Rheinland-Pfalz]
       
Lesealter:
4 - 11 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Klassenlesestoff Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Gender / Geschlecht / Emanzipation / Mädchen / Frau / Junge / Mann / Sexualität / Sexualaufklärung
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Das Bilderbuch „Alle haben einen Po“ der skandinavischen Illustratorin Anna Fiske erzählt von der Komplexität des menschlichen Körpers. Dabei thematisiert es nicht nur äußere Merkmale des Körpers (groß/ klein, schlank/ kräftig, ...), mögliche Tätigkeiten (tanzen, schwimmen, ...) oder verschiedene Entwicklungsstufen (jung, alt, …), sondern regt auch dazu an, über sein eigenes Körperkonzept nachzudenken: Welche Hautfarben gibt es? Wie kann man den Körper pflegen und schützen? Wie kann sich die Ernährung auf den Körper auswirken?
Indem das Bilderbuch in der Wir-Form erzählt, involviert es die Rezipierenden von der ersten Seite an, wobei die Bilder durchweg dominieren und über den Text hinausgehen. Die Sprache des Textes ist nicht komplex, denn in der Regel werden kurze Hauptsätze verwendet, die Sachverhalte erklären und eine eher alltagssprachliche Struktur besitzen („In der Pubertät wächst der Körper ganz viel“ S. 24). Es scheint so, als ob der Text nicht von den Bildern ablenken und durch den alltagssprachlichen Gebrauch eine Nähe zu den Rezipierenden aufbauen soll. Oder anders ausgedrückt: Das Bilderbuch stellt den Körper so dar, wie er ist: Er ist unförmig, stinkt, rülpst, pupst, pinkelt und kackt. Auf jeder Seite stellen dabei die Bilder verschiedene menschliche Figuren dar, die sowohl nackt als auch angezogen sind. Die Figuren scheinen bewusst auf wenige Merkmale reduziert zu sein, damit die Blicke der Rezipierenden immer wieder auf Körperdetails gelenkt werden. Dies gelingt auch dadurch, dass die Bilder fast ausschließlich Körper bzw. Körperteile darstellen und ansonsten von Weißraum umgeben sind. Dass man auf den 80 Seiten des Bilderbuchs knapp unter 300 Körperdarstellungen begegnet, zeigt, dass das Bilderbuch deutlich darüber hinausgeht, den menschlichen Körper zu erklären: Das Bilderbuch schafft Begegnung; mit den Körpern anderer und seinem eigenem.
Die meisten der dargestellten Figuren blicken die Betrachtenden direkt an, so dass diese immer wieder dazu herausgefordert werden, sich zu fragen, wie man die dargestellten Körper selbst sieht und welche Meinung man von ihnen einnimmt. Dabei ist jede Körperdarstellung individuell und teilweise auch belustigend dargestellt. So lassen sich zum Beispiel ein Vogel und eine Maus in den Kopfhaaren eines Mannes finden, der wahrscheinlich vergessen hat, seine Haare zu schneiden. Zugleich können die Darstellungen irritieren, wenn diese zum Beispiel eine Frau zeigen, die nackt in einem Bus sitzt. Das Bilderbuch provoziert somit die Rezipierenden und fordert sie auf, sich zu positionieren. Das Bilderbuch scheint dabei bewusst Schönheitsideale auszusparen und Körper zu zeigen, die nicht perfekt sind. Da im Bilderbuch durchweg menschliche Figuren dargestellt werden, spielt auch deren Körpersprache eine wichtige Rolle. So werden die Blicke der Rezipierenden auf Mimik, Gestik und Haltung der Figuren gelenkt, indem diese teilweise eine übertriebene Gerichtetheit aufweisen, zum Beispiel wenn sich ein Mann nach vorne beugt, die Arme steif nach unten hält und so stark weint, dass sich bereits eine Pfütze auf dem Boden bildet (vgl. S. 74). In dieser Weise sensibilisiert das Bilderbuch auch dafür, dass ein Körper verraten kann, wie man sich fühlt.

„Alle Menschen haben einen Körper. Alle Körper sind verschieden“ (S. 4 f.): Was so einfach auf den ersten Seiten des Bilderbuchs beschrieben wird, wird umso komplexer in der Folge vermittelt und erfahrbar. Das Bilderbuch lebt dabei von der Interaktion zu den Rezipierenden und kann gut zum Philosophieren über den Körper genutzt werden. Dazu scheint es aber wichtig, mit den Fragen, die das Bilderbuch aufwirft, offener umzugehen. So könnte man zum Beispiel an die Frage „Wann und wo können wir nackt sein“ (S. 48) mit einer Diskussion anschließen, warum es in unseren Kulturkreisen nicht sinnvoll erscheint, nackt im Bus zu sitzen. Vor allem durch die Fragen fordert das Bilderbuch die Rezipierenden dazu heraus, auf die dargestellten Inhalte zu antworten, so dass ein Gespräch während der Rezeption geeignet erscheint, um seinen eigenen Gedanken Ausdruck zu verleihen.
Der Verlag empfiehlt eine Lektüre ab vier Jahren und beschreibt das Bilderbuch als „[e]in Sachbuch, das Groß und Klein zum Lachen bringt“. Dieser Beschreibung der Adressatenspezifik schließe ich mich an und kann es aufgrund seines Gesprächspotentials sowohl für den privaten Gebrauch als auch für sachorientierte wie philosophische Unterrichtsgespräche empfehlen.

Sascha Wittmer
[RPWS 20 Rheinland-Pfalz]
  
       

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