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Autor:
Pomerantsev, Peter,     
Titel:
Das ist keine Propaganda - Wie unsere Wirklichkeit zertrümmert wird
ISBN:
978-3-421-04824-0  
Übersetzer:
Schmidt, Klaus-Dieter
Originalsprache:
Englisch
Illustrator:
Seitenanzahl:
296
Verlag:
Deutsche Verlagsanstalt, München
Gattung:
Sachliteratur / Sachbilderbuch
Reihe:
Jahr:
2020
Preis:
22,00 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Peter Pomerantsev zeigt mit seinem höchst nformativen Sachbuch den ungeheuren Umfang der Meinungsmanipulation durch soziale Medien auf. Er weist nach, dass sich durch fortwährende Desinformation Apathie unter den Menschen ausbreitet, die es müde sind, News und Fake-News zu unterschieden, die stattdessen verwirrt und misstrauisch geworden keiner Information mehr trauen. Ein Informationskrieg zwischen Gruppen und auch Nationen wird zukünftig eine der gefährlichsten Waffen sein.
[34 19 Nordrhein-Westfalen]
       
Lesealter:
16 - 99 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
für Arbeitsbücherei
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Politik / Computer / Ethik / Philosophie / Geschichte / Cyber-Kriminalität / Zukunft / Krieg / Frieden
       
Anmerkungen:
Interessant auch für Lehrer der Fächer Politik, Geschichte, Wirtschaftslehre, Informatik im Rahmen der Sekundarstufe II.
       
Beurteilungstext:
Peter Pomerantsev, 1977 in der Sowjetunion/ Ukraine geboren, lebt heute in London. 1978 erhielten er und seine Eltern als Dissidenten in Deutschland Asyl. Heute lebt Peter Pomerantsev in London. Dort verfasst er kritische Hintergrund-Berichte, Kommentare und Analysen zur kulturellen und politischen Entwicklung Russlands und forscht zu Methoden der Meinungsmanipulation. Sein Buch „Das ist keine Propaganda – Wie unsere Wirklichkeit zertrümmert wird“ verschränkt biografische Elemente der Familie Pomerantsev, ihrer Bespitzelung, Verfolgung und Verhaftung des Vaters, mit dem politischen Anliegen des Autors, die Manipulation von Menschen durch gezielte Desinformation aufzuklären. Der alte Traum, dass mehr Information auch mehr Freiheit und Demokratie bringt, ist Pomerantsev zufolge zerplatzt. Anders als in der Sowjetunion mit Zensur und Informationsbeschränkung, geht es heute darum, Menschen mit widersprüchlichen Informationen durch Bots, Trolle, Verschwörungstheorien und Fake-News zu bombardieren, Wahrheit und Fiktion ununterscheidbar zu machen und das wachsende Misstrauen für eigene Zwecke zu instrumentalisieren. Zielstrebig wird das Recht auf Meinungsfreiheit zur Rechtfertigung missbraucht, alles sagen zu dürfen - ob wahr oder unwahr. Nationen werden – das kommt hinzu - nicht mehr in ihrer Gesamtheit angesprochen. Wer wäre „das Volk“? Einzelne Kampagnen in den sozialen Medien setzten vorzugsweise auf kurzlebige Identitäten. Statt eines ideologischen Diktats werden die verschiedensten Gruppierungen mit unterschiedlichen, für sie passend zugeschnittenen Botschaften „angeworben“. Pomerantsev beschreibt einen Pop-Up-Populismus, in dem ständig neue Identitätsblasen gebildet werden. In der Brexit-Kampagne konnte man beispielsweise eine große Gruppe Engländer mit dem Thema „Tierrechte“ für den Brexit gewinnen. Die gezielte Desinformation mit Bots, Bots-Hirten, Trolle, Trollfabriken, Cyberborgs, Fake-Identitäten u.ä. wird als zerstörerische Waffe nicht zuletzt auch zur Kriegsführung zwischen Nationen genutzt. Peter Pomerantsev, der sich beruflich seit langem mit der Manipulation von Informationen befasst, erweist sich als fundierter Kenner der Materie. Er folgt in seinem Buch den weltweiten Informationsflüssen und beschreibt die Ausbreitung al-Quaidas von Afghanistan bis Südostasien, den Aufstieg Dutertes zum brutalen Staatspräsidenten der Phillipinen, die Arbeit der berüchtigsten russischen Trollfabrik IRA, die u.a. mit Tausenden von Fake-Konten die Wahl von Trump befördert hat. Er stellt Verschwörungstheorien in Serbien vor, legt die Meinungsmanipulation am Beispiel Mexikos dar oder warnt vor dem Mittel des Cyberangriffs, der wie in Estland das komplette Computernetz zusammenbrechen ließ. Pomerantsev führt weiter aus, wie der Kreml und andere Regime sich in digitale Demokratiebewegungen einschleichen, um sie auszuhöhlen. Er äußert sich zum Irak, zu Syrien, zum IS. Am Informationsblitzkrieg zwischen Russland und der Ukraine zeigt Pomerantsev, dass ein Land zerstört werden kann, ohne es anzurühren. Pomerantsev kennt und nennt Menschen und Gruppen persönlich, die sich für echte Wahrheitsfindung und Aufdeckung der Täuschungsmanöver einsetzen. Er beschreibt ihre nicht endende, aus Protest gewählte und nicht selten lebensgefährliche Aufgabe, den Fake-News und Fake-Identitäten etwas entgegenzusetzen, mit beeindruckender Intensität. Wie die Fakten checken? Wie gegen die Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit angehen? Wie helfen, dass die Demokratie das Internet überlebt? Endgültige Antworten hat Pomerantsev nicht. Ein wesentlicher Fortschritt wäre es, wenn die Demokratien des Westens die gesamte Kommunikation im Internet zukünftig mit größter Sorgfalt regulieren würden. - Pomerantsevs hat ein sehr informatives Sachbuch über Desinformation durch Social Media vorgelegt. Es ist rasant geschrieben, die Sprache an sich leicht lesbar, sachlich und klar. Die Fülle an Details machen dem Leser allerdings nicht leicht, den Überblick zu behalten. In hohem Tempo stürzt man gleichsam durch Pomerantevs mitreißende Schilderungen. So ist es abgesehen von den kursiv gesetzten biografischen Teilen herausfordernd, Pomerantsevs zahlreichen persönlichen Erfahrungen sowie seinen umfassenden Einblicken ins Geschehen auf dem Hintergrund seiner breiten politischen Kenntnisse nahtlos zu folgen. Pomerantsev zitiert seine Quellen sehr sorgfältig. Manchmal hätte man sich zusätzlich Leseerleichterungen durch Stichpunkte auflistende „Erklärkästen“ und ein übersichtliches, gut verständliches Glossar gewünscht, zumal das Buch auch als Nachschlagewerk genutzt werden kann. Geeignet ist das Buch für junge Erwachsene ab 18 Jahren.
[34 19 Nordrhein-Westfalen]
  
       

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