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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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Autor:
PHILIPPS, CAROLIN,     
Titel:
Amina - mein Leben als Junge
ISBN:
978-3-7641-7085-1  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Seitenanzahl:
158
Verlag:
Annette Betz bei Ueberreuter, Berlin
Gattung:
Erzählung / Roman
Reihe:
Jahr:
2019
Preis:
12,95 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Amina findet sich im Frauengefängnis in Kabul/Afghanistan wieder und weiß nicht mehr, wie und warum sie dort gelandet ist. Ihren Leidensgenossinnen erzählt sie ihr Leben als „bacha posh“ – ein Mädchen, das als der Junge Amin aufwuchs. Als vorgeblich einziger Sohn der Familie erlebt sie die Ungleichheit der Geschlechter innerhalb der Familie und in der afghanischen Gesellschaft und das Kommen und Gehen der Taliban. Jegliches weibliches Selbstbewusstsein wird zur tödlichen Bedrohung.
[6 19 Nordrhein-Westfalen]
       
Lesealter:
12 - 17 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Klassenlesestoff Büchereigrundstock für Arbeitsbücherei
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Angst / Familie / Fremde Kulturen / Flucht / Gefühle / Gender / Geschlecht / Emanzipation / Gewalt / Kindheit / Junge / Mann / Krieg / Mädchen / Frau / Politik / Religion / Streit / Konflikt / Ungleichheit
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Auf eine sehr packende, solidarische und emphatische Art und Weise gelingt es Frau Philipps von der ersten Seite an, ihre Leser in ihren Bann zu ziehen. Die beschriebene Ausgangssituation - ein Mädchen lebt als Junge getarnt in Familie und dörflicher Gemeinschaft – ist für unser westliches Verständnis kaum vorstellbar. Hier, wo Menschen beider Geschlechter zumindest grundsätzlich und theoretisch die Möglichkeit haben, sich gemäß ihrer Begabungen zu entwickeln, besteht auch nicht die Notwendigkeit der Geschlechtertarnung für die Öffentlichkeit. In der patriarchalisch, islamisch ausgerichteten Gesellschaft Afghanistans ist das ganz anders. Obwohl bereits 1919 eine moderne Verfassung den Lebensstil des Westens ermöglichte und Frauen der Schleier nicht mehr abverlangt wurde, blieb diese Entwicklung eine städtische Angelegenheit und die konservativen Kräfte auf dem Lande arbeiteten von Anfang an dagegen. Der Spielball Afghanistan zwischen der kommunistischen Sowjetunion , dem konservativ islamischen Pakistan, den patriarchalisch ausgerichteten War-Lords und den westlich orientierten Kräften der USA und Europas wird auf dem Rücken der Bevölkerung und vor allem der Frauen ausgetragen. Amina/Amin bezahlt die bedrohte Ehre ihres Vaters – seine Frau bekommt nur Töchter – mit der Leugnung ihres weiblichen Geschlechts und trägt als Junge auch zur finanziellen Versorgung der Familie durch aushäusliche Arbeit bei. Sie/Er darf zur Schule gehen und bis zur Pubertät scheinen die Vorzüge einer männlichen Existenz vorrangig. Dann aber beginnt die sie/er Identitätsfragen zu stellen, die sie/er nicht mit anderen diskutieren kann. Erst die Entdeckung von Spraybildern der Künstlerin Shamsia Hassani in Kabul, wohin es die Familie nach der Flucht vor den Taliban verschlagen hat, zeigt ihr eine Möglichkeit, ihr Trauma zu verarbeiten. So lebt Amina/Amin ein Doppelleben bis ihr eine Hochzeit als „bacha posh“ mit einem Mädchen droht, die die Familienehre retten soll: S. 108 wenn Amin als verheirateter Mannzurückkommt (ins Dorf), kann er (der Taliban-Onkel) nichts machen. Das verbietet ihm die Ehre der Familie. Diese verlogene Doppelmoral, die die männliche Eitelkeit und das männliche Herrschaftsverhalten in jedem Fall schützt, führt zum Menschenhandel der Töchter, zur Ausbeutung der Familien und letztlich zur Zerstörung einer modernen demokratischen Gesellschaft. Amina/Amin verlässt ihre Familie und findet Schutz bei einer moderner eingestellten anderen Familie. Die Sorge um ihre Mutter und ihre Schwestern treibt sie aber immer wieder ins Auffanglager Kabuls, bis sie beim Kleider – und Identitätswechsel vom Jungen zum Mädchen erwischt und verhaftet wird. Hier schließt sich der erzählerische Kreis, dieses hervorragenden unpathetischen Buches, das es hiesigen Menschen ermöglicht, zumindest ansatzweise die patriarchalische Gesellschaft Afghanistans zumindest zu verstehen. Für Amina bleibt es offen und ihre Entscheidung, wann und wie sie sich zukünftig entscheiden wird, eine Selbstverständlichkeit wird für sie ihr Geschlecht wohl nie werden.
[6 19 Nordrhein-Westfalen]
  
       

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