AJUM Logo
Datenbank
Besprechungen von Kinder-,
Jugendliteratur & Medien




Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
Datenbank

AJuM Datenbank
Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW
c/o Ulrich H. Baselau, Osterstr. 30, 26409 Wittmund

10266 aktuelle Rezensionen, weitere 69841 Rezensionen im Archiv
Suchtext:
Schlagwörter:
Titel:
Autor
Vorname:
Autor
Nachname:
Illustrator:
Bewertung:
 Einsatzmögl.:
Medienart:
Alter:
Gattung:
 Archiv anzeigen:
Wolgastpreis:
 
Wie suche ich richtig? Wie darf ich die Rezension verwenden? DRUCKANSICHT



Autor:
LaCour, Nina,     
Titel:
Alles okay
ISBN:
978-3-446-26435-9  
Übersetzer:
Zeitz, Sophie
Originalsprache:
Englisch
Illustrator:
Seitenanzahl:
201
Verlag:
Hanser, München
Gattung:
Erzählung / Roman
Reihe:
Jahr:
2019
Preis:
16,00 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Nach dem Tod ihres Großvaters reißt Marin aus, die ihren Vater nie gekannt hat und deren Mutter im Alter von 24 Jahren starb. Sie lässt alles Materielle und Immaterielle hinter sich und versinkt in Einsamkeit und Traurigkeit. Kurz vor Weihnachten steht ihre alte Freundin Mabel vor der Tür. Mit ihr holt die Vergangenheit Marin ein. Sie muss sich entscheiden, ob sie sich mit ihr auseinandersetzt oder weiter in ihrem selbst errichteten Kokon bleibt, den zu zerstören ihr unendlich schwerfällt.
[Anmq 19 Nordrhein-Westfalen]
       
Lesealter:
12 - 99 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Klassenlesestoff Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Familie / Freundschaft / Gefühle / Jugend / Adoleszenz / Mädchen / Frau
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Die Erzählung ist aus Marins Sicht in der Ich-Perspektive geschrieben, wodurch die Rezipienten sich genau in Marin einfühlen und ihre Verletzungen, Schmerzen, Einsamkeit und Sprachlosigkeit mitempfinden können.
Leserin und Leser begegnen Marin, als ihre Zimmergenossin Hannah in die Weihnachtsferien abfährt und Marin neben dem Hausmeister allein auf dem gesamten College-Campus ist. Schon diese Situation lässt die Vermutung aufkommen, dass Marin Probleme hat. Verstärkt wird dieses Gefühl, wenn die Rezipienten auf den folgenden Seiten mit erleben, dass Marin den Besuch ihrer alten Freundin Mabel zwar vorbereitet, aber sich eher davor ängstigt als darauf freut. Die Begegnung der beiden jungen Frauen ist geprägt von Fremdheit und Distanz. Beide finden nicht die Worte um an alte Zeiten anzuknüpfen und können es auch nicht, wie sich im Verlauf der Erzählung herausstellt.
Schon auf den ersten zwanzig Seiten werden Marins Schilderungen immer wieder durch Erinnerungen unterbrochen. Mit dem dritten Kapitel werden in wiederkehrenden Einschüben Details aus der Vergangenheit offenbart, die jedoch aus Bruchstücken bestehen und erst am Ende zu einer zusammenhängenden Geschichte werden. Damit die Leserinnen und Leser besser erkennen, welche Kapitel von der Vergangenheit erzählen, haben sie als Unterüberschrift Monatsangaben von Mai bis August, also Marins letzte Monate in der Schule, mit ihrem Großvater und ihren Freunden.
Bis zu ihrer Flucht lebte Marin seit dem Tod ihrer Mutter bei ihrem Großvater. Die anfangs großen Raum einnehmenden Schilderungen der Wohnung und ihres Zusammenlebens lassen erahnen, wie sehr Marin ihrem „Gramps“ vertraut hat und wie sehr sie ihn liebte. Dem aufmerksamen Rezipienten dürfte jedoch verwundern, dass beide nur in Küche und Wohnzimmer gemeinsam lebten, ansonsten jeder seinen eigenen Raum in entgegengesetzter Lage hatte, den der andere niemals betrat. Das Berühren ihrer Knie unter dem Tisch während des Essens scheint der einzige Körperkontakt zwischen ihnen gewesen zu sein. Es gab weder Erinnerungsstücke an Marins Mutter noch erzählte der Großvater von seiner Tochter, so dass Marin darunter leidet, nichts von ihrer Mutter zu wissen und sich nicht mehr an sie erinnern zu können. Erst zum Ende hin, als Marin endlich zusammenhängend Mabel von den Ereignissen der letzten Wochen im Sommer berichten kann, erkennt der Rezipient, dass der Großvater an dem frühen Tod seiner Frau und seiner Tochter Claire zerbrochen ist. Er lässt sie für sich und Marin weiterleben, indem er Birdie erfindet, mit der er einen intensiven Briefkontakt pflegt. Erst nach dem Tod des Großvaters entdeckt Marin, dass er alle Briefe selbst geschrieben hat und es in seinem Zimmer eine versteckte Tür zu einer Kammer gibt, in der er Kleider, Briefe und Fotos seiner Tochter aufbewahrt hat. Marin fühlt sich belogen und betrogen, und als sie von der Polizei erfährt, dass ihr lungenkranker Großvater sehr wahrscheinlich im Meer Selbstmord begangen hat, flieht sie vor sich und ihrem bisherigen Leben.
Am Beispiel des Großvaters lässt sich verdeutlichen, dass die Autorin weniger die Handlung in den Mittelpunkt ihrer Erzählung stellt als die Figuren, ihre Gefühle und Beziehungen zueinander. Entsprechend ist die Sprache des Romans gefühlsbetont und sehr poetisch. Dazu passen auch die immer wieder getätigten Vergleiche mit Literatur, Kunst und Musik, um Gefühle oder bestimmte Situationen zu verdeutlichen.
Am intensivsten gestaltet die Autorin mittels Sprache, Handlung und der wichtigsten Figuren Marins emotionale Versteinerung und ihr Gefühl von Selbstverlust, das manchem Pubertierenden bekannt sein dürfte. So wird erst durch die Schilderung, wie Marin und Mabel körperliche Liebe aneinander entdecken und sie zu einem Paar werden, nachvollziehbar, wie sehr Marin unter fehlendem Körperkontakt gelitten hat. Deshalb ist es auch die Umarmung von Mabels Mutter, die einen tiefen Riss in Marins Kokon entstehen lässt.
Auch wenn Traurigkeit und scheinbare Perspektivlosigkeit weite Teile des Romans dominieren, ist es eine mutmachende Erzählung, denn indem der Rezipient sich die Situation, in der er Marin am Anfang kennenlernt, erklären kann, werden ihre Probleme bewältigbar und er erkennt Auswege. Der Schluss unterstützt die positive Stimmung, weil Marin sich die Umarmung gefallen lässt und plötzlich Erinnerungen an ihre Mutter geweckt werden.
Das Buch mit dem vielsagenden Titel „Alles okay“ wird sicher nicht nur jugendliche Leserinnen und Leser begeistern und sie nachdenklich und bereichert in die Realität zurückkehren lassen.
[Anmq 19 Nordrhein-Westfalen]
  
       

Für namentlich oder mit Namenskürzel gekennzeichnete Beiträge und Beurteilungen liegt die presserechtliche Verantwortung beim jeweiligen Autor bzw. bei der jeweiligen Autorin.