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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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Autor:
Ludwig, Katja,     
Titel:
Das Mauerschweinchen
ISBN:
978-3-570-17599-6  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Heidschötter, Uwe
Seitenanzahl:
208
Verlag:
cbj / cbt, München
Gattung:
Erzählung / Roman
Reihe:
Jahr:
2019
Preis:
13,00 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Nora und Aron wohnen in Berlin wenige Meter voneinander, aber getrennt durch die Mauer. Nora lebt im Westen und wünscht sich sehnsüchtig ein Meerschweinchen. Familie Müller muss ihr Meerschweinchen Bommel zurücklassen, als sie in den Westen flieht. Aron rettet Bommel vor dem Kochtopf, kann ihn aber nicht behalten. Weil er ein berühmter Flugzeugkonstrukteur der DDR werden will, hat er eine Idee. - Wie die Probleme der Kinder und von Bommel gelöst werden, wird aus Arons und Noras Sicht erzählt.
[Anmq 19 Nordrhein-Westfalen]
       
Lesealter:
8 - 15 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Klassenlesestoff
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Geschichte / Tiere / Familie
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Alle nach 1989 Geborenen kennen die DDR und die Berliner Mauer nur aus Geschichtsbüchern. Deshalb ist es zu begrüßen, dass 30 Jahre nach dem Mauerfall mit „Das Mauerschweinchen“ ein Kinder- und Jugendbuch auf den Markt gekommen ist, das die Bedeutung der Mauer für die Menschen und ihr Leben in unterschiedlichen politischen Systemen erlebbar macht.
Das Buch fällt nicht nur durch den Neologismus des Titels auf, sondern auch durch seine „Machart“: Es gibt zwei Titelbilder und zwei Geschichten, für deren Lektüre man das Buch jedoch „auf den Kopf“ drehen muss. Denn in „Arons Geschichte“ erlebt man den Alltag in Ost-Berlin und in „Noras Geschichte“ in West-Berlin aus der Sicht der jeweiligen Titelfigur. Beide Erzählungen sind quasi die beiden Seiten derselben „Medaille“, denn Aron und Nora haben trotz ihrer unterschiedlichen Lebensumstände ähnliche Probleme, die jungen Lesern bekannt sein dürften: Sie suchen nach Freundschaft und Anerkennung und sehen ihre Eltern sehr kritisch.
Die Unterschiedlichkeit lässt sich bei genauerer Betrachtung bereits auf dem jeweiligen Titelbild erkennen: Bei „Arons Geschichte“ wirken die beiden Kinder eingeengt zwischen der tristen hohen Mauer und einem Schlagbaum, der allerdings eine kleine Lücke aufweist. Auf Noras Seite ist die Mauer mit bunten Graffitis verziert und die Straße breiter, was symbolisch für die Unfreiheit der DDR-Bürger und die Freiheit der West-Berliner sein könnte. Dieses für Westbürger gängige Klischee wird erfreulicherweise relativiert, indem Noras Wunsch nach einem eigenen Meerschweinchen aus der DDR erfüllt wird, wohin ihre Mutter zu Weihnachten regelmäßig Päckchen schickt, weil die Menschen „drüben“ so vieles nicht bekommen, was für Westbürger zum Alltag gehört - wie Kataloge, Zeitschriften und bunte Plastiktüten.
Aron lebt bei seiner Oma, weil seine Eltern als linientreue Politfunktionäre mit einem mehrmonatigen Schulungsaufenthalt in Moskau belohnt worden sind. Seine elterliche Wohnung ist groß und modern eingerichtet, während seine Oma beengt in einem Altbau nahe der Mauer lebt. Als Rentnerin genießt sie allerdings den Vorteil, dass sie die Grenze passieren und als „Wechsel-Oma“ begehrte Ware wie Kaffee und Schokolade von ihren Besuchen in West-Berlin mitbringen kann, durch deren Verkauf sie ihre karge Rente aufbessert bzw. die sie an Leute wie die Fleischhäuters verschenkt, die sich mit einem Stück Braten aus ihrer Metzgerei revanchieren, denn Fleisch ist Mangelware. Mit den Bewohnern des Mietshauses lernen die Leser typische Vertreter des Überwachungsstaats kennen - wie den Volkspolizisten oder den ABV (Abschnittsbevollmächtigten) und auch sprachliche Besonderheiten dieses Systems.
Noras Welt in West-Berlin dürfte den meisten Leserinnen und Lesern vertrauter sein, außer dass sie auf die Mauer schaut, nachts die Scheinwerfer der Wachtürme in ihr Zimmer scheinen und ihre Mutter Päckchen zu den Verwandten nach „drüben“ schickt.
Es ist gleichgültig, mit welcher Geschichte man die Lektüre beginnt, beide gemeinsam ergeben ein einfühlsames Bild vom Leben im ehemals geteilten Berlin. Weil der Text relativ groß gedruckt ist und die Kapitel recht kurz sind, dürften auch jüngere Kinder das Buch bewältigen, denn durch die Aufteilung der Handlung auf zwei Geschichten und damit zwei unterschiedliche Perspektiven bleibt die Lesemotivation groß.
[Anmq 19 Nordrhein-Westfalen]
  
       

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