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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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Autor:
Disney,     
Titel:
Der Nussknacker und die vier Reiche. Das Geheimnis der Reiche
ISBN:
978-3-8445-3048-3  
Übersetzer:
Albrecht, Anke
Originalsprache:
Amerikanisch
Illustrator:
Seitenanzahl:
368
Verlag:
Hörverlag, München
Gattung:
Reihe:
Hörbücher zu Disney-Filmen und -Serien (9)
Jahr:
2018
Preis:
9,99 €   Audio-CD / Hörbuch / Musik
       
Inhalt:
Es ist das erste Weihnachtsfest ohne ihre geliebte Mutter Marie. Doch Clara erhält noch ein letztes Geschenk von ihrer verstorbenen Mutter: eine verschlossene goldene Schatztruhe. Die Suche nach dem Schlüssel führt Clara zur Entdeckung der vier Reiche. Doch diese sind in Gefahr. Kann Clara das Vertrauen, das Marie in sie gesetzt hat, erfüllen und die magische Welt retten? Ein wunderbares Abenteuer beginnt, in dem Clara vom zum Leben erweckten Nußknacker Philipp unterstütz wird.
[141 19 Nordrhein-Westfalen]
       
Lesealter:
6 - 11 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Märchen / Klassikeradaption / Abenteuer
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
„Der Nussknacker und die vier Reiche“ ist ein weiterer Erfolgstext aus dem Hause Disney, der gleich bei Erscheinen in einem großen Medienverbund verbreitet wurde. So handelt es sich bei dem Hörbuch um eine Lesung des Buchs zum Film, der im November 2018 in die Kinos kam. Der Klappentext der CD spricht von einer ‚Neuinszenierung‘ des ‚Klassikers von Disney‘, versäumt dabei allerdings leider auf Herkunft und Tradition des Stoffes zu verweisen. Dies erscheint aus zweierlei Gründen problematisch. Zum einen bieten die - zumeist gleichermaßen gelungenen wie erfolgreichen - Disney-Adaptionen generell gute Gelegenheit jungen Rezipienten den Zugang zu klassischen literarischen Stoffen zu eröffnen und sie im besten Fall zur Lektüre des Originals anzuregen, nur benötigen die jungen Leser dazu natürlich die entsprechenden Informationen. Zum anderen handelt es sich hier um eine wirklich gelungene Adaption des „Nußknacker“-Stoffes, bei dem Elemente des Märchens von E.T.A. Hoffmann und des Balletts von Tschaikowski gekonnt zusammengeführt und z.T. neu interpretiert werden; so kann das Seh-, Lese- oder Hörerlebnis ein Nach- und Weiterdenken über den Originaltext von Hoffmann bewirken und neue Perspektiven eröffnen. So stehen auch hier die Bedeutung der Einbildungskraft, das Verhältnis von Wirklichkeit und Phantasie und die Frage nach einer höheren Wahrheit des Wunderbaren ebenso im Vordergrund wie die Gefährdung des Wunderbaren und der Einbildungskraft durch den Prozess des Erwachsenwerdens. Neben den expliziten intertextuellen Bezug zu „Nußknacker und Mausekönig“ finden sich weitere Anspielungen auf bedeutende Werke der (kinder)literarischen Phantastik wie „Narnia“ und „Der Zauberer von Oz“.

Abgesehen vom Entwurf einer neuen Handlung, in die geschickt Handlungselemente des Originals verwoben werden, sind die beiden zentralen Änderungen des „Nußknacker“-Stoffes die Aufspaltung der Hauptfigur Marie (bei Hoffmann) oder Clara (bei Tschaikowski) in die Mutter Marie und die Tochter Clara und die damit verbundene Einführung zweier Zeitebenen. Die Geschichte wechselt stetig zwischen der Ebene der Vergangenheit, in der die Jugend Maries und die Schaffung der vier Reiche geschildert wird, und der Gegenwart, die von der Bedrohung der Reiche und deren Rettung durch Clara erzählt. Dieser Wechsel der Zeiten, mit dem auch ein Perspektivwechsel von Marie zu Clara verbunden ist, macht den Text literarisch anspruchsvoll und damit sicher zu einer Herausforderung für manchen Hörer. Dies verstärkt sich ab etwa Mitte des Textes, wenn noch eine weitere Perspektive hinzutritt, indem die Entwicklungen in den Reichen nach Maries Älterwerden und ihrem schrittweisen Rückzug aus ihrem Reich kindlicher Phantasie nunmehr auch aus der Sicht von Zuckerfee erzählt werden. Zuckerfee ist Maries Weggefährtin aus Kindheit und Jugend, eine von ihr zum Leben erweckte Puppe, die sie schließlich mit dem Schutz der Reiche betraut hatte; in Anklang an Tschaikowski wird Zuckerfee als Balletttänzerin präsentiert. In den Zuckerfee gewidmeten Passagen wird der Abschied von der Kindheit inszeniert, allerdings erfährt der Topos des Abschieds vom kindlichen Wunderland durch den Eintritt in die Welt der Erwachsenen hier einen anderen, neuen Akzent, indem er nahezu ausschließlich aus der Perspektive des ewig kindlichen, zurückgelassenen Spielzeugs gestaltet wird und dessen egozentrische Ängste und zerstörerischen Zorn darstellt.

Im Hinblick auf die Adaption eines Kunstmärchens der Romantik erscheint vor allem die Figur des Paten Droßelmeier interessant (obwohl die Adaption im englischen London verortet ist, wurden die deutschen Namen Stahlbaum und Droßelmeier beibehalten). Ist Droßelmeier im Märchen noch eine zwielichtige Figur, die die ambivalente Haltung der Romantiker zur Technik spiegelt, wird er in der Adaption zum eher eindimensional gestalteten gütigen Ziehvater, der sein Pflegekind in die zauberhafte Welt des mechanischen Spielzeugs einführt. Dabei verschmelzen die als „Tüfteleien“ benannten Experimente mit der Phantasietätigkeit zu einer symbiotischen Einheit (einmal heißt es freilich, die Einbildungskraft und Phantasie sei die höchste und reinste Form der Tüftelei); allerdings kann beides Gutes wie Böses hervorbringen, wie der Verlauf der Geschichte zeigen wird.

Trotzdem die erste Hälfte manchmal etwas langatmig erscheint, ist die Geschichte im Ganzen spannend erzählt und wird viele Zuschauer, Leser und Hörer in ihren Bann ziehen, besonders das letzte Viertel lädt nach einer überraschenden Wende zu einem atemlosen Verfolgen der sich überschlagenden Ereignisse ein.

Maria Bierstedt liest die Geschichte mit angenehmer Stimme, verleiht den Figuren einen jeweils eigenen Charakter und modelliert die Lesung in einer wirksamen Mischung aus aktionsreicher Spannung und heiterer, trauriger oder auch zorniger Emotion. Es entsteht so ein sehr ansprechendes Hörerlebnis, das den jungen Hörern eine Reise in die magischen Reiche (romantischer) Phantasiewelten beschert.
[141 19 Nordrhein-Westfalen]
  
       

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