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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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c/o Alexandra Ritter, Reifenberger Straße 21, 60489 Frankfurt am Main

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Autor:
Boie, Kirsten,     
Titel:
Dunkelnacht
ISBN:
978-3-7512-0053-0  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Seitenanzahl:
112
Verlag:
Oetinger, Hamburg
Gattung:
Erzählung / Roman
Reihe:
Jahr:
2021
Preis:
13,00 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
"Dunkelnacht" ist das richtige Buch für die jetzige Zeit, um jugendlichen LeserInnen die Funktionsweisen und Grausamkeiten der Nationalsozialisten eindrücklich vor Augen zu führen. Kirsten Boie gelingt dies durch die beinahe dokumentarische Präsentation eines historischen Geschehens in Bayern während der letzten Kriegstage, geschickt adressatengerecht verknüpft mit den Gedanken und Handlungen dreier fiktiver jugendlicher Protagonisten.
[KS 18 Niedersachsen]
       
Lesealter:
14 - 99 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Klassenlesestoff Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Nationalsozialismus / Politik / Sterben / Tod / Liebe
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
In ihrem Nachwort bezeichnet Kirsten Boie ihre Publikation zurecht als Novelle. Denn eine solche ist laut Definition die Darstellung einer sich ereigneten, unerhörten Begebenheit. Und mit "Dunkelnacht" stellt sie eine wahrhaft unerhörte, sich ereignete Begebenheit dar, nämlich die grauenhaften Taten von deutscher Wehrmacht, SS-Soldaten, Angehörigen einer Werwolfgruppe und der örtlichen Polizei in der bayerischen Kleinstadt Penzberg.

Die Taten wurden im Zeitraum von 2 Tagen begangen, am 28. und 29. April 1945, am 30. April marschierten US-Truppen in den Ort ein. 16 Männer und Frauen wurden während dieser 2 Tage in Penzberg von Wehrmachtssoldaten erschossen bzw. von Werwolfanhängern erhängt. Im Stadtarchiv gibt es darüber genaue Aufzeichnungen, welche die Autorin sorgfältig ausgewertet hat, ebenso noch Prozessakten aus dem bereits 1948 beginnenden Prozess wegen dieser Vorfälle. Über dessen Ergebnis muss die Autorin sarkastisch resümieren: Es gab 16 Morde und keinen Mörder! Keiner der an den Morden Beteiligten wurde verurteilt, obwohl alle namentlich bekannt waren und alle angeklagt wurden.

Kirsten Boie hat diese grauenhaften und zugleich typischen Vorgänge aus den letzten Tagen der Naziherrschaft fast tagebuchartig dargelegt: Über jedem der kurzen Kapitel sind Ort, Datum, Zeitpunkt und beteiligte Personen angeführt. Dabei hat sie die Namen der Opfer wie die der Täter als Klarnamen den Unterlagen entnommen, lediglich 3 jungendliche Figuren sind fiktiv hinzugefügt. Auf diese Weise haben die jugendlichen LeserInnen gute Identifikationsmöglichkeiten für das historische Geschehen.

Schorsch, 15 Jahre, Sohn des örtlichen Polizeimeisters, hegt erste Liebesgefühle für die 14-jährige Marie, Metzgerstochter des Ortes. Beide werden bei einem geheimen Treffen zufällig Zeugen des Erschießungskommandos der Wehrmacht und als bisherige Mitläufer werden sie jetzt zu Zweiflern am unmenschlichen Nazi-System. Gustl, die dritte fiktive Figur, schämt sich wegen der sozialdemokratischen Einstellung seines Vaters, meldet sich deshalb als Freiwilliger bei einer Werwolf-Gruppe und beteiligt sich mit ihr an der Erhängung von 8 Penzbergern.

Ermordet werden die insgesamt 16 Penzberger wegen Hochverrats, weil sie die Stadt den US-Soldaten, die kurz vor München stehen, kampflos übergeben wollen. Sie planten dies, weil am 28. April die Freiheitsaktion Bayern einen Tag lang in München den Rundfunksender besetzt und dazu aufgerufen hatte, kampflos die amerikanischen Soldaten zu empfangen. Zwei Tage später rückten die Amerikaner dann in Penzberg ein, aber da war das von Boie so bezeichnete Endzeitverbrechen der Nazis bereits durchgeführt worden und die daran Beteiligten geflohen.

Der Autorin gelingt es, durch ihr spezifisches Vorgehen das Geschehen fast unbeteiligt, in konzentrierter, verdichteter Form, mit diversen Spannungsbögen zu präsentieren. Dabei wird deutlich, dass keiner der Beteiligten Verantwortung übernehmen will und dass die Ausführenden lediglich Befehlen zu gehorchen glaubten. Und genau das sind die Strukturen, nach denen, verallgemeinerbar, das Dritte Reich funktionierte, ohne dass sich jemand selbst verantwortlich oder gar schuldig fühlte. Um dies kritisch zu kommunizieren, kommen die drei fiktiven Jugendlichen ins Spiel, deren Gedanken mitgeteilt werden, die sich auch um Moral und Schuld drehen, wenn etwa Schorsch sich fragt: "Was wird Maria zu ihm sagen, wenn Frieden ist?" (S. 102)

In unserer Zeit, in der es fast keine Zeitzeugen für diese grauenhaften Vorkommnisse mehr gibt, sind solche Gedanken für die jugendlichen LeserInnen ideale Identifikationsangebote, um sich mit dem historischen Nationalsozialismus auseinanderzusetzen wie auch Bezüge zur Gegenwart herzustellen mit ihren immer bedrohlicher werdenden neonazistischen Tendenzen. "Dunkelnacht" ist also eine Novelle, die sich unbedingt als Schullektüre anbietet und die ideal zu einer inhaltlichen, gehaltlichen und ästhetischen Leseförderung beiträgt!
[KS 18 Niedersachsen]
  
       

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