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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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c/o Alexandra Ritter, Reifenberger Straße 21, 60489 Frankfurt am Main

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Autor:
Kerr, Philip,     
Titel:
1984.4
ISBN:
978-3-499-21857-6  
Übersetzer:
Gutschhahn, Uwe-Michael
Originalsprache:
Englisch
Illustrator:
Seitenanzahl:
320
Verlag:
Rowohlt, Reinbek
Gattung:
Erzählung / Roman
Reihe:
Jahr:
2021
Preis:
16,00 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Die Dystopie "1984.4" von Philip Kerr, gerade veröffentlicht, ist posthum erschienen, denn der Autor ist bereits 2018 gestorben. Sie zeigt sich sowohl durch den Titel wie auch durch ihren Inhalt dem Orwellschen Klassiker verpflichtet. Die Handlung spielt im Jahr 2034.4 und thematisiert auf ähnlich bedrückende Weise wie das Orwellsche Vorbild eine erschreckende Nähe zur politischen und sozialen Realität unserer Gegenwart!
[KS 18 Niedersachsen]
       
Lesealter:
14 - 99 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Klassenlesestoff Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Politik / Zukunft / Liebe / Ethik / Philosophie / fantastisch / märchenhaft
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Philip Kerr hat die gefährlichen Tendenzen unserer gesellschaftlichen Entwicklung klar ins Visier genommen und sie erzählerisch gekonnt und spannend in sein Romanmanuskript 1984.4 eingebracht, das er bereits 2015 abgeschlossen hat, das aber erst jetzt posthum veröffentlicht worden ist.
Er hat die Handlung nach seinen Lieblingsvorstellungen in einem Paralleluniversum angesiedelt, die im Jahre 2034.4 in WH1 (= Westhalbinsel 1, ehemals England und Wales)spielt und zwar ausschließlich in London.

Hauptfigur des Romans ist die 16-jährige Florence. Sie kommt aus dem (einfachen) Volk, zeichnet sich aber durch besondere Fähigkeiten aus. So hat sie es als einzige unter 50.000 Bewerbern geschafft, RUV-Azubi (= Ruhestandsvollstreckerin) zu werden. Hierbei wird sie dazu ausgebildet, Personen über 50 Jahre ausfindig zu machen und zu exekutieren, die unter EOD (= Early-Unset-Demenz) leiden, festgestellt durch einen obligatorischen CM-Scan in diesem Alter, und die sich weigerten, dem Plan ihrer freiwilligen Euthanasie (= PFE) zuzustimmen und unterzutauchen versuchten.

Zunächst werden solche Exekutionsszenarien für Florence im Rahmen ihrer Ausbildung digital simuliert. Begeht sie dabei Fehler, erhält sie schmerzhafte Stromstöße oder analoge Schläge durch ihre Ausbilder. Sie erweist sich jedoch als vorbildliche Kraft im "Senioren-Service" und hat bereits nach 5 Wochen ihres realen Einsatzes 80 Altenflüchtlinge aufgespürt und erschossen, ohne irgendwelche moralischen Skrupel.

Nützlichkeits- und Zweckdenken dominieren also das soziale Leben dieser Gesellschaft und Florence ist darin ein bestens funktionierendes Rädchen. Geschichtlich wird diese erzählte Zeit als die nach den Religionskriegen bezeichnet. Ausdrücklich wird auf noch geschehende terroristische Aktionen von Dschihadisten hingewiesen, insgesamt ist die Gesellschaft aber vollkommen säkularisiert, religiöse Strukturen existieren nicht mehr. Zudem hat auch der gesamte Bereich der Kunst jegliche Bedeutung verloren, insofern sind Emotionen und Kreativität innerhalb der Gesellschaft so gut wie unbekannt.

Jeder einzelne Bürger trägt ein Wristpad, das elektronisch alle seine Tätigkeiten aufzeichnet und an den ATC (= Alan-Turing-Computer), den zentralen Überwachungscomputer, sendet. Bücher gibt es fast keine mehr, sie wurden vor geraumer Zeit eingesammelt und zu Zellstoff aufbereitet, als Sättigungsmittel für die karge menschliche Ernährung. Die elektronische Speicherung aller Bücher wurde angeblich durch Dschihadisten gelöscht.

Es herrscht ein extremes Klima, Unwetter dominieren, die Ernten fallen entsprechend mager aus. Und insgesamt ist die ökologische Situation desaströs: Die Flüsse sind giftig, die Wasserqualität miserabel, das Wasser zudem knapp.

Durch die OPS (= offene Polizei-Streitmacht), besser durch die Geheimpolizei, herrscht ein Zustand der totalen Überwachung und permanenten Einschüchterung. Gewissermaßen als Ausgleich wird jeden Tag ein Pflichtprogramm, das Zweiminutenlachen, ausgestrahlt, das von allen angeschaut und lachend verfolgt werden muss.

In dieser dystopischen Welt gelangt Florence durch Zufall zu einem Antiquitätenhändler, der noch über einige Bücher verfügt und der sie zudem zum Tagebuchschreiben motiviert. Das führt Florence dazu, dass sie sich ihres eigenen Handelns und das der diktatorischen Obrigkeit bewusst wird und es kritisch zu sehen beginnt. Durch einen weiteren Zufall lernt sie den etwas älteren Eric kennen, in den sie sich verliebt. Er ist ein BMW (= Beste Menschen Wesen), also Angehöriger der Oberschicht, die über mehr Bildung, Freiheit und Privatsphäre verfügen.

Und damit beginnt die radikale Wandlung von Florence: Sie empfindet Emotionen, erkennt das Verlogene und Unterdrückende der Administration und entschließt sich, dagegen aufzubegehren. Dabei erweist sie sich als mutiger und tatkräftiger als ihr gebildeter Freund, sie beginnt einen aktiven Aufstand gegen die Tyrannenherschaft - Ende offen.

Der versierte Autor hat diese Handlung mit zahlreichen Spannungsbögen zu einem fesselnden Thriller gestaltet, der durch die zahlreichen Sprachkürzel und Neologismen (die alle im Anhang aufgelistet werden) gerade auch jugendliche LeserInnen anspricht und der gut 70 Jahre nach dem Orwellschen Vorbild die aktuellen gesellschaftlichen Probleme, etwa das Vorherrschen von Pragma- und Flexi-Wahrheiten oder das Ruhigstellen durch elektronische Medien, als zeitkritische Menetekel eindrucksvoll vorführt!
[KS 18 Niedersachsen]
  
       

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