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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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c/o Alexandra Ritter, Reifenberger Straße 21, 60489 Frankfurt am Main

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Autor:
Bergmann, Sarah,     
Titel:
Der Junge aus dem Trümmerland
ISBN:
978-3-7348-4723-3  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Seitenanzahl:
238
Verlag:
Magellan, Bamberg
Gattung:
Erzählung / Roman
Reihe:
Jahr:
2020
Preis:
15,00 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Berlin 1947 - der Krieg ist vorbei, nicht jedoch für Paul, der mit seiner Mutter allein lebt und - nachdem sein Vater nicht zurückgekehrt ist - den Feind bekämpfen muss.
[Eiha 17 Mecklenburg-Vorpommern]
       
Lesealter:
10 - 15 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Klassenlesestoff Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Geschichte / Zeitgeschichte / Nachkriegszeit / Alltagsgeschichte / Nationalsozialismus
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Paul wächst im Deutschland der Nachkriegszeit auf, zwischen den Trümmern des zerstörten Berlins. Es ist das Jahr 1947. Die US-Armee hat einen Teil Berlins besetzt, nachts ist Sperrstunde, das Essen wird rationiert, es fehlt am Nötigsten, dafür existiert ein ausgeprägter Schwarzmarkthandel. Paul wohnt allein mit seiner Mutter. Beide tun ihr Bestens füreinander, um die entbehrungsreiche Zeit so gut es geht zu überstehen. Pauls Vater wurde in den letzten Kriegsjahren eingezogen und ist seitdem noch nicht zurückgekehrt; von ihm fehlt jedes Lebenszeichen. Trotzdem glaubt Paul fest an seine Rückkehr und wünscht sich nichts sehnlicher. Ablenkung erfährt der 13-Jährige beim Spielen mit seiner Bande, einer Gruppe etwa Gleichaltriger, die sich täglich in ihrem sogenannten Hauptquartier treffen. Sie spielen Krieg. Das vorherrschende Muster beim Spielen der Jugendlichen ist das des tapferen deutschen Soldaten gegenüber dem Feind, den Amerikanern. Umso stärker fühlt Paul sich, seinen Vater und das Vaterland verraten, als er von der Liebesbeziehung seiner Mutter mit einem afroamerikanischen US-Soldaten erfährt. Er will dies unter keinen Umständen tatenlos zulassen: "Für die anderen mochte der Krieg vorbei sein, für Paul hatte er gerade erst begonnen. [...] So wie der Vater die deutsche Heimat gegen den Feind verteidigt hatte, war es Pauls heilige Pflicht, die Familie zu schützen." (S. 69 f.) Doch dann kommt sein Vater endlich aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft zurück und die Handlung und damit auch Pauls Perspektive auf die Dinge nehmen eine Wendung.
"Paul" ist das Projekt der Autorin Sarah Bergmann, die mit einem Stipendium der Akademie Kindermedien (2017/18) den zeitgeschichtlichen Jugendroman "Der Junge aus dem Trümmerland" schrieb. Die Leser*innen folgen der Handlung aus der Erzählperspektive Pauls. Pauls Denken und Handeln ist über viele Seiten geprägt durch die ideologische Erziehung des Nationalsozialismus. Der neue Freund der Mutter sei der Feind, die Mutter selbst eine Verräterin - ein wiederkehrendes Motiv. Bestärkt wird er darin vor allem durch die Anführerin der Bande, Falke, die selbst im Volkssturm war und mit einigen anderen einen gewissen Druck auf ihn ausübt. Ein Korrektiv zu dieser stark nationalsozialistisch-stereotypen Richtung ist insbesondere die Figur namens Grille, ebenfalls Teil der Bande. Sie ist in der Gruppe die moralische Instanz, redet Paul und den anderen als Stimme der Vernunft ins Gewissen. Sie hat einen anderen Blick auf den Nationalsozialismus sowie dessen Folgen und setzt sich für demokratische Werte ein. Auch Pauls Mutter hat eine differenziertere Haltung, die jedoch eher von Emotionen beeinflusst wird und die Paul erst im Verlauf der Handlung versteht. An einigen Stellen wäre womöglich ein stärkeres korrigierendes Moment wünschenswert, zugleich spiegelt sich hier jedoch der tiefsitzende Einfluss der Ideologie wider.
Bemerkenswert für den Roman ist seine authentisch glaubhafte Gestaltung bei inhaltlichen und sprachlichen Details in Bezug auf die Nachkriegszeit. So wird z. B. Erbsensuppe gegessen, Swing-Musik gespielt, es ist von Kriegsinvaliden und Ostflüchtlingen die Rede. Damit bieten sich viele Anknüpfungspunkte für die weitere Beschäftigung mit dem historisch-kulturellen Kontext. Neben der Behandlung im Literaturunterricht verweist die Autorin hinsichtlich der sprachlichen Gestaltung im Vorwort explizit darauf, dass sie sich bewusst für die Nutzung zeitgenössischer Begriffe entschieden hat. Somit werden auch Sprachwandel und diskriminierende Sprache verhandelt. Darüber hinaus ist das Buch durch ein angefügtes Glossar mit historischen Termini didaktisiert, wobei der Roman für den Geschichtsunterricht durch die Auseinandersetzung mit Alltagsgeschichte besonders wertvoll ist.
"Der Junge aus dem Trümmerland" zeichnet insgesamt ein authentisch-überzeugendes Bild Berlins im Nachkriegsalltag aus der Sicht von Jugendlichen. Dabei gelingt es Sarah Bergmann die Nachwirkungen des Nationalsozialismus aufzuzeigen und infrage zu stellen, ohne zu moralisieren.

Eileen Hage
[Eiha 17 Mecklenburg-Vorpommern]
  
       

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