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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW
c/o Alexandra Ritter, Reifenberger Straße 21, 60489 Frankfurt am Main

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Autor:
Marmon, Uticha,     
Titel:
Das stumme Haus
ISBN:
978-3-7373-5825-5  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Kehn, Regina
Seitenanzahl:
207
Verlag:
Sauerländer, Frankfurt/Main
Gattung:
Kinderbuch
Reihe:
Jahr:
2021
Preis:
14,00 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Nikosch versteht die Welt nicht mehr: Keine Verabredungen, keine Schule, keiner darf raus. Nichts ist erlaubt. Pure Langeweile! Doch als Nikosch genau hinsieht, entdeckt er Aufregendes ...
[ilo 16 Hessen]
       
Lesealter:
10 - 11 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Klassenlesestoff Büchereigrundstock für Arbeitsbücherei
Wolgast Preis:
Ja
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Freundschaft / Abenteuer / soziale Ungleichheit / Pandemie
       
Anmerkungen:
Die Thematik dieses Buches lässt sich in der späten Grundschulzeit gut vermitteln, etwa in schulischen Lesestunden, in einem Leseclub oder Ähnlichem
       
Beurteilungstext:
Nikosch wohnt im Kaninchenbau. Natürlich ist das kein echter Kaninchenbau, es war sogar mal ein Schimpfname für dieses fünfstöckige Mehrfamilienhaus mit seiner bunt zusammengewürfelten Hausgemeinschaft. Es geht ziemlich laut zu – aber egal, wo die Menschen herkommen, es ist immer bunt und quirlig im Haus, findet Nikosch.
Unvermittelt ändert sich die Situation. Das lebhafte Treiben im Haus verebbt. Nikosch und die anderen Kinder erleben, wie sich die ganze Hausgemeinschaft verändert. Die Erwachsenen reagieren zunehmend gereizt. Im ganzen Haus breitet sich eine bleierne Stille aus. Und der Spaß, den die Kinder zuerst empfinden, als es heißt, dass die Schule bis auf weiteres geschlossen wird, ist auch bald verflogen. Was zunächst noch lauthals als „Cool! Yeah! Schulfrei!“, begrüßt wird, entwickelt bald eine merkwürdige Langeweile.
Nikosch und die Kinder können nicht genau verstehen, warum sich alle im Haus plötzlich so seltsam verhalten, aber insgeheim ahnen sie die Gefahr an den Reaktionen der Erwachsenen.
Da Kontakte außerhalb der Familie für die nächste Zeit untersagt sind, schleichen sich die Kinder aus der Hausgemeinschaft zu supergeheimen Treffen mit anderen Kindergangs. Die Baustelle ganz in der Nähe ist ein prima Versteck, um sich mit der Fuchsgang zu messen. Nikoschs Kommentar dazu: „Füchse und Wölfe sind gefährlich, aber Kaninchen sind schlau und schnell!“
Uticha Marmon erzählt konsequent aus Nikoschs Perspektive von einer Zeit der Pandemie, die das unbeschwerte Zusammenleben im Haus und in der Schule mit einem Schlag beendet.
Es ist aber nicht nur diese unerklärliche Krankheit, die bei den Kindern erst mal Ratlosigkeit auslöst, denn Nikosch, seine Zwillingsschwester Nini und die anderen Kinder im Haus machen mit ihren Beobachtungen an der Baustelle und dem neuen Haus gegenüber einige aufregende Entdeckungen: Sind hier Diebe unterwegs? Etwa auch im Kaninchenbau? Und es wird noch geheimnisvoller: Da funkt jemand SOS-Taschenlampensignale aus dem schicken Neubau gegenüber dem Kaninchenbau.
Die Autorin lässt Nikosch den Einstieg in diesen Kinderroman aus einer geradezu abenteuerlich misslichen Lage heraus sprechen - mit dem Verweis auf das spätere Geschehen, das nach vielen spannenden Buchseiten aufgeklärt wird.
Uchita Marmon zeigt in ihrem Kinderroman auf die ernsten Probleme, die durch die Pandemie ausgelöst und sichtbar wurden: Arbeitslosigkeit, systemrelevante Arbeit, Kurzarbeit bei einigen Eltern im Haus, der Tafelladen ist geschlossen, Streit und Stress in den Familien nehmen zu, Überforderung, unschöne Auseinandersetzungen, Kindesmisshandlung.
Aber Nikosch und seine Freunde agieren pfiffig und ideenreich. Ausgestattet mit Babyfonen und alten Walkie-Talkies, gelingt ihnen eine „verdeckte Operation“. Außerdem schaffen sie es, dass sich Mitbewohner engagieren, sogar unter Einhaltung der Abstandsregeln ein eigenes Homeschooling im Kaninchenbau einzurichten und ein ausgeklügeltes Hilfesystem für die Hausgemeinschaft zu etablieren. An diesen Beispielen zeigt sich auch die Resilienz, mit der Uchita Marmon Nikosch und einige andere Protagonisten ausgestattet hat: durch die Pandemie entstandene psychische Belastungen wecken bei ihnen Widerstandskräfte.
Komplexe Zusammenhänge so darzustellen, dass auch die Kinder etwas davon mitnehmen können, hat Uchita Marmon sehr anschaulich und plastisch erzählt. Als Beispiel sei Martin genannt, der für Nikosch manchmal „durchsichtig“ erscheint, weil Nikosch meint, dass es bei Martin etwas gibt, was Nikoschs Gehirn einfach nicht sehen will. Dass etwas schon immer da ist, was in der Pandemie erst sichtbar wird. Im Nachwort zieht die Autorin das Fazit, dass sich an der sozialen Ungleichheit, wie sie Nikosch und seine Freunde erleben, etwas ändern lässt: „Wenn wir nur alle genau hinsehen. Und aufeinander achtgeben – wie die Kaninchen.“
[ilo 16 Hessen]
  
       

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