AJUM Logo
Datenbank
Besprechungen von Kinder-,
Jugendliteratur & Medien




Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
Datenbank

AJuM Datenbank
Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW
c/o Alexandra Ritter, Reifenberger Straße 21, 60489 Frankfurt am Main

7687 aktuelle Rezensionen, weitere 78295 Rezensionen im Archiv
Suchtext:
Schlagwörter:
Titel:
Autor
Vorname:
Autor
Nachname:
Illustrator:
Bewertung:
 Einsatzmögl.:
Medienart:
Alter:
Gattung:
 Archiv anzeigen:
Wolgastpreis:
 
Wie suche ich richtig? Wie darf ich die Rezension verwenden? DRUCKANSICHT



Autor:
Drewery, Kerry,     
Titel:
Der letzte Papierkranich. Eine Geschichte aus Hiroshima
ISBN:
978-3-03880-043-9  
Übersetzer:
Piel, Meritxell Janina
Originalsprache:
Englisch
Illustrator:
Seki, Natsko
Seitenanzahl:
272
Verlag:
Arctis, Zürich
Gattung:
Erzählung / Roman
Reihe:
Jahr:
2020
Preis:
19,00 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
6. August 1945: Ein Tag, den niemand in Japan jemals vergisst. Und ein Versprechen, das den Großvater von Miruki bis heute verfolgt: Als die Amerikaner die Atombombe auf Hiroshima werfen, versucht der damals 17jährige Ichiro die kleine Schwester Keiko seines Freundes Hiro aus dem furchtbaren Inferno zu retten.
[SRAn 16 Hessen]
       
Lesealter:
12 - 13 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Geschichte / Krieg / Fremde Kulturen / Liebe
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
In ihrem Vorwort beschreibt die britische Romanautorin die Entstehungsgeschichte dieses Jugendbuches über Hiroshima und die Atombombe. Obwohl sie keine Japanerin ist, nichts davon selbst erlebt hat oder jemanden kennt, der es erleben musste. Ein früher Impuls in der Kindheit war ein Aufklärungsfilm über die Wirkung von Atombomben, der ihr große Angst machte. Später beschäftigte sie sich intensiv mit diesem „Sündenfall“ der Menschheit – oder sollte man besser sagen der US-Regierung?
Um Angst, Schuld, Liebe und die überzeitliche Erinnerung an dieses Kriegsverbrechen soll es in diesem Roman gehen, dessen Untertitel und der Klappentext den möglicherweise historisch unwissenden Leser aufklären: Es geht um das Heute, ein altes Versprechen und gleichermaßen um diesen heißen Augusttag in Hiroshima 1945, als um 8.15 Uhr vom US-Bomber Enola Gay die 1. Atombombe, die jemals in einem Krieg eingesetzt wurde, auf die japanische Stadt abgeworfen wurde und nur 3 Tage später die 2. Atombombe auf Nagasaki. Befohlen wurde diese von US-Präsident Truman, vorgeblich um die japanische Regierung zur Kapitulation zu zwingen. In Hiroshima starben sofort 70 bis 80.000 Menschen – sie „verdampften“ regelrecht durch die unermessliche Hitze, wurden von der Druckwelle getötet oder starben durch den Feuersturm und den radioaktiven Fallout. Dokumente und Bilder von diesen Zerstörungen und den Leiden der Menschen – fast alles Zivilisten – sind kaum anzusehen. Es war ein Inferno ungeheuerlichen Ausmaßes.
Drewerys Roman besteht zum einen aus der historischen Erzählung des Großvaters Ichiro, die von ihm in der Ich-Perspektive und von der Autorin in Prosa erzählt wird und den Hauptteil des Buches ausmacht. Zum anderen ist da die aktuelle Perspektive von Miruka, der Enkeltochter, die ein enges Verhältnis zu ihrem Großvater hat. Seit dem Tod der Großmutter hat er sich verändert und sie spürt deutlich, dass ihn etwas sehr bedrückt und quält. Dieser Teil des Romans besteht aus Versen wie diesen:
Ich habe etwas Schlimmes getan, Mizuki.
Ich kann es nicht länger verbergen.
Deine Großmutter hat es verstanden. …
Sie hat
Diesen
Schmerz
Verstanden.
Diese
Schuld.
Ein altes Buch und Papierkraniche sind für die Geschichte des Großvaters von elementarer Bedeutung. Es ist das für die japanische (Literatur)Geschichte so bedeutsame „Genji Monogatarij“ oder auf Deutsch „Die Geschichte vom Prinzen Genji“, ein schon um 1000 n.Ch. entstandener Roman, einer Hofdame zugeschrieben. Dieses Buch, das er von seinem Vater bekam, hatte Ichiro bei sich, als um ihn herum die Welt in einem Feuerball explodierte. Dieser Moment ist bildlich als Explosion gestaltet und der Text versucht, die Empfindungen und Gedanken des jungen Mannes wiederzugeben: „Ein Lichtblitz.“ „Er füllt mein Gesichtsfeld völlig aus, als sei ich erblindet.“ „Sterbe ich? Oder bin ich schon tot? Schwebe durch Luft, die zu heiß zum Atmen ist. Der Blitz dauert kaum eine Sekunde. Dann beginnt das Danach.“ Ichiro irrt zuerst hilflos und schwer verletzt durch die Straßen, von den Häusern ist nichts geblieben, bis er seinen Freund Hiro findet. Der bittet ihn sterbend darum, seine kleine erst 5-jährige Schwester Keiko im Kindergarten abzuholen und sie zu retten. Dieses Versprechen treibt Ichiro an. Er findet das verstörte Kind und tut alles, um mit ihr zu einem Krankenhaus zu gelangen. Aber dann muss er sie doch zurücklassen. Und als er wieder zu Bewusstsein kommt, sind vier Wochen vergangen und er ist in Tokio in einem Krankenhaus – ohne Keiko.
Und seine schwer auf ihm lastende Schuld liegt darin, dass er sie nicht retten konnte, aber er überlebt hat. [ Von einem solchen Schuldgefühl berichten auch viele Überlebende des Holocausts, deren Familien in den Vernichtungslagern ermordet wurden.] Im Krankenhaus lernt er dann die japanischstämmige Amerikanerin Megumi kennen, die ihm sanftmütig und geduldig hilft: bei der Suche nach Keiko im zerstörten Hiroshima und auch viele Jahre später noch – sie wird seine Frau.
Gemeinsam suchen sie Keiko und hinterlassen Adresse und Nachrichten auf herausgerissenen Seiten aus dem Buch vom Prinzen Genji. Es gibt keine Nachricht von Keiko und von dem Buch ist am Ende nur noch eine Seite übrig.
Drewery erzählt die Geschichte des Großvaters mit beeindruckender sprachlicher und erzählerischer Kunst – genau beschreibend, sehr anrührend, manchmal kaum aushaltbar, aber niemals überwältigend. Die extremen Erfahrungen und Gefühle, das anhaltende Trauma, die Schuldgefühle, die Alpträume – alles wird lebendig und glaubhaft erzählt. Und schließlich gelingt ihr in der Rahmenerzählung auch noch ein hoffnungsvoller Schluss – historisch zwar sehr unwahrscheinlich, aber für die jugendliche Leserschaft tröstlich und hoffnungsvoll.
Großartig sind auch die zwischen die Verse eingefügten Haikus, die mit Natsko Sekis kräftigen kalligraphischen roten Pinselstrichen gerahmt sind. Haikus bestehen immer aus 3 Zeilen zu jeweils 5 – 7 – 5 Silben. Zwei Beispiele aus dem Buch:
Blätter an einem



Bewahre den Blick
sterbenden Baum sind unsere

auf deine Vergangenheit
Erinnerungen. (S. 16)


und schaue voraus. (S. 236)
Nicht unerwähnt lassen möchte ich noch, dass ich es schade finde, dass die japanischen Namen nicht in der dort üblichen Weise geschrieben sind und ein kleiner Fehler ist der Autorin bei der Übersetzung des japanischen „sensei“ passiert: Sensei ist der Lehrer oder Lehrmeister nicht der Herr (S. 141).
Anmerken möchte ich auch, dass ich es überraschend und richtig finde, wie Drewery die Begegnung Ichiros mit Megumi, als Angehörige der siegreichen US-Army (Women‘s Army Corps) darstellt. Sie legt ihr die Worte in den Mund, dass sie deshalb da seien, weil sie „ihnen beim Wiederaufbau helfen und einige Studien über die Bombe durchführen wollen“. (S. 119)
Ich wünsche dem Buch sehr viele junge LeserInnen, die noch über Empathie verfügen und für eine friedliche Welt ohne Atomwaffen zu kämpfen bereit sind.
Angelika Schmitt-Rößer
[SRAn 16 Hessen]
  
       

Für namentlich oder mit Namenskürzel gekennzeichnete Beiträge und Beurteilungen liegt die presserechtliche Verantwortung beim jeweiligen Autor bzw. bei der jeweiligen Autorin.