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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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Autor:
Rothmann, Ralf,     
Titel:
Milch und Kohle
ISBN:
978-3-7632-7032-3  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Hülsmann, Jörg
Seitenanzahl:
212
Verlag:
Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/M.
Gattung:
Erzählung / Roman
Reihe:
Jahr:
2019
Preis:
26,00 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Ruhrpott Ende der 60er Jahre: Simon ist 15 und lebt mit seinen Eltern und dem jüngeren, halb verwilderten Bruder in einer Zechensiedlung. Die Tristesse des Lebens liegt schwer auf den Leuten. Simon ist mit dem Erwachsenwerden beschäftigt. Als die ersten italienischen Gastarbeiter auftauchen, liegt plötzlich eine Verheißung in der Luft, die nie erfüllt wird.
[SRAn 16 Hessen]
       
Lesealter:
16 - 17 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Büchereigrundstock für Arbeitsbücherei
Wolgast Preis:
Ja
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Arbeitswelt / Beruf / Arbeitslosigkeit / Familie / Jugend / Adoleszenz
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
„Der Anzug war nicht schwarz. Nicht wirklich…Anthrazit, so hieß auch eine Kohleart, die teuerste damals … Um die Haufen herum lag stets feiner Staub, eine hellschwarze, leicht schimmernde Aura…“ So beginnt Ralf Rothmanns seinen im Jahr 2000 bei Suhrkamp erschienener Roman Milch und Kohle. Draußen blüht der Flieder und Simon, der Ich-Erzähler, macht sich auf zur Beerdigung seiner Mutter. In der Wohnung findet er einen an ihn adressierten Zettel seines verstorbenen Vaters, einem Malocher unter Tage, auf dem in ungelenken Buchstaben steht, dass er „die Mutti“ geschlagen habe. Nun setzt Simons Erinnerung ein und als Leser ist man zurückversetzt in die 60er Jahre in dieses proletarische Milieu zwischen Maloche, Kohlenkeller und den Verheißungen der Illustrierten auf ein Glück irgendwo anders. Simons lebenslustige Mutter versucht den Geldsorgen, der engen Wohnung und dem bedrückenden Alltag mit selbst genähten schicken Kleidern, Tanzen im Café Maus an den Wochenenden und einer Affäre mit dem schmucken Gastarbeiter Gino zu entkommen. Der Vater liegt nach einem schweren Arbeitsunfall im Krankenhaus und versinkt milchtrinkend in wehmütigen Erinnerungen an seine Zeit als Melker auf einem Gutshof auf dem Land.
Hier im Ruhrpott rauchen nicht nur unentwegt die Schlote und Schornsteine, sondern alle. Im Kohlenkeller üben Simon und das Nachbarsmädchen Ruth, mit Kohlenstaub an der Nasenspitze und Kaugummiblasen im Gesicht, das Küssen mit Zunge und noch mehr. Simons bester Freund Pavel, kaum älter als er, lässt sich von keinem was sagen, wohnt im Zelt im Garten und hat schon was mit Mädchen und Frauen. Gemeinsam düsen sie auf der frisierten Zündapp durch die Siedlung, schinden Eindruck.
Rothmann schreibt und beschreibt seine Helden und Heldinnen in beindruckender Knappheit, mit Sympathie für sie in ihrer begrenzten Weltsicht und dem Unvermögen einen Weg aus der Enge des vorgezeichneten Weges zu finden. „Wir hatten ja auch gute Jahre.“ – mit diesen Worten tröstet sich Simons Mutter am Ende ihres Lebens.
Rothmann, selbst ein Bergmannssohn und in diesem Milieu aufgewachsen, lässt in diesem Roman ein lebendiges Bild dieser Zeit und des Lebens im Ruhrpott entstehen: Man riecht förmlich den Kohlestaub, die überkochende Milch, den Zigarettenrauch in den Kleidern. Man sieht die Zechensiedlung vor sich, die Kumpel auf dem Weg zur oder von der Schicht, die spitzen BHs unter den Trevira-Blusen.
Rothmann hat keinen klassenkämpferischen Roman (wie z.B. die Texte des „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“) geschrieben, in dem die Helden in Solidarität ihre Lage verbessern. Stattdessen öffnet sich dem Leser der Blick auf die Szenarien des Erwachsenwerdens unter prekären Lebensverhältnissen. So ist Milch und Kohle ein Coming-of-Age-Roman, aktuell und zeitlos zugleich
.In seiner zeitlichen und örtlichen Situierung ist er ein geschichtlich trefflich geschildertes Panoramabild, das in Rothmanns stilsicherer, rauen, manchmal schroffen, aber auch humorvollen und manchmal wehmütigen Sprache den Arbeiterfamilien ein Denkmal setzt.
Jörg Hülsmann greift Stimmung und Charakteristika des Romans in seinen schwarz-weißen Tuschezeichnungen in wunderbarer Weise auf. Im Nachwort betont er, wie gerne er dieses Buch illustriert hat. Vieles was ihm aus seiner Jugend vertraut ist, wie „das Telefon mit Brokathülle… das omnipräsente Transistorradio, Ata, Trill, Fix und Foxi, Zündapp, Juno oder Ford Taunus“, hat ihn zu seinen Federzeichnungen mit schwarzer Tusche, hier und da grau und braun angereichert und mit hellen Details für die Lichtblicke – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn – inspiriert. Rothmanns Bilder der Erinnerung setzt Hülsmann in Szene wie Schnappschüsse mit einer alten Kamera fotografiert: Da sieht man die Jungen mit dem Moped durch die nächtliche Zechensiedlung fahren, verdunkelt vom Rauch der Schlote, nur erhellt von einigen Sternen und dem Lichtschein des Mopeds oder Pavels Mutter im Regen vor der Pommesbude und dem Schrottplatz, zitternd in Sorge um ihren Jungen.
Ein paar solcher Fotos – schwarz-weiß, mit gezacktem Rand, wie sie damals waren, stecken zudem lose zwischen den Buchseiten und fallen beim Blättern heraus.
Das Buch ist rundherum als Sonderausgabe gestaltet – mit 21 Illustrationen, rotem Lesebändchen, schwarzem Rundumfarbschnitt, ganz besonders stimmigen Vorsätzen und in die ersten und letzten Seiten übergehende, verlaufende Tusche und eine Seitennummerierung, die wie ein Zechenkorb auf und ab fährt.
Nicht verwunderlich, dass diese Ausgabe bereits auf der Shortlist der schönsten Bücher 2019 steht.
Fazit: Unbedingt lesenswert und ein Augenschmaus!
[SRAn 16 Hessen]
  
       

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