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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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c/o Alexandra Ritter, Reifenberger Straße 21, 60489 Frankfurt am Main

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Autor:
Hill, Will,     
Titel:
After the fire
ISBN:
978-3-423-65032-8  
Übersetzer:
Ströle, Wolfram
Originalsprache:
Englisch
Illustrator:
Seitenanzahl:
475
Verlag:
dtv, München
Gattung:
Erzählung / Roman
Reihe:
Jahr:
2020
Preis:
15,95 €   Taschenbuch / Heft / Broschur
       
Inhalt:
Davor lebte sie mit ihrer Familie innerhalb des Zauns. Danach ist sie in einer Einrichtung gefangen. Davor dachte sie, sie würde vor etwas geschützt. Danach erzählen die Leute ihr, dass sie jetzt endlich in Sicherheit sei. Sie ist sich nicht sicher, was besser ist, davor oder danach? Die Überlebende einer Sekte berichtet.
[est 15 Hamburg]
       
Lesealter:
14 - 99 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Außenseiter / Gewalt / Missbrauch / Religion /Sekte
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
„Der Herr ist freundlich!“
Wie oft hat die 17-jährige Moonbeam das gehört. Bis zum großen Feuer und der großen Schießerei, bei der im Lager der Gotteslegion 67 Menschen starben und nur 17 überlebten.
„Der Herr ist freundlich!“ Vor acht Jahren übernahm Father John die Herrschaft über die Sekte und führte Säuberungen durch. „Der Herr ist freundlich!“ mussten Moonbeam und die anderen Kinder sagen, wenn sie bestraft wurden. „Der Herr ist freundlich!“, deswegen mussten alle Brüder und Schwestern im Lager schießen lernen, niemand durfte das Lager verlassen. Denn die Menschen außerhalb des Lagers, die Diener der Schlange würden sie foltern, vergiften oder langsam töten. Die sechs Frauen des Father John mussten fleißig Kinder gebären, er bereitete sich auf die Endzeit vor. Dann würden alle Schwestern und Brüder der Gotteslegion direkt in den Himmel kommen, denn „Der Herr ist freundlich“.

Die Mechanismen extremer Sekten – Glaubensmanipulation, bedingungsloser Gehorsam, psychische und physische Gewalt, Machtmissbrauch – werden sehr deutlich. Das ist ein wichtiges Thema, nicht nur für Jugendliche. Die Schilderungen sind zum Teil hart zu lesen, der Umfang von 475 Seiten könnte einige LeserInnen davon abhalten.
Doch weder das rote Cover, das mit abgebrannten Streichhölzern sehr gut zum Titel passt, noch die Klappentexte bereiten auf das Thema vor. Stattdessen liest man die reißerische Ankündigung oberhalb des Titels: Total anders – aufregend und faszinierend. Wer einem jungen Menschen dieses Buch schenken möchte, muss sich anderweitig über den Inhalt informieren.

Die Protagonistin Moonbeam beschreibt zu Beginn des Romans das große Feuer, alle folgenden Kapitel sind entweder mit VORHER oder NACHHER überschrieben. NACHHER beschreibt chronologisch das Leben der Ich-Erzählerin in einer geschlossenen Abteilung der Psychiatrie, ihre Therapien beim Psychiater, die Befragungen des FBI. In VORHER erinnert sich Moonbeam an Zeiten im Lager. Durch diesen Perspektivwechsel entsteht Spannung. Immer neue Spannung entsteht durch die Dinge, die Moonbeam erzählt, aber auch durch die Dinge, die sie verschweigt oder leugnet. Ein roter Faden durch die Geschichte sind die immer wiederkehrenden Fragen und Gedanken von Moonbeam zu ihrer Mutter.

Die Entwicklung der Protagonistin, die fast ihr ganzes Leben im Lager in der Wüste verbracht hat, wirkt realistisch. Sie kann sich an Zeiten vor Father John erinnern, als die Menschen der Gotteslegion ausschwärmten und missionierten. Sie kann sich an die Liebe erinnern, die sie dem Propheten entgegenbrachte, an den Zusammenhalt der Gemeinschaft. An die Tagesabläufe, an die Strafen. Der Autor Will Hill erzählt die Erinnerungen seiner Ich-Erzählerin so sachlich, so selbstverständlich und unemotional, dass so ein Leben dem Lesenden irgendwann ganz normal erscheint.
Erst als ihre Mutter als Ketzerin aus dem Lager gejagt wird, beginnt Moonbeam zu zweifeln und genau zu beobachten. Ihre psychische Entwicklung nach dem Feuer, ihre Traumata und ihre Schuldgefühle wirken sehr glaubwürdig und realitätsnah. „Es sind Dinge, die sich in mein Gedächtnis gebrannt haben, Narben, die nie vergehen werden.“

Der Autor Will Hill schrieb vorher die Serie „Department 19“, die sich dem Kampf gegen Vampire widmet. Zu „After the fire“ wurde er von der Belagerung einer Sekte in Waco, Texas, im Jahr 1993 angeregt. Der Roman für junge Erwachsene bekam mehrere Preise und stand auf der Shortlist zur Carnegie Medal.
Es gibt zahlreiche Bücher zum Thema Sekten. Das Besondere dieses Buches ist der Fokus auf die Kinder von Sektenmitgliedern. Während es die unterschiedlichsten Gründe gibt, einer Sekte beizutreten, haben die Kinder der Mitglieder keine Wahl. „Der Herr ist freundlich.“

Das Buch regt dazu an, charismatische Reden und Aussagen zu hinterfragen. Trotz der Länge für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene sehr empfehlenswert.
[est 15 Hamburg]
  
       

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