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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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c/o Alexandra Ritter, Reifenberger Straße 21, 60489 Frankfurt am Main

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Autor:
Adbåge, Lisen,     
Titel:
Die Bestimmer
ISBN:
978-3-407-75811-8  
Übersetzer:
Dörries, Maike
Originalsprache:
Schwedisch
Illustrator:
Adbåge, Lisen
Seitenanzahl:
36
Verlag:
Beltz, Weinheim
Gattung:
Bilderbuch
Reihe:
Jahr:
2020
Preis:
13,95 €   Buch: Hardcover
       
Inhalt:
Für mich ein klares „Sehr empfehlenswert“. Adbåge versteht es auf subtile Weise, mit Bild und Text Spannungen aufzubauen, Irritationen herauszufordern und Problemlösungen anzubieten, die zum Nachdenken anregen.
[gre 15 Hamburg]
       
Lesealter:
4 - 7 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Freundschaft / Selbstbestimmung / Nein-Sagen / Macht / Gruppe
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Wer will ich sein? Zu welcher Gruppe will ich gehören? Bin ich ein Mitläufer oder ein Richtungsgeber? Bin ich ein Beobachter, ein Mitmacher? Bin ich Meinungsführer oder Meinungsbildender? Ein Zuhörer oder ein Aushandler? In Lisen Adbåges Bilderbuch „Die Bestimmer“ sind die Rollen zunächst klar verteilt: Einer Gruppe von vier Jungen und Mädchen, die den Ton angeben und sagen, was gemacht wird, stehen fünf andere Jungen und Mädchen gegenüber, „die nicht mitmachen dürfen“. Dabei sind sie es, die immer neue Ideen haben, was sie gemeinsam spielen könnten. Ganz egal, was die fünf Kinder beginnen, ob sie schaukeln, klettern, aus herumliegenden Ästen ein Haus bauen, die Bestimmer folgen ihnen und ärgern und beschimpfen sie. Einem gefährlichen Auftrag – „Schaukelt höher!“, „Klettert höher!“ –, der darauf abzielt, den Fünfen körperlichen Schaden zuteil werden zu lassen, folgt die Vertreibung – „Haut ab!“ – vom Ort, vom Spielgerät, vom Vergnügen. Interessant ist es, wie Adbåge die fünf Freunde auf die Demütigungen reagieren lässt. Unfähig, sich gegen die Ungerechtigkeiten aufzulehnen, Fragen zu stellen oder einfach „Nein“ zu sagen, leisten sie den Befehlen Folge, geben sogar Freude an den Aufgaben vor, die „die Bestimmer“ ihnen auferlegen. Das Schaukeln in schwindelnde Höhen „macht so viel Spaß, dass wir fast runterfallen“, und nachdem sie ganz nach oben geklettert sind, „ist die Aussicht superschön“. Alles vorgeschoben, Adbåges Zeichnungen lassen keinen Zweifel daran, dass die fünf Kinder Angst haben. Und so möchte man sie schütteln und ihnen zurufen: „Ihr seid in der Überzahl! Wehrt euch! Warum lasst ihr euch das gefallen? Seht ihr denn nicht, dass ihr alles Neue, Freude Machende initiiert und die eigentlichen Macher seid?“ Aber noch ist es nicht soweit.

Adbåge gelingt es, mithilfe sich wiederholender Handlungssequenzen an unterschiedlichen Orten beim Leser emotionale Involviertheit und Anspannung zu evozieren. Die Passivität der Fünfergruppe, die sich damit abzufinden scheint, diejenigen zu sein, „die nicht mitmachen dürfen“, regt auf. Und so mag der Leser persönliche Erleichterung spüren, als die Freundesgruppe in der letzten Szene endlich, endlich Haltung zeigt und sich gegen die Bestimmer behauptet. Das passiert: „Wir, die nicht mitmachen dürfen“, wie sich die Kindergruppe selbst bezeichnet, finden auf einem Bolzplatz einen Ball und spielen schließlich mit fünf weiteren Kindern Fußball mit zwei Mannschaften. Die Geschichte entwickelt sich nach dem bereits bekannten und zuvor angelegten Muster: Die Bestimmer-Gruppe kommt hinzu, reklamiert den Ball für sich, um dann festzustellen, dass vier zu wenige zum Fußballspielen sind. „Also...“, sagt einer von den Bestimmern. „Ihr MÜSST mitspielen!“ An diesem Wendepunkt fokussiert die Autorin auch im Bild auf das Wesentliche und zoomt in die Szene: Zehn Kindern, die jetzt entschlossen blicken und aus deren Gesichtern jedes Zeichen von Angst verschwunden ist, stehen vier gegenüber, die mit ihren verkniffenen Bestimmer-Gesichtern auf eine Antwort warten. Sie lautet: „Nein“ mit der einfachen Begründung: „Weil wir nicht wollen!“

Adbåges Geschichte ruft ihre Leser dazu auf, nicht in zugeschriebenen Rollen zu verhaften, sondern sich auf moralische Instanzen wie Gemeinschaft und Freundschaft, die Würde des Einzelnen und Gleichheit zu besinnen. Sie ermutigt dazu, dem Eigenen Raum zu geben, sich eine Meinung zu bilden und sich zu fragen: Will ich das, was jemand von mir möchte, gerade selbst? Wie sinnvoll ist das an mich Herangetragene? Nein-Sagen kann im Schutz eines von Adbåge gewählten multiplen Ich-Erzählers, eines Wir-Erzählers, erfolgen. Nein-Sagen ist darüber hinaus das Recht jedes Einzelnen.

Einsatzmöglichkeiten: Die thematische Empfehlung über das Kindergartenalter hinaus für den Einsatz in der Grundschule liegt auf der Hand: Dass einzelne Kinder oder Gruppen über andere Kinder und Gruppen bestimmen wollen, ist erlebter Kinderalltag und relevant. Hinzu kommen aus meiner Sicht weitere gelungene Aspekte. Da sind zum einen die polyvalenten Deutungsmöglichkeiten: Text und Bild „erzählen“ häufig etwas Anderes. Das wirkt irritierend und fordert Schülerinnen und Schüler zu einer tieferen Auseinandersetzung mit dem Gesehenen und Gehörten heraus. Zum anderen bietet das Bilderbuch sprachliche Muster an, die aus deutschdidaktischer Sicht Stütze für Schriftspracherwerb, Textverstehen und Sprachbildung sind, etwa „Wir, die nicht mitmachen dürfen“. Darüber hinaus können wörtliche Rede und Befehlsformen als Besonderheiten von Schriftsprache wahrgenommen werden.

Kerstin Hosie
[gre 15 Hamburg]
  
       

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