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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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c/o Alexandra Ritter, Reifenberger Straße 21, 60489 Frankfurt am Main

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Autor:
Pressler, Mirjam,     
Titel:
Dunkles Gold
ISBN:
978-3-407-81238-4  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Seitenanzahl:
327
Verlag:
Beltz, Weinheim
Gattung:
Erzählung / Roman
Reihe:
Jahr:
2019
Preis:
17,95 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Das Herz klopfte mir heftig bis in den Hals. Vielleicht wusste ich es ja wirklich nicht, was es hieß, jüdisch zu sein. Ich war naiv gewesen, arglos. Und dabei hätte gerad ich es besser wissen müssen.
[est 15 Hamburg]
       
Lesealter:
12 - 99 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Klassenlesestoff Büchereigrundstock für Arbeitsbücherei
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Familie / Geschichte / Rassismus / Religion / Judentum / Mittelalter / Pest / Erste Liebe
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
„Reiche Juden leben gefährlich“, sagte Rachels Vater und beschreibt damit das Hauptthema dieses Romans. Juden und Gold. Oder sollte ich sagen: dieser zwei Romane?
Die eine Geschichte spielt in der Gegenwart. Lauras Leidenschaft ist das Zeichnen. Sie möchte eine Gothic Novel über den Erfurter Goldschatz aus dem Jahr 1349 zeichnen und sucht Kontakt zu dem einzigen Juden an ihrer Schule. Alexej wird ihr Freund, von ihm hört sie viel über die Vertreibung von Juden.
Die andere Geschichte spielt im Jahr 1349, in dem der Jude Kalman mit seinen Kindern Rachel und Noah aus Erfurt flieht und vorher seine Reichtümer unter seinem Haus vergräbt. Die Pest ist nach Deutschland gekommen, die Christen geben den Juden daran die Schuld und verfolgen sie. Die Familie flieht nach Polen.

Oder sind es gar nicht zwei Romane, sondern Lauras Vorstellung, was der jüdischen Familie passiert sein könnte, deren Vermögen so gut versteckt war, dass es erst heute entdeckt wurde?

Alle ungeraden Kapitel spielen in der Gegenwart, alle geraden Kapitel spielen in der Vergangenheit.
Durch den ständigen Perspektivwechsel entsteht zunehmend Spannung. In beiden Geschichten berichten 15-jährige Ich-Erzählerinnen aus ihrem Leben. Es ist leicht, sich in die Gedanken und in die Gefühlswelt von Laura und Rachel hineinzuversetzen. Rachel wird aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen und muss sich mit dem Tod des Vaters auseinandersetzen. Dabei helfen ihr die Liebe zu ihrem Bruder, das Betrachten der Landschaft, ihr kleines Kaninchen. Durch die sorgfältig recherchierten historischen Details wirkt das Leben des Mädchens im Mittelalter authentisch.

Der Erfurter Goldschatz existiert. Er wurde 1998 durch Zufall entdeckt und ist seit 2009 im Kellergewölbe der alten Synagoge in Erfurt öffentlich ausgestellt. Dieser Schatz ist das Bindeglied zwischen den beiden Erzählsträngen. Lauras Auflehnung gegen die alleinerziehende Mutter, ihre Zuneigung zu Herrn Schneider, dem von der Großmutter geerbten Hund, und die aufkeimende Liebe zu einem jungen Juden zeichnen eine eher nachdenkliche Protagonistin, der immer mehr historische Zusammenhänge deutlich werden.

Die im Januar 2019 gestorbene Autorin Miriam Pressler war selbst Jüdin. Das Thema Judentum zieht sich durch ihr gesamtes Werk. In ihrem posthum erschienenen Werk lässt sie unterschiedliche Stimmen dazu zu Wort kommen: Händler des Mittelalters und Rachels Vater, Lauras Mutter, die als Kunsthistorikerin mit dem Erfurter Schatz arbeitet, Alexejs Großmutter, die von der Emigration nach Russland erzählt und seine Eltern. Das dritte Reich wird nur am Rande gestreift, hauptsächlich geht es um Mittelalter und Gegenwart.

Laura wird in der Schule mit Antisemitismus konfrontiert und reagiert empört. Doch selbst sie tritt mit ihren Bemerkungen über Juden bei Alexejs Familie in ein Fettnäpfchen nach dem anderen. „Es fällt mir auf die Nerven, dass Juden immer etwas Besonderes sein sollen. Entweder besonders arrogant und geldgierig oder besonders interessant. Mir reicht’s“, ruft sie. Dieser Roman kann dazu beitragen, dass Juden in Deutschland als ganz normal betrachtet werden und nicht wie Alexej ihre Religion in der Schule verschweigen müssen. In einer Zeit, in der der Antisemitismus sich in Deutschland wieder weiter verbreitet ist das Thema aktueller denn je.

Für die Erinnerung und gegen das Vergessen hat Mirjam Pressler ihren letzten Roman geschrieben. Oder besser ausgedrückt: „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen“ wird George Santaya im vorangestellten Motto des Buches zitiert.
[est 15 Hamburg]
  
       

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