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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW
c/o Ulrich H. Baselau, Osterstr. 30, 26409 Wittmund

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Autor:
Gehm, Franziska,     
Titel:
Hübendrüben
ISBN:
978-3-95470-184-1  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Klein, Horst
Seitenanzahl:
16 gez. Bl.
Verlag:
Klett-Kinderbuch, Leipzig
Gattung:
Sachliteratur / Sachbilderbuch
Reihe:
Jahr:
2018
Preis:
14,40 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Sachbilderbuch über das Leben in der DDR, gegenübergestellt dem gleichzeitigen Leben in der Bundesrepublik, über die Entstehung der Teilung und deren Ende.
[gsd 15 Hamburg]
       
Lesealter:
8 - 9 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Geschichte
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Inhalt
Max lebt in der Bundesrepublik (= BRD) und seine Cousine Maja in der DDR.
Auf jeweils einer Doppelseite wird – links BRD, rechts DDR – ihr jeweiliger zeittypischer Alltag in Familie, Wohnung, auf dem Schulhof, am Nachmittag mit Freizeitbeschäftigungen und in den Ferien gegenübergestellt, ebenso ihr Lieblingsessen und ihre Berufsträume.
Dann wird in der Geschichte zurückgegriffen auf den nationalsozialistischen Expansionskrieg und dessen Folgen: Besatzungsmächte in Ost und West, Kalter Krieg, die Gründung der beiden Teilstaaten, Bau der Mauer, die übrig gebliebenen eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten zwischen den beiden Familien, die Verkündung der Reisefreiheit 1989, die Überwindung der Mauer und die Vereinigung der beiden Familien.

Form (Text)
Auf jeder Seite gibt es einen kurzen Text über die Situation, oft aus der Sicht der Kinder. Eine wesentliche Ergänzung sind die gelbunterlegten Sprechblasen der handelnden Personen und die Hinweispfeile, die den allgemein gehaltenen Text konkretisieren.
Die hintergründige Ironie ist allerdings nur für die erwachsenen Vermittler, die Zeitzeugen waren, wahrnehmbar, z. B. wenn bei der Beschriftung der Produkte kabarettistische Schlenker vorgenommen werden und es einen „Osterhasen“ und einen „Westerhasen“ gibt.

Form (Bild)
Die farbigen Zeichnungen aus Ölkreide und Buntstift auf weißem Grund schaffen es, trotz der groben Striche humorvolle Charakteristika herauszuarbeiten. Es gibt größere Szenen mit vielen Personen, daneben Kleinszenen, Porträts und Gegenstände in Medaillons.
Eine graphisch hervorragende Bildlösung ist die komplexe und eindrucksvolle Zentralkomposition des 2. Weltkriegs in der Form eines explodierenden Sterns mit Hitler in der Mitte, grotesk schrecklich-lächerlich dargestellt wie Chaplins Hitler. Aus dem gelbroten Feuerzentrum schleudert der Stern die Folgen in die peripheren Zacken: Ausweisung durch SS-Schergen, fallende Bomben, fliehende Frauen und Kinder aus brennenden Häusern in Bunker, Panzer, ein toter Soldat in einer Blutlache, ein Soldatengrab mit Helm, totenkopfähnliche Gesichter hinter Stacheldraht, Galgen, eine Frau mit Handwagen, ein Kriegsversehrter mit nur einem Bein. Außerhalb dieses Sterns: der Redner Hitler mit heilrufenden Zuhörern, die alliierten Truppen, die gegen den Stern aus mehreren Richtungen anrücken mit Sprechblasen in englischer, französischer und russischer Sprache.
Die überlegte Vorsatzblattgestaltung zeigt vorn in einem Medaillon das durch die Mauer geschlossene Brandenburger Tor jeweils aus Sicht der BRD und aus Sicht der DDR. Auf dem hinteren Vorsatzblatt sieht man, wie viele fröhliche Menschen mit Luftballons durch das offene Brandenburger Tor strömen.
Ein buchgestalterischer Gag ist die in der Mitte des Buches eingeschossene halbe Seite, die als Mauer grau angemalt ist und das Trennende haptisch erfahrbar macht.
Der Text wurde groß mit dickem Buntstift in Druckbuchstaben geschrieben und schmiegt sich in sanften Bögen um die Großbilder. Die Blasentexte wurden in Schreibschrift eingesetzt und sind oft nur von Zeitkundigen entzifferbar. In dem großen Kriegsbild sind Hitlers Blasentexte in großen dicken Frakturbuchstaben geschrieben, die heutige Kinder nicht lesen können. Die russischen Wörter der Sowjetsoldaten sind in kyrillischer Schrift geschrieben.

Botschaft
Das Buch zeigt die Unterschiede auf, die das Alltagsleben hüben und drüben bestimmten, aber auch die Gemeinsamkeiten, die Kinder hüben und drüben hatten. So heißt das allseits beliebte Kinderessen im Westen Brathähnchen und im Osten Broiler.
Vor allem ist es ein Geschichtsbuch für die nachgeborenen Kinder, die über 2. Weltkrieg, Mauerbau, DDR-Zeit und Wiedervereinigung nichts wissen, allenfalls in unzusammenhängenden Bruchstücken von den Erwachsenen über „Ossis“ und Wessis“ reden gehört haben. Für sie sind Gesamtdeutschland eine Selbstverständlichkeit und eine Teilung und die andersartige Lebensweise in einem sozialistischen Staat nicht vorstellbar. Aber auch für diejenigen Kinder, die dennoch ganz gut informiert sind, sind diese Geschehnisse weit weg liegende Historie, zu der sie keinen emotionalen Bezug haben.
Das Anliegen dieses Buches ist es, die Einzelfakten in einen Zusammenhang zu stellen und durch die mitbetrachtenden Eltern und Großeltern mit der emotionalen Kraft der Erinnerung an ihre eigene Kindheit zu verlebendigen.

Zielgruppe
Der Verlag schlägt als Leseralter „ab 7 Jahre und älter“ vor. Tatsächlich hat das Buch zwei verschiedene Zielgruppen und differiert in der Komplexität von Text und Bild. Viele Details, Personenportraits, spezifische Begriffe und Abkürzungen sagen den Nachgeborenen gar nichts. Das Buch entfaltet seine Wirkung erst in der gemeinsamen Betrachtung der verschiedenen Generationen, im Gespräch mit Zeitzeugen, die darüber ins Erzählen kommen.
Der Verlag bezeichnet dieses Buch als gesamtdeutsches Familien-Erzählbilderbuch über die Zeit, als Papa und Mama klein waren, prall voll mit gesamtdeutschem Alltagswissen.
Für Erwachsene ist das Betrachten des Buches auch ohne Kinder ein nostalgischer Spaß und Genuss, denn die Verfasser*innen haben charakteristische Szenen und Details ausgewählt, die prägend für die Zeit waren.
2019 jährt sich der Mauerfall zum 30.Mal. Aus Anlass dieses Jubiläums hat der Verlag zwei Vertreter*innen aus Ost und West beauftragt, dieses Buch zu konzipieren, das das Verständnis der Wessis für die Ossis und der Ossis für die Wessis verbessern kann, denn hier werden beide Seiten gleichberechtigt gewertet, aber auch ironisiert.
Damit passt der Titel in das Programm des Leipziger Klett Kinderbuchverlags mit seinem engagierten Schwerpunkt auf gesellschaftliche Fragen.

Aktivierungsvorschlag.
Es empfiehlt sich, Eltern und Großeltern in die Gruppe einzuladen und mit ihnen gemeinsam das Buch zu erschließen. Danach könnten Bilderbücher aus der DDR-Zeit gemeinsam betrachtet werden, Schallplatten gehört und TV-Mitschnitte von Kindersendungen und Kinderfilme gemeinsam angehört und angesehen werden. Vielleicht gibt es auch in den Familien noch typische Alltagsgegenstände aus der Zeit, die mitgebracht werden können

Zu Autorin und Illustrator
Franziska Gehm wurde in Sondershausen (DDR) geboren und hat bereits zahlreiche Kinder- und Jugendbücher geschrieben. Ihre dreizehnbändige Serie „Die Vampirschwestern“ wurde verfilmt. Heute lebt sie in München.
Horst Klein wuchs in Ostfriesland (BRD) auf, studierte in Krefeld visuelle Kommunikation und lebt dort noch heute. Er arbeitet als Grafiker für Verlage und Zeitschriften.
Als Autorin-Illustrator-Team haben Gehm und Klein 2016 ebenfalls im Klett Kinderbuchverlag das 216 Seiten starke Kinderbuch „Pullerpause im Tal der Ahnungslosen“ veröffentlicht, in dem nicht in der Form eines Problembuchs, sondern auf humorvolle Weise die DDR-Zeit dargestellt wird. Darin geraten Jobst und seine Mutter auf einer Zeitreise versehentlich in die DDR-Zeit und erleben deren Absonderlichkeiten.

Hamburg, Geralde Schmidt-Dumont
[gsd 15 Hamburg]
  
       

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