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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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Autor:
Grimm, Brüder,     
Titel:
Der goldene Vogel
ISBN:
978-3-86566-329-0  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Fromm, Lilo
Seitenanzahl:
34
Verlag:
Minedition, Bargteheide
Gattung:
Bilderbuch
Reihe:
Jahr:
2018
Preis:
20,00 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Lilo Fromms bekanntestes Bilderbuch ist nun in einer Neuauflage erschienen - ein Meilenstein der Märchenillustration ist damit wieder auf dem Markt verfügbar und kann von einer neuen Kindergeneration entdeckt werden.
[cja 15 Hamburg]
       
Lesealter:
6 - 11 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Klassenlesestoff Büchereigrundstock für Arbeitsbücherei
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
fantastisch / märchenhaft / Abenteuer
       
Anmerkungen:
Das Buch erschien erstmals 1966, ist aber seit langem vergriffen.
       
Beurteilungstext:
Lilo Fromms vielleicht bedeutendstes Bilderbuch liegt nun neu verlegt wieder vor. 1967 bekam Fromm für dieses Buch den Deutschen Jugendliteraturpreis und es wurde auch international ein großer Erfolg. Mit der Neuausgabe durch die minedition wird es einem breiteren Markt zugänglich gemacht und alle Sammler*innen von Märchenbilderbüchern, die noch keine ältere Ausgabe haben, sollten die Chance nutzen und das Buch kaufen.

Aber ist das Bilderbuch auch etwas für Kinder des 21. Jahrhunderts? Diese Frage stellt sich explizit auch deswegen, weil das Märchen nur sehr selten neu illustriert wurde (mir ist keine Neuillustration aus dem 21. Jahrhundert bekannt) und es auch in Märchensammlungen eher selten aufgenommen wird. Dazu mag einerseits die Länge des Märchens beigetragen haben - in der Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen letzter Hand von 1857 (der auch der Bilderbuchtext folgt) nimmt es fast 10 Seiten ein, ist damit aber nicht länger als "Schneewittchen". Liegt es also am Inhalt, dass das Märchen kaum verbreitet ist?

Drei Königssöhne machen sich nacheinander auf, um für ihren Vater den goldenen Vogel zu fangen, der unermesslich wertvoll erscheint: eine Feder "sei mehr wert als das gesamte Königreich". Die älteren beiden Söhne scheitern und versacken in einem Wirtshaus, in dem sie sich Spiel und Wein ergeben. Der Jüngste kommt dank der Hilfe eines Fuchses weiter, findet den goldenen Vogel, muss jedoch noch das goldene Pferd und die Prinzessin aus dem goldenen Schloss befreien. Auch hier hilft der Fuchs - man fragt sich eigentlich: warum? -, so dass dieser dritte Sohn erfolgreich zurückkehren kann. Seine beiden älteren Brüder rettet er gerade noch vor dem Galgen, doch diese danken es ihm nicht und schmeißen ihn in einen Brunnen. Wieder hilft der Fuchs, so dass der Jüngling nach Hause zurückkehrt, wo er schließlich glücklich die Prinzessin heiratet - und zur Strafe werden nun die beiden Brüder hingerichtet. Erst danach erlöst der Jüngste den Fuchs von einem Zauber und macht ihn wieder zum Menschen - wie sich herausstellt ist er der Bruder der Prinzessin. "Und nun fehlte nichts mehr zu ihrem Glück, solange sie lebten."

Das Märchen erzählt in verschiedenen Ebenen, von immer neuen Aufgaben, die den dritten Sohn zunächst immer weiter weg vom väterlichen Reich führen, dann aber wieder Station um Station zurückkommen lassen. Der Fuchs als tierischer Helfer scheint über lange Zeit ganz uneigennützig und ungerechtfertigt dem Jüngling zu helfen, der immer wieder den Rat des Fuchses missachtet und dadurch in missliche Lagen kommt. Aber anscheinend kann nur durch das Missachten der Ratschläge der Sohn bis zur Prinzessin vordringen, die für den Jüngling als "Lohn" wichtig ist und für den Fuchs eine Bedeutung hat, da sie ja seine Schwester ist. Wer tiefer in das Märchen eindringen möchte, dem sei Drewermanns tiefenpsychologische Interpretation empfohlen.

Lilo Fromm illustriert zentrale Szenen aus dem Buch. Die quadratischen Bilder sind jeweils auf der rechten Seite, links steht der Text. Vor kräftige, oft dunkle Hintergründe werden zentrale Elemente des Erzählten gesetzt. Die Wasserfarben fließen dabei ineinander und schaffen so innerhalb des Bildes Übergänge. Die dunkleren und gedeckten Farben heben alles Goldene leuchtend hervor. Die Flächigkeit des Dargestellten gibt Raum für eigene Vorstellungen, so bleiben Mimik und Gestik meist eher unbestimmt, Gesichter und Körperhaltungen eher angedeutet als ausgeführt. Mit ihrer Darstellungsweise knüpft Fromm an impressionistische Strömungen an, greift aber auch die in den 1960er Jahren geführte Debatte um Märchenillustrationen auf, denn es gab Strömungen, die Bilder als Einschränkung der Imagination der Rezipierenden sahen.
Die Aufmerksamkeit der Betrachtenden wird auf zentrale Elemente des Erzählten gelenkt. Dies wird dadurch unterstützt, dass das Wichtigste auch im Zentrum des Bildes steht: In der Regel sind es die Figuren, die gerade handeln, oft der Jüngling. Dabei wechselt die Perspektive, denn mal sehen wir ihn von vorne, können den Jüngling dann so sehen, wie eine andere Figur ihn sieht, z. B. wenn wir explizit hinter einem der Könige stehen und auf den gefangenen Jüngling blicken. Bisweilen sehen wir den Jüngling aber auch von hinten und schauen damit in die gleiche Richtung wie dieser - wir werden also ein Stück weit eins mit dem Protagonisten. So sehen wir mit seinen Augen die Szene, als er die Brüder vor dem Galgen rettet.
Bemerkenswert sind zudem manche Randdetails. So gibt es auf vielen Seiten Blumen, die einerseits als Zierrat gesehen werden können, andererseits aber auch zu metaphorischen Deutungen anregen können: Blaue Iris, gelbe Scharfgarbe oder grüner Farn können vor der eigenen Erfahrung oder vor dem Hintergrund symbolischer Lesarten auf Text und Handlung bezogen werden. Immer wieder taucht auch ein Vogel (ein Pfau?) auf, den es zu entdecken gilt.

Fromms Bilder geben uns Anlass zur Deutung des Textes. Sie bieten neue Perspektiven auf das Erzählte, ohne viel Neues zu erzählen. Damit steht der Text zwar im Vordergrund, die Bilder machen ihn aber lebendig. Und: Es gibt keinen Grund, dieses Bilderbuch Kindern im 21. Jahrhundert vorzuenthalten. Ob nun in der familiären Vorlesesituation, als Individuallektüre oder im Kontext einer Märcheneinheit in der (Grund-)Schule: Es lohnt sich, mit diesem Bilderbuch zu arbeiten!

Christoph Jantzen
[cja 15 Hamburg]
  
       

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