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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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c/o Ulrich H. Baselau, Osterstr. 30, 26409 Wittmund

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Autor:
Maar, Paul,     
Titel:
Snuffi Hartenstein und sein ziemlich dicker Freund
ISBN:
978-3-7891-0817-4  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Büchner, SaBine
Seitenanzahl:
76
Verlag:
Oetinger, Hamburg
Gattung:
Erstlesebuch
Reihe:
Jahr:
2018
Preis:
10,00 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Was passiert, wenn (heimliche) Freunde einfach weggeschickt werden? Ins Nichts? Können und dürfen sie dann ihr eigenes Schicksal in die Hand nehmen und mit Hilfe ihrer Vortsellungen ihr Leben neu gestalten?
[cja 15 Hamburg]
       
Lesealter:
6 - 9 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Klassenlesestoff Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Tiere / Freundschaft/ Vorstellungsbildung
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Snuffi ist der einzige Freund von Niko Hartenstein, ein braungescheckter strubbeliger Hund, der Niko hilft und macht, was Niko sagt. Nur: Außer Niko kann niemand Snuffi sehen, nicht zu Hause und auch nicht in der Schule. Als Ole in Nikos Klasse kommt, werden die beiden schnell Freunde und da ist kein Platz mehr für den "heimlichen" Freund Snuffi. Das wird ihm von Niko sehr deutlich gesagt: "Snuffi Hartenstein, versteh das doch: Ole ist jetzt mein bester Freund. Ich hab keine Zeit mehr für dich."
Und so landet Snuffi im Nirgendwo. Aber da trifft er auf einen Mops mit Namen Mucki - den heimlichen Freund von Ole. Und gemeinsam kommen sie auf die Idee, dass sie sich ihre Umwelt durch ihre Vorstellung gestalten: Einen Weg, Blumen, einen Zwerg auf einem Berg, der ihnen den Weg zurück in die Menschenwelt verrät. Aber da müssen sie feststellen, dass Niko und Ole nach wie vor allerbeste Freunde sind und ihre heimlichen Freunde nicht (mehr) benötigen. So treffen sie auf Lena Benker, die sich gleich zwei Hunde wünscht...

In der Inhaltsdarstellung wird das Besondere dieses Kinderbuches deutlich: Die metafiktionale Erzählweise, die nicht nur eingebildete oder heimliche Freunde sichtbar macht, sondern diesen ein Eigenleben gibt, indem sie sich mit ihrer Vorstellung eine neue Welt erschaffen. Sprachlich lehnt sich Maar an typische Merkmale von Erstlesebüchern an: Kurze Sätze ("Eigentlich ist Snuffi ganz anders. Er ist fröhlich. Er ist stark. [...] Er findet verlorene Sachen."), ein einfaches Vokabular, kurze Erzählsequenzen. Abweichend davon ist der Erzählaufbau, denn die im Präsens von einer auktorialen Erzählinstanz gestaltete Erzählung hat Rückblenden, in denen Snuffi und Mucki von ihren Freundschaften mit Niko bzw. Ole erzählen. So sind erhebliche Teile der wörtlichen Rede im Präteritum gestaltet. Zudem ist durch das Setting der fiktionalen Welt in der fiktionalen Welt immer wieder fraglich, wie es Übergänge geben kann. Das ist durch metafiktionale Reflexion der Figuren geschickt gelöst. So fragt Mucki sich: "Vielleicht gibt es uns ja auch nicht.? Und Snuffi reflektiert: "Vielleicht hat Niko sich nur vorgestellt, dass es mich gibt". So kommen beide in einem Gespräch zu der Erkenntnis: "Niko hat sich einen Hund vorgestellt, und dann gab es mich." Woraufhin Mucki erkennt: "Vielleicht können wir das auch!" Und Snuffi ergänzt: "Wir stellen uns einfach etwas vor." Diese Erkenntnis markiert den Wendepunkt der Erzählung und bietet gleichzeitig Anlass zur literarischen Reflexion. Es gelingt Maar, auf sprachlicher Ebene "einfach" zu erzählen und doch durch die Struktur und Erzählweise Komplexität in den Text zu bringen. Dieses Prinzip der "Einfachheit" entspricht den Forderungen Maria Lypps an Texte für Erstlesende.

Besonders an diesem Buch ist aber auch die gemeinsame Erzählweise von Text und Bildern. Die Bilder von SaBine Büchner sind Teil der Erzählsequenz und haben einen eigenständigen Anteil an der Histoire, dem Erzählten. So sind einige Erzählteile als Comic dargestellt, die mal mit Sprechblasen, mal ganz ohne Text Teile der Handlung erzählen. Dadurch wird der Leseprozess entlastet. Außerdem übernehmen die Bilder wichtige Funktionen für das metafiktionale Erzählen, denn teilweise werden Snuffi und Mucki nur als graue Schatten dargestellt, teilweise als "realistische" Hunde. Als Schatten sind sie immer dann zu sehen, wenn Personen abgebildet sind, die sich die Hunde nicht vorstellen, also in der Schule oder zu Hause, wenn man Vater und Mutter sieht. Zudem wird der "Übergang" von der Vorstellungswelt der beiden Hunde in die Welt von Niko und Ole auf dem Rückweg bildlich unterstützt. Interessanterweise auch, indem auf zwei Doppelseiten bildlich von rechts nach links erzählt wird - unterstützt dadurch, dass rechts Seite 56 ist und links Seite 55 (bzw. rechts Seite 58 und links Seite 57). Snuffi ist mutig vorgegangen und ruft von jenseits des Bildschnitts in einer abgeschnittenen Sprechblase: "[Es h]at geklappt! [Ihr k]önnt auch kommen!". Durch solche Darstellungsweisen wird bildlich das literarische Erzählkonzept veranschaulicht und nachvollziehbar.
Und dann sind da natürlich die kleinen Scherze, die Illustrator*innen einbauen und teilweise eher eine Doppeladressierung an mitlesende Eltern sind. Etwa wenn die Zeitung, die der Vater liest "True News" heißt und darin bei genauerem Hinsehen "Carpe Diem" steht. Oder wenn sich die Hunde "Die dunkelste Dunkelheit, die es gibt" vorstellen - und das auf einer pechschwarzen Doppelseite, auf der nur zwei Hundeaugenpaare zu sehen sind. Insofern leisten SaBine Büchners Illustrationen einen erheblichen Teil des Was und Wie des Erzählten. Daher ist es unverständlich, dass ihr Name auf Cover und Buchrücken fehlt.

Maar und Büchner legen hier ein gelungenes Erstlesebuch vor, das für Kinder mit ersten Leseerfahrungen einerseits einfach zu erlesen ist, andererseits an vielen Stellen Anlass für literar-ästhetische Reflexion bietet.

Christoph Jantzen
[cja 15 Hamburg]
  
       

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