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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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c/o Ulrich H. Baselau, Osterstr. 30, 26409 Wittmund

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Autor:
Lavater, Warja,     
Titel:
Tell
ISBN:
978-3-314-10492-3  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Lavater, Warja
Seitenanzahl:
10
Verlag:
Nord-Süd, Gossau
Gattung:
Bilderbuch
Reihe:
Jahr:
2019
Preis:
25,00 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Endlich gibt es das wunderbar in abstrakten Bildern erzählte Leporello von Warja Lavater zu einem annehmbaren Preis - diese Ausgabe sollte in keinem Lehrer*innenhaushalt fehlen!
[cja 15 Hamburg]
       
Lesealter:
6 - 15 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Klassenlesestoff Büchereigrundstock für Arbeitsbücherei
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Bildende Kunst / fantastisch / märchenhaft
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Die Schweizerin Warja Lavater (1913 - 2007) hat einige Märchen und eben Wilhelm Tell als Leporellos gestaltet und als hochwertige Künstlerausgaben verlegt. Sie liegen dadurch nur in relativ kleiner Auflage vor und werden auf dem Antiquariatsmarkt mit horrenden Summen gehandelt (Wilhelm Tell bei zvab.com z. B. für 160, - €). Da ist es eine Wohltat, dass der NordSüd Verlag nun das zuerst 1962 erschienene Buch in hervorragender Ausstattung neu verlegt.

Warja Lavater erzählt die Geschichte in zehn abstrakten Szenen ohne Text. Dafür hat sie ein Symbolsystem entwickelt, das an Piktogramme aus der Lebensumwelt und den Bauhausgedanken anknüpft. Figuren und zentrale Gegenstände sind grafische Symbole. Wilhelm Tell ist z. B. ein blauer Punkt, sein Sohn ein kleiner blauer Punkt. Die Zwingburg ist ein schwarzes Rechteck mit einer weiteren Ecke, der Wald eine Ansammlung grüner Punkte und der Apfel ein gelber Kreis mit rotem Mittelpunkt. Insgesamt sind es 14 Symbole, die in einer Legende aufgeschlüsselt werden. Die Illustrationen setzen sich nur aus diesen Formen zusammen und ergeben somit eine Art Symbolschrift, die dazu herausfordert, enträtselt zu werden. Es gelingt Lavater, durch Nähe oder Ferne, durch Größenverhältnisse und die Bildaufteilung viel mehr als den Handlungsverlauf darzustellen. So können wir die Beklemmung und Bedrohung in der Szene nachvollziehen, in der Gessler Wilhelm Tell unter massiven Druck herausfordert: Schwarz und groß ragen die Dreiecke der Soldaten mit ihren Spitzen und Speeren in die Bildmitte, in der Wilhelm Tell und sein Sohn zu sehen sind. Im Hintergrund viele weitere Soldaten. Und beim Eid am Ende verschmelzen die Bürger*innen in der Eid-Genossenschaft miteinander, bilden einen Ring, der die - offensichtlich gefallenen oder geknickten - Soldaten und die lädierte Zwingburg ausschließt.

Wer nun glaubt, das sei zu anspruchsvolle abstrakte Kunst, die nichts für Kinder sei, irrt gewaltig. Wer Kinder im Umgang mit Lavaters Illustrationen erleben darf, kann beobachten, wie schnell auch ohne Legende (bekannte) Geschichten entschlüsselt werden, wie Kinder sich die Symbolik aneignen, gemeinsam überlegen, welche Szenen abgebildet sind, warum Tell ein Kreis und die Soldaten Dreiecke sind, welche Rolle die Farben spielen und wie die Figuren in den Szenen angeordnet sind. In Unterrichtsmodellen haben Karin Richter und Monika Plath zu Lavaters Märchenillustrationen "Schneewittchen" und "Hans im Glück" gezeigt, welch großes didaktisches Potenzial in den Illustrationen steckt.

Besonders an den Darstellungen ist auch, dass sie ohne Sprache auskommen und daher auch für Kinder interessant sind, die kaum Deutschkenntnisse haben. Der NordSüd Verlag hat die Legende in fünf Sprachen (Deutsch, Französisch, Italienisch, Rumantsch und Englisch) beigelegt - also hauptsächlich den Sprachen der Schweiz. Ein wenig schade ist, dass nicht auch Legenden in den Zuwanderungssprachen beigefügt wurden, etwa Arabisch, Türkisch oder Russisch. Neben der Legende hat Lavater Szenenstichworte verfasst, die auf der Rückseite der Legende zusammen mit einer Kurzbiografie abgedruckt sind.

Also: Ein wunderbares, künstlerisch anspruchsvolles und pädagogisch wertvolles Leporello, das in keiner Bilderbuchbibliothek einer Grundschullehrer*in fehlen darf!

Christoph Jantzen
[cja 15 Hamburg]
  
       

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