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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW
c/o Ulrich H. Baselau, Osterstr. 30, 26409 Wittmund

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Autor:
Laube, Christina,     
Titel:
Marthas Reise
ISBN:
978-3-95728-185-2  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Zaeri, Mehrdad
Seitenanzahl:
32
Verlag:
Knesebeck, München
Gattung:
Bilderbuch
Reihe:
Jahr:
2018
Preis:
25,00 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Große Fragen werden in diesem Buch gestellt: Wo komme ich her? Was sind meine Wurzeln? Wie wichtig sind diese Wurzeln für mein Leben?
[cja 15 Hamburg]
       
Lesealter:
6 - 11 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Klassenlesestoff Büchereigrundstock für Arbeitsbücherei
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Ethik / Philosophie / Familie / Zukunft
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Die äußere Handlung ist kurz erzählt: Martha fährt mit dem Zug von ihrer Mutter zu ihrem Vater, die Zugfahrt dauert keine zwei Stunden. Fertig.

Die Handlungsebene ist weder spannend, noch differenziert, es passiert nichts "Aufregendes". Sie ist eher Metapher des sich Bewegens, der Reise ins Innere, in die Gedanken und der Besinnung. Denn auf dieser Fahrt kommt Martha ins Grübeln: "Ob es jemanden gibt, der unser Schicksal strickt? Würde unser Leben dann so aussehen wie ein langer bunter Schal?" Diese Fragen werden durch eine ältere Frau angeregt, die im Zug strickt. Und von dieser übergeordneten Frage gehen weitere Fragen und Erinnerungen aus, die die Frage nach dem Schicksal vertiefen.
Über das Grübeln kommt Martha ins oder zum Träumen. Sie erinnert sich an einen Spruch ihres Opas: "Die wahren Helden sind diejenigen, die ihre Träume Wirklichkeit werden lassen." Und die Begegnungen im Zug werfen weitere Fragen auf, zum Beispiel: "Warum bekommen Musiker Applaus, Bauarbeiter aber nicht?"

Die Fokalisierung der Erzählperspektive auf Marthas Gedanken mag in Bezug auf die Authentizität des Dargestellten etwas unglaubwürdig sein, denn die Gedanken und Fragen Marthas sind hier deutlich literarische verdichtet - und das ist gut so, denn das eröffnet den Lesenden die Möglichkeit, sich selbst die Fragen zu stellen, die Martha sich stellt. Und gleichzeitig werden Muster angeboten, wie Martha sich diese Fragen beantwortet. Dabei fallen keine apodiktischen Aussagen, sondern Marthas singuläre Erinnerungen: "Ihr fällt der lange, bunte Schal ein, den Oma für sie gestrickt hatte, als sie noch lebte. Sie hatten damals zusammen die Wolle ausgesucht. Im letzten Winter fand sie in ihm ein kleines Loch. Was würde ein Loch in solch einem Schal bedeuten?"

Diese Offenheit in Fragen und Antworten macht das Buch so interessant und besonders. Und dadurch ist das Buch hervorragend geeignet, um in Kita oder Schule zum Philosophieren anzuregen: Zur Suche nach philosophischen Fragen, nach der eigenen Identität, Vergangenheit und Zukunft. Und es regt an, nach individuellen und vielfältigen Antworten zu suchen.

Diese Perspektive wird auch durch die Bilder von Mehrdad Zaeri unterstützt. Sie arbeiten hauptsächlich mit Schwarz-, Weiß- und Grautönen, da hinein sind zarte farbige Akzente gesetzt. Die Zeichnungen werden ergänzt durch Stanzungen, die mit Effekten der Tiefe und des Seitenwechsels spielen. So ändert sich die Wirkung des Baumes, der auf der einen Seite vor dunklem Hintergrund steht, die ausgestanzten Blätter zeigen schon den weißen Hintergrund der nächsten Doppelseite. Blättert man weiter, steht derselbe Baum nun vor einem weißen Hintergrund und durch die ausgestanzten Blätter sieht man auf den dunklen Hintergrund der vorigen Seite. So werden Deutungen und Umdeutungen erfahrbar. Wesentlicher als diese Effekte sind jedoch die Szenenauswahl und die sehr abwechslungsreiche Darstellung. Bisweilen wird wie in einer Bildergeschichte erzählt - wir schauen durch das Fenster des Zuges und sehen, wer kommt, wer geht. Dabei sind die Bilder keine Such- und Wimmelbilder, sondern eher karg ausgestattet, zeigen auch mal die Leere einer Sitzgruppe. In diesen Bildern wird uns als Betrachtenden eine Außenperspektive zugewiesen, die den reflexiven Blick auf das Erzählte unterstützt. Auf anderen Bildern schlängelt sich über mehrere Seiten der gestrickte Schicksalsschal in unendlich variierenden Mustern und in der Traumwelt gibt es Fische über den Gleisen und einen schwebenden Zug. So werfen auch die Illustrationen Fragen auf und werden zu einem wesentlichen Bestandteil der Buchkonzepts.

Laube und Zaeri haben schon in ihrem ersten gemeinsamen Bilderbuch "Aschenputtel" gezeigt, wie fruchtbar sie ihre literarischen und künstlerischen Perspektiven verschränken können. Das ist hier wieder hervorfragend gelungen in einem sehr philosophischen Bilderbuch über zentrale Fragen unseres Lebens.

Christoph Jantzen
[cja 15 Hamburg]
  
       

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