AJUM Logo
Datenbank
Besprechungen von Kinder-,
Jugendliteratur & Medien




Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
Datenbank

AJuM Datenbank
Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW
c/o Ulrich H. Baselau, Osterstr. 30, 26409 Wittmund

10266 aktuelle Rezensionen, weitere 69841 Rezensionen im Archiv
Suchtext:
Schlagwörter:
Titel:
Autor
Vorname:
Autor
Nachname:
Illustrator:
Bewertung:
 Einsatzmögl.:
Medienart:
Alter:
Gattung:
 Archiv anzeigen:
Wolgastpreis:
 
Wie suche ich richtig? Wie darf ich die Rezension verwenden? DRUCKANSICHT



Autor:
Fühmann, Franz,     
Titel:
Das Judenauto
ISBN:
978-3-356-02237-7  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Seitenanzahl:
185
Verlag:
Hinstorff, Rostock
Gattung:
Reihe:
Jahr:
2019
Preis:
18,00 €   Taschenbuch / Heft / Broschur
       
Inhalt:
Die Geschichte eines Jungen, der im Sudetenland der Vorkriegszeit im faschistoid vergifteten Milieu der deutschsprachigen Minderheit aufwächst, sich im nationalsozialistisch orientierten Deutschen Turnverein organisiert, als Nachrichtensoldat beim Überfall auf die Sowjetunion und Griechenlands zum Einsatz kommt und in Gefangenschaft gerät, bevor er sich dazu entschließt, in der gerade erst gegründeten DDR zu leben.
[bf 14 Bremen]
       
Lesealter:
10 - 99 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Rassismus / Antisemitismus / Krieg
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Wer es gewohnt ist, Sozialismus und Nationalsozialismus gleichzusetzen oder die Unterschiede im großen Topf des Totalitarismus verschwinden zu lassen, wird die Bedeutung dieses Buches nicht verstehen. Wer so denkt, wird das Buch bis zum zwölften oder dreizehnten Kapitel mit abnehmender Begeisterung lesen und beim vierzehnten kopfschüttelnd zu Seite legen. Da entscheidet sich einer bei vollem Bewusstsein und klarem Verstand für den Sozialismus, wohl wissend, dass er damit auf die Segnungen des Kapitalismus verzichten muss. Zum Beispiel auf den berühmten NESCAFÉ, der ihm im Westteil Berlins von einem ehemaligen Kameraden angepriesen wird. „NESCAFÉ!“, sagte er, „der beste Kaffee der Welt, einfach fabelhaft, amerikanisches Produkt, man schüttet das Kaffeepulver ins kochende Wasser, und es löst sich vollkommen darin auf! Keine lästige Sieberei, kein Satz, keine Fusseln – klarer, schwarzer, starker Kaffee, besser als aus der Maschine – großartig, was?“ Doch es kommt natürlich, wie es kommen muss, der Ich-Erzähler lässt sich nicht verführen und geht, um in der gerade erst gegründeten DDR den Sozialismus aufzubauen. „Das letzte Kapitel“, so der Autor 1982, also zwanzig Jahre nach der Ersterscheinung, „ist ja ein schlechter Leitartikel, wirklich nicht lesbar, obwohl ich es tatsächlich so erlebt habe.“ Ich finde, lesbar ist es schon, zumal sich die Qualität des Buches nicht darin erschöpft, den Sozialismus zu preisen, „den Eintritt in die neue Gesellschaft als Eintritt ins Reich vollkommener Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Demokratie …“ (Franz Fühmann im Anhang). Das Buch ist eine Reise durch die Zeit in vierzehn Kapiteln von der Weltwirtschaftskrise 1929 über den Aufstand der Wiener Arbeiter 1934 zur Münchener Konferenz 1938 und der Okkupation des Sudetenlandes bis zum Überfall auf die Sowjetunion mit anschließender Kapitulation und Kriegsgefangenschaft. Und wer das heute liest, bekommt eine Vorstellung von dem, was nationaler Größenwahn und Faschismus in den Köpfen der Beteiligten, in der Psyche von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen anzurichten in der Lage ist, und wie Rassismus in seiner übelsten Form als Antisemitismus entsteht. „Vortrefflich etwa die Schilderung des Tages, an dem die Wehrmacht, im Oktober 1938, ins Sudentenland kommt, meisterhaft auch das den Antisemitismus behandelnde Titelstück, eine in ihrer Art vollkommene Kurzgeschichte, die keinerlei Vergleiche in der deutschen Gegenwartsliteratur zu scheuen braucht“, so Marcel Reich-Reinicki 2009 in der Welt Literatur Edition. Wertvoll und lehrreich insbesondere für die Jüngeren, die im Kreise der Familie, im Sportverein, in der Schule oder in Straßen und auf Plätzen mit völkischem Gedankengut konfrontiert werden und nicht wissen, wie man diesem Gift begegnen soll.
[bf 14 Bremen]
  
       

Für namentlich oder mit Namenskürzel gekennzeichnete Beiträge und Beurteilungen liegt die presserechtliche Verantwortung beim jeweiligen Autor bzw. bei der jeweiligen Autorin.