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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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c/o Alexandra Ritter, Reifenberger Straße 21, 60489 Frankfurt am Main

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Autor:
Lowry, Lois,     
Titel:
Die schreckliche Geschichte der abscheulichen Familie Willoughby (Und wie am Ende alle glücklich wurden)
ISBN:
978-3-423-76238-0  
Übersetzer:
Gutzschhahn, Uwe-Michael
Originalsprache:
Englisch
Illustrator:
Lowry, Lois
Seitenanzahl:
175
Verlag:
dtv, München
Gattung:
Erzählung / Roman
Reihe:
Jahr:
2019
Preis:
12,95 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Die Familie Willoughby, Vater, Mutter und vier Kinder, leben ein von außen gesehen ganz normales Leben in einem ganz normalen Haus. Doch dass zwischen den Eltern und den Kindern Kälte herrscht, mehr noch, sie einander los werden wollen, gar den Tod wünschen, lässt sich kaum erahnen. Amüsant erzählte, ungewöhnliche Geschichte über eine "abscheuliche Familie".
[Bob 12 Berlin]
       
Lesealter:
8 - 13 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Familie / Waisenkind / Zugehörigkeit
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Ab wann ist ein Kind ein Waisenkind?
Erst wenn es ohne Vater und Mutter ist, oder schon dann, wenn Vater und Mutter zwar leben, sich aber nicht um das Kind scheren, vergessen haben, dass es überhaupt da ist, ihm keine Zuwendung und Zärtlichkeit schenken, nicht mal ein liebes Wort oder angemessene Kleidung?
Lois Lowry erzählt in "Die schreckliche Geschichte der abscheulichen Familie Willoughby (Und wie am Ende alle glücklich wurden)" in mehreren parallelen Erzählsträngen eine haarsträubende und zugleich amüsante Geschichte von zwei merkwürdigen Familien, den Willoughbys und den Melanoffs und einem Kindermädchen, das die Welt wieder in Ordnung bringt.
Mutter und Vater Willoughby nennen einander "Liebster" und "Liebste", aber ihre vier Kinder verabscheuen sie zutiefst. Den Ältesten, Tim, finden sie nur nervig, die Zwillinge nennen sie nur A und B und fluchen darüber, dass sie nicht zu unterscheiden sind und dass sie ein Mädchen namens Jane haben, wissen sie gar nicht mehr.
Sie beschließen, sich auf eine lange Reise zu begeben und die Kinder einem Kindermädchen zu überlassen. Das Haus übergeben sie an einen Makler, der es verkaufen soll.
Eines Tages finden die Kinder einen Korb vor der Haustür, in dem ein Baby liegt. Eine Nachricht am Korb bittet den Finder, für das Kind zu sorgen.
Doch die Geschwister schaffen es fort und stellen es auf die Veranda eines unwirtlich und verkommen aussehenden Hauses. Hier wohnt der wohlhabende und einsame Schokoriegel-Fabrikant Kommandant Melanoff, der, seitdem er vor vielen Jahren seinen Sohn und seine Frau bei einem Zugunglück in der Schweiz verloren hat, ein Messie-Dasein führt, ungepflegt, verwahrlost und umgeben von Trauer und Unrat. Das Baby Barbara belebt aber seine Lebenskraft neu, er räumt auf und schafft ein Heim für das Kind, um das er sich liebevoll kümmert.
Die Willoughby-Kinder sind derweil auf sich allein gestellt, und auch wenn sie miteinander spielen, sind es komplizierte, unerfreuliche Spiele, mit Regeln, die nur Tim kennt, der die Geschwister mit Strenge, Härte und Demütigung führt.
An dem Tag, als das Kindermädchen ankommt, sind die Eltern bereits ohne Gruß abgereist.
Schnell stellt sich heraus, dass das Kindermädchen ein Glück für die Geschwister ist: Sie kocht vortrefflich, verbringt Zeit mit ihnen und schenkt ihnen Zuwendung, selbst der Ton zwischen den Geschwistern wird freundlich, die abwertende Sprache wird allmählich durch Worte der Wertschätzung ersetzt.
Als die „vier wertvolle(n) Waisenkinder und ihr kühles nüchternes Kindermädchen“ von einem Spaziergang nach Hause kommen, ist es passiert: Das Haus ist verkauft worden und sie haben zwei Wochen zum Auszug.
Jane schließt messerscharf: Spaziergänge enden meist übel, wie bei Rotkäppchen und Hänsel und Gretel. Doch was macht man, wenn etwas Schreckliches passiert?
Klar: Man macht ein Zitronensoufflée und schmiedet einen Plan.
Wer im Lesen geübt ist und schon einige Geschichten kennt, ahnt, dass sich hier eine günstige Wendung anbahnt, die mit dem Schokoriegel-Fabrikanten Melanoff zusammenhängt.
Und tatsächlich, die fünf Obdachlosen ziehen schon bald in die Melanoff-Villa ein und entfalten zu seiner Freude ein echtes, warmes und beglückendes Familienleben. Nur ein riesiger Stapel ungelesener Briefe aus der Schweiz erinnert Melanoff an den Schmerz, seinen eigenen Sohn vor vielen Jahren verloren zu haben. Seine pedantische Frau, so gesteht er sich ein, hat er nicht wirklich geliebt.
Lowry erzählt parallel dazu, was tatsächlich in dem Schweizer Alpendorf geschehen war: Nach vier Jahren wurden Mutter und Sohn wie durch ein Wunder lebend geborgen - perfekt frisiert und ein Buch über Walfische lesend. Sie schrieb Melanoff, er solle sie abholen kommen, doch der öffnete schon lange die Briefe aus der Schweiz nicht mehr, da er sie für weitere traurige Nachrichten von der erfolglosen Suche der Bergwacht nach den Verschollenen hielt. Täglich kam Frau Melanoff ins Postamt und verliebte sich schließlich in den Postbeamten.
Mit ihrem unordentlichen Sohn konnte sie nicht recht etwas anfangen und so schickte sie ihn auf Wanderschaft, um ihn los zu sein und ihr neues, ordentliches Leben mit dem Postbeamten führen zu können.
Zufälliger Weise kommen die Eltern der Willoughby-Kinder auf ihrer Abenteuerreise genau in diesem Alpendorf an und wollen in Bermuda-Shorts den höchsten Gipfel besteigen, den bisher noch niemand erreicht hat. Sie erfrieren unterwegs. Nun sind die Willoughby-Geschwister echte Waisen.
Der Sohn von Kommandant Melanoff macht sich eines morgens nach dem Frühstück auf die lange und beschwerliche Suche nach seinem Vater und klingelt schließlich eines abends pünktlich zum Abendessen an der Tür der Melanoff Villa. Das Glück ist perfekt, der Titel hält, was er verspricht.
Die Geschichte ist durchzogen von Zitaten und Verweisen auf andere berühmte Erzählungen, die sich meist um Waisenkinder drehen. Die Protagonisten selbst erwähnen die Parallelen, wie z.B.: „Wie der Onkel in ‚Der geheime Garten’ “ oder „wie bei Huckleberry Fin“ oder „wie bei Heidi“, was das Lesevergnügen nur steigert.
Im Anhang ist eine Bibliografie mit der Übersicht der erwähnten Texte: „Alte Bücher, in denen es um bemitleidenswerte, aber sympathische Waisenkinder und geizige Verwandte, um großherzige Wohltäter und um entscheidende Veränderungen geht, die liebenswerte Kinder mit Bedacht einfädeln.“
Diese Liste kann nun durch „Die schreckliche Geschichte der abscheulichen Familie Willoughby“ erweitert werden, da Lois Lowry einprägsame Charaktere geschaffen hat und ihr etwas Ungewöhnliches gelungen ist: Sie führt an eine besondere Art Humor heran, indem sie durch maßlose Übertreibungsder Bosheiten ihrer schrägen Protagonisten die Lachmuskeln der Leserinnen und Leser kitzelt.

Bojka Bogdanovic
[Bob 12 Berlin]
  
       

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