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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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Autor:
Owen, Margaret,     
Titel:
Knochendiebin
ISBN:
978-3-551-58405-2  
Übersetzer:
Ahrens, Henning
Originalsprache:
Englisch
Illustrator:
Seitenanzahl:
407
Verlag:
Carlsen, Hamburg
Gattung:
Fantastik
Reihe:
Die zwölf Kasten von Sabor
Jahr:
2019
Preis:
19,99 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Pest, Tod, Herrschaft, Unterdrückung und der alltägliche Kampf ums Überleben, das Königreich von Sabor an der Schwelle zum Untergang. Eine spannende Geschichte, in der Stur und ihre Krähenrotte im Mittelpunkt stehen.
[ChHö 11 Bayern]
       
Lesealter:
12 - 17 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Abenteuer / Außenseiter / fantastisch / märchenhaft / Freundschaft / Liebe / Spannung / Streit / Konflikt
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Bereits der erste Satz des Romans „Knochendiebin“ führt vor Augen, dass die Autorin Margaret Owen in ihrem neuen Fantasyroman den Leser nicht in Watte zu packen gedenkt: „Pa brauchte viel zu lange, um den beiden Jungs die Kehle durchzuschneiden“ (S. 13). So brutal dieser Einstieg auch ist, er erfüllt auf jeden Fall seinen Zweck, nämlich den jugendlichen Leser zum Weiterlesen zu animieren. Und genau diesen Satz braucht es auch, der auf den ersten 50 bis 70 Seiten dazu motiviert, sich auf die ungewöhnliche Welt des Königreiches Sabor weiter einzulassen, obwohl die Handlung und die Gesellschaftsordnung alles andere als simpel angelegt sind: Neben den ungewöhnlichen Namen, die man zunächst einmal auseinanderhalten und bezüglich des Geschlechts zu kategorisieren versucht, hat man auch die bisweilen sehr mühevolle Aufgabe, die Weltordnung zu verstehen: Es ist eine Welt, in der die Einwohner des Königreichs von Sabor in 12 (Vogel-)Kasten eingeteilt sind und entsprechend der Kastenzugehörigkeit bestimmte (magische) Fähigkeiten haben. Lange bleibt unklar, ob die Einwohner tatsächlich Vögel mit menschlichen Eigenschaften sind oder doch Menschen, denen einfach nur tierische Attribute zugewiesen werden entsprechend ihrer gesellschaftlichen Schicht. Stur, die Protagonistin des Romans, und ihre Leute gehören der untersten Stufe an, der Krähen-Kaste. Als wanderndes Volk ziehen sie von Ort zu Ort und kümmern sich um die Toten und um die von der Pest-Seuche Gezeichneten. Im Gegensatz zu den anderen nach Vogelarten benannten Kasten sind die Krähen Gesetzeslose ohne Rechte, sie leben in ständiger Gefahr, werden bespuckt und verachtet, obwohl sie im Königreich Sabor der Gesellschaft doch einen wichtigen Dienst erweisen, nämlich die Ausbreitung der Pestkrankheit zu verhindern, indem sie die Infizierten töten und die Leichname außerhalb der Ortschaften verbrennen. Doch Sturs Leben ändert sich schlagartig, als ihr Krähenclan Pest-Leichen aus dem Königspalast entsorgen soll. Die vermeintlichen Leichen entpuppen sich als der Sohn des Regenten, Prinz Jasimir, und dessen Doppelgänger Tavin, die vom Hofe flüchten und untertauchen müssen. Um die böse Königin zu stürzen, müssen Prinz Jasimir und Tavin Verbündete treffen. Daher wollen beide in der Obhut der Krähen unbekannt durch Sabor reisen. Kann das aber gutgehen, wenn ein Angehöriger der höchsten Kaste, der Phönix-Kaste, Schutz sucht bei den gesetzeslosen Krähen, die sich in der unbarmherzigen Welt von Sabor nur ihrem eigenen Wahlspruch verpflichtet fühlen: „Sorge für und beschütze die Deinen“? Im weiteren Verlauf der Handlung wird Stur und ihrer Krähen-Rotte viel abverlangt, denn Eide werden geschworen und gebrochen, brutale Kämpfe müssen durchgestanden werden und das Pest-Signal ist immer häufiger zu sehen. Es entwickeln sich sogar Gefühle zwischen Stur und Tavin, was jedoch eine Verbindung wäre, die es eigentlich nicht geben darf. Am Ende gibt es keinen wirklichen Cliffhanger, im August 2020 wird der zweite Band erscheinen.
Dieses Buch lässt sich nicht ganz einfach bewerten. Man muss sich mit der Geschichte etwas länger beschäftigen und die Weltordnung verstehen lernen, bevor man in die Romanhandlung wirklich eintauchen kann. Man erfährt nicht genau, wie die Weltenordnung funktioniert, wie die Kasten entstanden und aufgebaut sind oder wie es zu der Pest-Seuche überhaupt gekommen ist. Ein mehrmaliges Zurückblättern auf die ersten Seiten des Buches, wo die 12 Kasten mit ihrem jeweiligen Geburtsrecht aufgelistet werden und das Königreich Sabor in einer Karte dargestellt ist, kann sehr hilfreich sein.
Hat man dann aber den Einstieg gefunden, wird man den Roman nicht mehr aus der Hand legen wollen, denn die Charaktere sind vielschichtig angelegt, sie folgen nicht immer dem Mainstream und die Ereignisse sind auch nicht immer vorhersehbar, wodurch die Spannung aufrechterhalten wird. Die zarte Liebesgeschichte, die sich zwischen der Protagonistin Stur und dem Habichtjäger und Doppelgänger des Prinzen, Tavin, entspinnt, wird glücklicherweise nur dezent ausgestaltet, sodass der stete Kampf der Krähen ums Überleben und der Umsturzplan des Prinzen die Handlung auf dramatisch-spannende Weise vorantreiben.
Auch der Schreibstil der Autorin bleibt positiv im Gedächtnis: Die Sprache hat oft etwas sehr Poetisches, was die Grausamkeit der Ereignisse einerseits wohltuend abmildert, andererseits drastisch erhöht. Der deutsche Titel des Romans „Knochendiebin“ ist sicherlich nicht nur verkaufsfördernder als das englische Original: „Merciful crow“ (deutsch: Barmherzige Krähe), sondern lässt auch mehr Raum für spannende Spekulationen über den Inhalt des Romans, selbst dann noch, wenn man das Cover des Romans hinzuzieht: im Mittelpunkt ist eine Gestalt in Rückenansicht zu sehen, die in einen blauen Umhang gehüllt ist und mit ausgebreiteten Armen auf ein riesiges Schloss im Hintergrund blickt, das von Krähen umschwirrt wird.
Das Buch „Knochendiebin“ ist ein phantastischer Roman für Leser und Leserinnen ab 13 Jahren, die Spaß daran haben, alte und neue Weltenordnungen mit interessanten Figuren, die nicht immer den herkömmlichen Vorstellungen entsprechen, zu entdecken und gleichzeitig spannende Abenteuer mitverfolgen wollen.
[ChHö 11 Bayern]
  
       

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