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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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c/o Alexandra Ritter, Reifenberger Straße 21, 60489 Frankfurt am Main

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Autor:
Goldberg Sloan, Holly, Wolitzer, Meg,     
Titel:
An Nachteule von Sternhai
ISBN:
978-3-446-26432-8  
Übersetzer:
Zeitz, Sophie
Originalsprache:
Englisch
Illustrator:
Seitenanzahl:
278
Verlag:
Carl Hanser, München
Gattung:
Erzählung / Roman in Briefform
Reihe:
Jahr:
2019
Preis:
17,00 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Betty Devlin wohnt in Kalifornien und Avery Bloom in New York. Die zwölfjährigen Mädchen leben jeweils bei ihren allein erziehenden schwulen Vätern in einer glücklichen Kleinfamilie. Dies ändert sich schlagartig, als die beiden Väter sich zufällig auf einem Seminar treffen und verlieben. Sie möchten heiraten und mit den Kindern als eine richtige große Familie leben. Deshalb melden sie die Mädchen ungefragt zu einem feudalen Sommercamp an, wo diese sich kennen lernen und anfreunden sollten.
[gem 10 Baden-Württemberg]
       
Lesealter:
10 - 15 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Homosexualität / Vorurteile / Familie
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Diesen Jugendroman muss man mindestens zwei Mal lesen, denn er ist so spannend, dass man beim ersten Durchgang die vielen netten Details, den feinen Humor und die speziellen Charaktereigenschaften der einzelnen Protagonisten leicht übersieht. Eine Beschreibung der Personen braucht es nicht, denn sie kommunizieren ausschließlich in Emails und gelegentlich in Briefen. Damit geben sie sehr viel von sich selbst preis und treiben auf ihre spezielle Art die Handlung voran. Die beiden Mädchen sind überhaupt nicht erbaut davon, dass ihre Väter heiraten wollen. Und beide fühlen sich übergangen und manipuliert durch die Anmeldung für das feudale Feriencamp, wo sie sich kennenlernen und anfreunden sollten. Zu beschaulich war ihr bisheriges Zusammenleben mit ihren Vätern. Die Bekanntschaft der Mädchen beginnt mit dem Austausch von Emails, in denen sie sich gegenseitig versichern, dass sie nichts miteinander zu tun haben wollen. Doch Widerstand ist zwecklos. Obwohl sie grundverschieden sind, kommen sie sich im Camp doch näher. Zunächst natürlich mit Informationen über ihre Väter, die auf einer Motorradtour durch China die Belastbarkeit ihrer Liebe testen wollten. „Sag‘ deinem Dad, dass mein Vater eine Erdnuss-Allergie hat. In asiatischem Essen werden solche Nüsse verwendet und das könnte tödlich enden!“ So sorgt sich die überängstliche Avery, die nicht nur Angst vor Krankheitserregern und Hunden hat, sondern vor allem vor Wasser. Vor lauter Ängsten schläft sie auch schlecht und nennt sich deshalb in ihren Emails „Nachteule“. Betty ist dagegen gefährlichen Sportarten zugetan, besonders allen Wassersportarten. Sie hat sich deshalb den Namen „Sternhai“ zugelegt. Sie ist aufmüpfig gegen Autoritäten und hackt grundsätzlich die Emails ihres Vaters. So sind die Mädchen meist gut informiert, was die Unternehmungen ihrer Väter angeht: Zwei Unfälle mit den Motorrädern und der Verlust der Dokumente in China… Bei einem Sportevent, die Jugendlichen sollen auf einem Seil balancierend einen See überqueren, löst Bett aus purem Übermut den Sicherheitsgurt, springt ins Wasser, und löst damit einen Skandal aus. Avery hält zu ihr und es bleibt bei einer ernsten Verwarnung des Lagerleiters. Zum endgültigen Verweis aus dem Feriencamp kommt es nach dem Familientag. Da dürfen die Eltern und Großeltern den Kindern einen Besuch abstatten. Weil die Väter der Mädchen im fernen China weilen, kommt Bett auf die Idee, die berühmte Theater-Autorin, Kristina Allenbery, Averys biologische Mutter, heimlich einzuladen. Mutter und Tochter hatten einander seit acht Jahren nicht gesehen und finden, nach dem ersten Schreck, liebevoll zueinander. Zu dritt verplaudern die drei die Zeit und müssen im Wald übernachten. Dies führt zum sofortigen Rausschmiss der Mädchen. Bettys Oma, Betty I, genannt Gaga, fliegt ein und nimmt ihre Enkelin mit. Kristina enteilt mit ihrer wiedergefundenen Tochter Avery in ihr Theater-Institut. Weil die Mädchen nun nicht mehr getrennt sein wollen und die beiden Damen sich ebenfalls mögen, finden sich alle vier zum Theater Workshop im Seelocken-Institut. Während Bett und Avery die Hochzeitsfeier ihrer Väter planen, haben sich diese auf ihrer Motorrad-Tour heillos zerstritten und endgültig getrennt. Nun versuchen die Töchter durch allerlei Manipulationen ihre Väter wieder zusammen zu bringen. Auch Mama Kristina und Oma Gaga helfen mit und führen einen bildschönen Balletttänzer ein. In atemberaubendem Tempo entwickelt sich nun ein wechselseitiges Streiten und Verlieben, ein Versöhnen und Verzeihen, und am Ende gibt es eine Hochzeit – nicht zwischen den Vätern – aber eine, die ebenfalls nicht den üblichen Konventionen entspricht. In diesem Roman werden, wie unbeabsichtigt, alle Varianten menschlichen Zusammenlebens als Familie beschrieben. Aus der Vater-Tochter-Familie zu Beginn entsteht eine Großfamilie, in der nur wenige blutsverwandt sind, in der sich aber alle Beteiligten tolerieren und achten. So ist Sam Bloom, Averys Vater, weiß und gebürtiger Jude. Bett und ihr Vater sind dunkelhäutig, das Mädchen wurde von einer brasilianischen Leihmutter ausgetragen. Die vier Frauen stellen ein Musterbeispiel an Frauenpower dar im liebevoll-ironischen Umgang mit ihren Männern. Das ist ein Stück gelebte Frauenemanzipation. Man könnte sich beim Lesen mit jedem und jeder der Mitwirkenden identifizieren. Sie sind alle äußerst liebenswert mit ihren Schrullen und ihrer gelebten Toleranz. Meisterlich haben die beiden Autorinnen alle gängigen Vorurteile gegen Minderheiten aufgegriffen, in diesem spannenden Roman humorvoll verarbeitet und Lösungen aufgezeigt. Beim zweiten Lesen mag man die originellen und geistreichen Untertöne genießen. Es dauert allerdings eine Weile, bis man sich an den schnellen „Wortwechsel“ in den Emails gewöhnt hat. Schwierig ist, dass fast jede Person mit mehreren Namen, Rufnahmen oder Spitznamen agiert. Hier braucht es etwas Geduld und Konzentration.
[gem 10 Baden-Württemberg]
  
       

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