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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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c/o Alexandra Ritter, Reifenberger Straße 21, 60489 Frankfurt am Main

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Autor:
Reynolds, Jason,     
Titel:
Die Sache mit dem Glücklichsein
ISBN:
978-3-423-62725-2  
Übersetzer:
Fritz, Klaus
Originalsprache:
Amerikanisch
Illustrator:
Seitenanzahl:
288
Verlag:
dtv, München
Gattung:
Erzählung / Roman
Reihe:
Hanser
Jahr:
2019
Preis:
9,95 €   Taschenbuch / Heft / Broschur
       
Inhalt:
Die Mutter des 17jährigen Matthew stirbt an Krebs. Der Junge bleibt mit seinem Vater allein zurück und verschließt sich in seiner Trauer, während der Vater dem Alkohol verfällt. Neben der Schule muss Matt nun auch Geld verdienen und findet Arbeit bei einem Bestattungsunternehmen. Bei den Beerdigungen beobachtet er die Trauernden und lernt bei einer solchen Gelegenheit Love, seine erste große Liebe kennen.
[gem 10 Baden-Württemberg]
       
Lesealter:
12 - 99 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Ja
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Trauer / Liebe / Mitgefühl / Hilfsbereitschaft
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Matthew hat bei seinen Eltern eine sehr liebevolle Kindheit erlebt. Als die Mutter Daisy an Krebs stirbt, bricht in ihm eine Welt zusammen. Sein Vater verfällt in seiner Hilflosigkeit dem Alkohol, und Matt hat an Chris zwar einen treuen Freund, der ihm aber auch nicht aus der Krise helfen kann. Matt zieht sich in seiner Trauer ganz in sich selbst zurück. Er kann seine Gefühle nicht zeigen und setzt deshalb, wie er selbst sagt, sein „Betongesicht“ auf. Weil nun das Verdienst der Mutter fehlt, muss sich der 17jährige einen Job suchen. Neben der Schule arbeitet er im Bestattungsunternehmen von Mr. Ray, der ihm ein väterlicher Freund wird. In der ersten Hälfte des knapp 300 Seiten umfassenden Romans erzählt Matt von sich und seinem Leben ohne Mutter. Vor allem aber berichtet er vom Leben in seinem Viertel in Brooklyn und von den Bestattungen, denen er beiwohnt. Er nimmt an jeder Trauerfeier teil, obwohl das nicht zu seinen Pflichten gehört, denn er möchte genau studieren, wie die „Haupttrauernden“ mit ihren Gefühlen umgehen. Die Rituale der afroamerikanischen Kirchengemeinde finden unter großer Emotionalität statt und werden von Matt gelegentlich ironisch kommentiert. Manchmal spricht er die Lesenden direkt an, selten sagt er „wir Schwarze“. Matt erzählt in einfachen, kurzen Sätzen und durchaus mit jugendlichem Jargon, aber niemals vulgär. Trotz dieser schlichten Sprache vermittelt er sehr viel Stimmung und Gefühle. Er nimmt die Lesenden mit hinein in das fast kleinstädtische Milieu, wo jeder jeden kennt, das inmitten von Brooklyn existiert, dem bevölkerungsreichsten Stadtteil New Yorks. Obwohl Rassismus, Kriminalität oder Armut überhaupt nicht Thema dieses Romans sind, lernt man sehr viel über diese „Multi-Kulti-Gesellschaft“: Huuhns Brathähnchen-Kiosk, die Kirche, das Obdachlosenasyl, der Park und natürlich das Beerdigungsinstitut. Es wird viel gestorben, an Krankheit, im Suff oder durch Mord. Mit Einbruch der Dämmerung geht man möglichst nicht mehr aus dem Haus. Natürlich bei einer Trauerfeier lernt Matt das Mädchen Love kennen. Sie ist die einzige Hinterbliebene, als ihre Großmutter stirbt, die sie aufgezogen hat. Ihre Mutter ist ermordet worden, als Love sieben Jahre alt war. Aber aus dem Mädchen ist eine starke Persönlichkeit geworden, das mit seiner Trauer völlig anders umgeht als Matt. Der schüchterne und was Mädchen betrifft völlig unerfahrene Junge spricht sie beim „Leichenschmaus“ an. Erst in der zweiten Hälfte dieses Romans beginnt die zarte Liebesgeschichte zwischen den Beiden und Matts Weg zurück ins Leben. In diesem Teil des Romans erfährt man nebenbei viel über das Alltagsleben in einer afroamerikanischen Kirchengemeinde. So lädt Love den schüchternen Matt zum „Thanksgiving-Essen“ ein. Er muss mit Chris und Mr. Ray lange beraten, was er wohl als Gastgeschenk mitbringen könnte. Als er schließlich zum selbst verfassten Kochbuch seiner Mutter greift, bäckt er ihre berühmten Schokoplätzchen. Doch das Date mit Love verläuft völlig anders, als (auch für die Lesenden) zu erwarten war: Love kommt aus dem Haus und nimmt Matt mit ins Obdachlosenasyl. Hier wird er als neue ehrenamtliche Hilfskraft eingesetzt, teilt Essen aus und spielt mit den Kindern. Nach seiner ersten Enttäuschung genießt er aber den Spaß und die Freude an dieser Tätigkeit. Das einzige Schokoplätzchen, das Love gerettet hat, teilen sich die beiden Liebenden. Die Hilfsbereitschaft und Wärme, die die Mitglieder dieser Kirchengemeinde für die Menschen entfalten, die noch ärmer sind als sie selbst, ist zutiefst beeindruckend. Deutlich erkennbar sind die Unterschiede zu unserem Sozialstaat-System. Deutlich wird in dieser Liebesgeschichte auch die Prüderie, die man den Amerikanern nachsagt. Sowohl Love als auch Matt leben allein in ihren Wohnungen, aber sie besuchen sich nicht gegenseitig, sondern treffen sich stets auf „neutralem“ Terrain. Und es dauert lange bis zum ersten Kuss. Aber, oder vielleicht gerade deshalb sind die Szenen zwischen den Beiden besonders zart und anrührend. Der Verlag empfiehlt das Buch bereits für 12jährige. Ob sie all diese Feinheiten, die oft auch zwischen den Zeilen versteckt sind, entdecken und verstehen, darf bezweifelt werden. Trotzdem dürfen sie auf eine spannende Lektüre hoffen, denn bei aller Trauer und allem Elend hat auch feiner Humor, Ironie und Lebensfreude in dieser ungewöhnlichen Erzählung Platz gefunden.
[gem 10 Baden-Württemberg]
  
       

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