Heinrich Wolgast

Vom Elend unserer Jugendliteratur

 

"In unseren Tagen bereitet sich eine der grössten geschichtlichen Umwälzungen vor. Je nach dem politischen Standpunkt wird das Ziel dieser offenkundigen Bewegung verschieden formuliert. Aber sicher ist, dass es sich um eine Umgestaltung der Arbeitsverhältnisse handelt.
In zwei Richtungen bewegt sich das Streben. Eine grössere Menge Ware in besserer Qualität mit verminderter Arbeitskraft herzustellen, ist das eine Ziel; dem Arbeiter die Früchte seiner Arbeit in grösserem Masse zu sichern, das andere.
Unter jenen Gesichtspunkt fällt, um einiges hervorzuheben, die Verbesserung der Arbeitsmethoden, die Zentralisation der Arbeit, die staatsseitige Prüfung der Ware, die Verkürzung der täglichen Arbeitszeit, unter diesen die Arbeiterkoalitionen und die Arbeiterschutzbestrebungen [...]

In diesem Befreiungskampfe des Menschen gegen die ihn beherrschende Produktion entspring die Quelle einer neuen pädagogischen Strömung. Ist der Mensch nicht mehr der gefesselte Sklave der Produktion, so gewinnt er Musse und Lust, Ausblicke zu halten auf die Weite der Welt und ihre Herrlichkeit.
Es entsteht das Genussbedürfnis, und die Erziehung eilt, den Menschen für den Genuss fähig zu machen."

 

 

zitiert nach:
Worms: Ernst Wunderlich 1960
(entspricht dem Text der 4. Auflage von 1910), S. 21