Der LesePeter
des Monats
Oktober 2015

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an David Whitehouse

 
      für das Jugendbuch  
     

Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek

 
         
         
         
         
     

David Whitehouse
Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek
Übersetzt aus dem Englischen von Dorothee Merkel
Stuttgart: Tropen Verlag 2015
978-3608-50148-3
315 S * 19,95 € * ab 13 J

 

 
 

 

„Liebe, Verlust, Leben, Tod, all jene gewaltigen Schicksalsströme, die über einen Menschen hereinbrechen, waren auf den Seiten der Bücher so oft überwunden worden, dass man sich ihnen niemals wieder allein gegenüberstellen musste.“ (S.301) Dies ist die Quintessenz gegen Ende des vielschichtigen Romans. Zu dieser Einsicht gelangen durch Lektüre der 12-jährige Bobby, die Hauptperson, ebenso wie die vier anderen wichtigen Protagonisten der Handlung als auch die LeserInnen des immer wieder überraschenden, bedrückenden und mehr noch beglückenden Geschehens.
Unter Verlust leiden neben Bobby, der unter traumatischen Umständen seine Mutter verloren hat, auch sein Freund Sunny, die 40-jährige Val und deren behinderte Tochter Rosa sowie der 30-jährige Einsiedler Joe. Deren Verlusterfahrung ließ sie jeweils zum Außenseiter werden, worunter sie sehr zu leiden haben. Aber durch überraschende, fast märchenhafte Umstände finden diese Protagonisten in einem Lesebus zusammen und fliehen damit vor der Polizei quer durch Großbritannien. Dabei entwickeln sie nicht zuletzt dank der mitgeführten Bücher Vertrauen zueinander und knüpfen zarte Liebesbeziehungen, sodass sie im Verlauf vieler abenteuerlicher Erlebnisse zu einer Art neuer Familie zusammenwachsen.
Der Autor spielt mit vielfältigen literarischen Genres (Abenteuer- und Entwicklungsroman, Märchen und Fantasie sowie Road-Movie), wobei er die Literatur und das Leben in befruchtende Wechselbeziehung setzt.

Der 34-jährige britische Autor David Whitehouse legt mit „Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ sein erstes Buch in Deutsch vor, mit seinem englischen Debut „Bed“ (2010) schaffte er es sogleich auf die dortige Bestsellerliste und erhielt einen Literaturpreis. Zuvor war er für renommierte britische Zeitungen journalistisch tätig und schrieb Drehbücher für Filme und das Fernsehen.
Dass der Autor das Schreibhandwerk souverän beherrscht, beweist er auch mit dem vorliegenden Buch, sei es dessen Gesamtkonzept oder die sorgfältig ausgearbeiteten Details. Er gliedert den 315 Seiten umfassenden Roman in 22 pfiffig konstruierte Kapitel, beginnend mit Kapitel 1 „Ende“, genauer gesagt kurz davor, um dann rekonstruktiv das Geschehen zu entfalten, das nach spannenden, turbulenten und bewegenden Ereignissen mit „Eine Kindergeschichte – Teil 2“ abermals völlig überraschend (happy) endet.

Die Handlung wird getragen von einer Personenkonstellation, die überschaubar aus fünf illustren Hauptfiguren besteht. Zentralfigur ist der 12-jährige Bobby, der unter dem Verlust seiner Mutter leidet, bei seinem jähzornig-alkoholisierten Vater und dessen beschränkter Geliebter einem Martyrium ausgesetzt ist und in der Schule gemobbt wird. Das beobachtet der neue Mitschüler Sunny, ebenfalls ein Außenseiter, der zu seinem Beschützer und Freund wird. Diese innige Freundschaft geht so weit, dass dieser sich mit Hilfe von Bobby – in makabren Szenen – zu einem vermeintlich unbesiegbaren Cyborg (=Eisenmann) umgestalten lassen will. Diesen Versuch überlebt er zwar knapp, jedoch hat das die unerwartete Konsequenz, dass er zunächst aus Bobbys Leben verschwindet. In dieser deprimierenden Phase lernt Bobby Rosa aus der Nachbarschaft kennen, ein geistig zurückgebliebenes, freundliches und offenes Mädchen und dessen nette Mutter Val, die den Lesebus der Gemeinde putzt. Als die Konflikte für Bobby zuhause und in der Schule eskalieren, beschließen die Drei, mit dem Lesebus zu fliehen. Auf ihrer abenteuerlichen Flucht treffen sie den merkwürdigen Einsiedler Joe, der sich ihnen anschließt. Alle diese Figuren eint ihr Leiden unter Verlusterfahrungen, genauer die fehlende Zuneigung und Liebe einer intakten Familie. Doch es ergibt sich während ihrer abenteuerlichen Flucht vor der Polizei quer durch Großbritannien, dass sich zwischen ihnen Zuneigung und Liebe entwickelt, so dass sie nach außen so etwas wie Normalität verbreiten und sie selbst zu der Einsicht gelangen: „Familie ist dort, wo man sie findet...Familie ist dort, wo es genug Liebe gibt.“ (S.282)
Zu solcher und ähnlicher Einsicht und Erfahrung verhilft den Protagonisten immer wieder ausgewählte Lektüre der mitgeführten Bücher, wobei namentlich und mit kurzen, zur jeweiligen Situation passenden Zitaten unter anderen erwähnt werden: „Der kleine Prinz“, „Mobby Dick“, „Die Schatzinsel“ oder „Gullivers Reisen“. So werden Literatur und Leben eng verknüpft und unaufdringlich die Wechselwirkung von Fiktion und Wirklichkeit verdeutlicht.
Zu dieser Poetisierug der Wirklichkeit (und umgekehrt) trägt auch der besondere bildhafte Sprachgebrauch bei, der sich zudem als witzig, z.T. sarkastisch, häufig sensibel und tiefgründig erweist, so dass man während der Lektüre ständig kühne Metaphern und gewichtige Sentenzen notieren möchte wie z. B.: „...er spürte es. Angst. Die grausame Schraubzwinge der Seele.“ (S.117) oder: „Steinbecks Roman war unglaublich kompliziert, fand er, zu kompliziert für seine jungen Jahre, aber die altmodische Sprache köderte ihn, riss ihn mit sich, die Sätze strömten in eleganten Spiralen über die Seiten...“(S. 175) oder „Man konnte ein Leben lang alles richtig machen, aber es reichte schon, wenn man nur eine Sekunde lang etwas falsch machte.“ (S. 52)
Diese und zahlreiche andere philosophische Gedanken lassen den Leser innehalten und fordern dazu heraus, sich mit anderen darüber auszutauschen. Und auf diese Weise gelingt es David Whitehouse, LeserInnen ab 13 bis hin zu Erwachsenen eine Lektüre anzubieten, die mit großem Vergnügen und noch größerem Gewinn für einen selbst gelesen werden kann, wobei er zahlreiche literarische Genres wie Abenteuer- und Adoleszenzroman, Fantasie und Märchen oder Road-Movie fließend spielerisch verschränkt und unterhaltsam präsentiert.
 

 zum Autor

Der Engländer David Whitehouse wurde 1981 geboren und lebt heute in London. Im Jahr 2011 erschien sein erstes Buch (»Bed«), das 2012 mit dem Betty Trask Prize ausgezeichnet wurde. »Mobile Library« ist sein zweites Buch.
Whitehouse schreibt für diverse Tageszeitungen und Magazine (Guardian, Times, Esquire u. a.) und verfasste einige Drehbücher für Kurzfilme.

(C) James Leighton-Burns, mit frdl. Genehmigung des Tropen Verlags

 

 

 

 

 

 

(v&ks für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (bj&lr)
Jugendbuch     (02/06/10)   (cjh&tk)
Sachbuch     (03/07/11)   (ika)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

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