Der LesePeter
des Monats
August 2015

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an María Julia Díaz Garrido
&
David Daniel Álvarez Hernández

 
      für das Bilderbuch  
      Als die Vögel vergaßen, Vögel zu sein  
         
         
         
         
     

María Julia Díaz Garrido & David Daniel Álvarez Hernández:
Als die Vögel vergaßen, Vögel zu sein

Reihe: Kleine philosophische Bibliothek
Aus dem Spanischen von Lydia Thiessen
Zürich: Aracari 2015
978-3-905945-51-5
28 S * 14,90 € * ab 05 J

 

 
 

 

Eine kleine kritische Geschichte der Menschheit in wenigen Bildern, die ausgesprochen akkurate, ausschließlich mit Bleistift gezeichnete Vögel in menschlicher Kleidung zeigen. Die sehr nachdenklich machende Geschichte kommt ohne Farbe und mit nur wenigen Wörtern aus.

Wer bin ich und was

Der Vogel auf dem ersten Bild trägt eine lange Hose und ist ansonsten nackt. Seine Federn ähneln eher einem Fell, die Flügel sind zu Armen ausgebildet, und die Füße stecken in kleinen, engen Schuhen. Er sitzt auf einem kurzen, kahlen Ast eines Baumes, der nur noch wenige einzelne Blätter trägt. Viele Äste sind angebrochen, sogar der etwas dickere, auf dem er sitzt. Das scheint nicht mehr die Heimat des Vogels zu sein!
Wohin es gehen wird, sehen wir gleich auf der nächsten Doppelseite, auf der ein (weiser und kluger) Kauz zwei kleinen Vögeln, Kindern, anhand eines Modells erklärt, wie die Welt aufgebaut ist. Im Zentrum steht das Ei, um das sowohl eine kleine strahlende Sonne kreist und mehrere Planeten. Wir kennen solche Modelle, die die Veränderung der Sichtweise vom geo- zum heliozentrischen Weltbild zeigen. Hier nun sind weder Erde noch Sonne im Zentrum, sondern das gesprenkelte Ei, auf dem die dunklen Flecken auch Landflächen in einem großen Ozean darstellen könnten.
Über die Veränderung der Wohnorte vom Land in die Kästen der Stadt, die Entwicklung von Fortbewegungsmitteln, das Entstehen von Dekadenz und Entfremdung des Vogels/Menschen von seinem Essen und von dem enger werdenden Lebensraum erzählen die Bilder der Geschichte, indem sie von Käfigen, Pfauenfedern und eingelegten Mäusen in einem Glas berichten, vom Lächerlichmachen der wilden Katze zur traurigen Zirkusattraktion, von Kontrollierungswahn und der Aggression untereinander.
Offensichtlich ist der eingeschlagene Weg, den die Gesellschaft der Vögel und im übertragenen Sinn der der Menschen beschreitet, zum Scheitern verdammt – wäre da nicht das letzte Bild.

Der Text hält sich sehr zurück, manchmal ist er nur eine kurze Zeile lang: »Sie erklärten ihren Jungen das Wie und Warum von allem, was es auf der Welt gibt.« oder: »Sie suchten das Einfache, das Praktische und das Bequeme ...« Bei uns sind es die festen Wohnhäuser und der Supermarkt, den wir mit schnellen Fortbewegungsmitteln erreichen und dort Konserven und Fertiggerichte zu kaufen, die wir in den Mikrowellen zu einem schnellen Mahl erhitzen. Im Buch ist es der Raubvogel mit seinem gekrümmten Schnabel, der in reinlicher Kleidung vor einem Teller sitzt und aus dem Bild hinausstarrt. Das Glas mit der Fressnahrung (Mäuse in einer Flüssigkeit) und einer Banderole schaut er nicht an. Nach Nahrung fliegen wird er auch nicht mehr. Wie denn? Seine Flügel stecken in der Jacke und für schlechtes Wetter hängt im Hintergrund sogar ein eingerollter Schirm auf dem Kleiderständer.
Dass es noch ärger geht mit der Kleidung, sehen wir am Hahn auf der Folgeseite, der sich »gockelhaft« nicht nur seinen Kamm kräftig nach oben streckt, sondern sich noch mit fremden Pfauenfedern schmückt, dem Sinnbild von Eitelkeit überhaupt.

 

Auch junge Vorschulkinder können schon begreifen, wovon der sehr zurückhaltende und stark reduzierte Text und die noch viel aussagenstärkeren Bilder erzählen, dass die Vögel hier nur Stellvertreter sind für die Menschen und ihre Entwicklung. Die Lächerlichkeit bei der Suche nach »mehr, immer mehr« werden sie feststellen, auch wenn das eigene Verhalten sich dadurch nicht ändern wird. Aber ein kleiner Stachel ist gesetzt.

Das Buch trägt im Original den Titel «Bandada», was so viel wie ‚Die Vogelschar‘ bedeutet. Es gewann den »5. Internationalen Preis von Compostela für illustrierte Bücher«. Mit Recht.

 

 Autor(in) / Illustrator(in)


 

María Julia Díaz Garrido wurde 1986 in Mexiko-Stadt geboren. Sie studierte an der Hochschule für Design des Nationalen Instituts der Schönen Künste (EDINBA) in Mexiko und nahm an verschiedenen Werkstattveranstaltungen für Gestaltung und Herausgabe für illustrierte Bücher teil. Sie arbeitete bereits mit bekannten Künstlern wie Gabriel Pacheco, Javier Zabala und Suzanne Zeller zusammen.

(c) Foto mit frdl. Genehmigung des Verlags

 

David Daniel Álvarez Hernández wurde ebenfalls 1986 in Mexiko-Stadt geboren und studierte auch an der Hochschule für Design des Nationalen Instituts der Schönen Künste (EDINBA) in Mexiko. Für seine Illustrationen erhielt er bereits internationale Auszeichnungen, wie zum Beispiel den ersten Preis für Illustration (Kategorie Studenten) bei dem von der Universität von Palermo veranstalteten Lateinamerikanischen Design-Treffen 2011 und ebenfalls 2011 den zweiten Platz im Katalog der Illustratoren für Kinder- und Jugend-Veröffentlichungen der Stadt Mexiko.

(c) Foto mit frdl. Genehmigung des Verlags

 

 

 

 

(uhb für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (bj&lr)
Jugendbuch     (02/06/10)   (cjh&tk)
Sachbuch     (03/07/11)   (ika)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

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