Der LesePeter
des Monats
Juni 2015

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Hannele Huovi

 
      für das Jugendbuch  
      Die Federkette  
         
         
         
         
     

Huovi, Hannele:
Die Federkette

Aus dem Finnischen übersetzt von AnuStohner
München: Hanser 2014
978-3-446-24628-7
240 S * geb *  14,90 € * ab 13 J

 

 
 

 

Ein Mädchen, das die Sprache der Vögel versteht und das nach einem Unglück mit einem Falken vom Gericht der Vögel für immer mit dem Falken verkettet wird. Eine Verkettung, die nur durch eine Zauberquelle gelöst werden kann, eine lange Reise, viele Abenteuer. Vielleicht denken Sie im ersten Moment wie ich: Och nö, nicht so eine fantastisch-mystische Erzählung. Mit solchen Geschichten kann ich nichts anfangen. Ja? Dann wird das Buch ihre Erwartungen NICHT erfüllen. Dieses Buch geht jeden etwas an!
Wie schon einleitend zugegeben, habe ich der Lektüre fantastischer (Kinder- und Jugend-) Literatur häufig zu schnell das Signum des eskapistischen Lesemodus aufgedrückt. Literarische Fantastik sei doch was für jene, die der Wirklichkeit entfliehen wollen. Und dass diese pauschale Verdächtigung auch bei vielen verbreitet ist, drückt sich in einer eingeschränkten Wahrnehmung dieser Literatur besonders auch in der Schule aus.
Das Buch „Die Federkette“ einer der erfolgreichsten Kinder- und JugendbuchautorInnen Finnlands, Hannele Huovi, kann einem eine doppelte Lehre sein. Indem man in diesem Buch die Notwendigkeit der Selbstverständigung der Gesellschaft über das Zusammenleben und die Zukunft des Menschen gespiegelt bekommt, erfährt man, was literarische Fantastik leisten kann.

Natürlich kann diese Erzählung auch nur als eine „fantastisch-poetische Geschichte von der Freundschaft zwischen Mensch und Tier“ gelesen werden, wie aus auf dem Buch beworben wird. Dann lässt sich der Inhalt etwa so zusammenfassen: Eleisa hat die besondere Gabe, die Sprache der Vögel zu verstehen. Außerdem fühlen sich die Vögel in ihrer Nähe wohl. Nach einem folgenschweren Unglück aber, an dem Eleisa und ein Falke gleichermaßen Schuld tragen, werden sie durch eine Federkette aneinander gebunden. Um die Kette zu lösen, machen sie sich auf die Suche nach einer Quelle. Die Reise ist nicht nur abenteuerlich, weil sie nicht wissen, wo sie suchen müssen, weil sie seltsame Gestalten treffen oder weil es viele schwierige Situationen und Herausforderungen zu meistern gilt. Sondern auch, weil sich Eleisa und der Falke eigentlich nicht ausstehen können. Im Laufe der Reise nähern sie sich aber gegenseitig an und lernen die Eigenarten des anderen zu schätzen. Und dass der Kettenzauber gelöst wird, versteht sich.
Liest man die Erzählung so, muss man vor einer Menge an Elementen die Augen verschließen, die die doppelte Adressiertheit der Geschichte hervortreten lassen und die besondere Qualität des Textes bezeichnen. Dazu zählt ganz allgemein die Gestaltung von zwei Welten, die parallel existieren: die Menschen- und die Vogelwelt. In der Menschenwelt, in der Krieg und Feindschaft herrschen, lösen sich die Schatten von den Menschen ab und bilden ein bedrohliches Heer. Die Vogelwelt trägt zuerst den Schleier einer mystischen Gegenwelt. Dass diese Welt aber kein Paradies ist, zeigt der Blick unter den Schleier schon früh. Die Grenze zwischen diesen Welten wird von Eleisa im Moment des Unglücks eher zufällig überschritten und zurück in die Menschenwelt kann sie fortan auch nicht mehr. Doppelgesicht, ein geheimnisvolles Mädchen, das aus einer Theaterfamilie stammt, kann zwischen den Welten hin und her gehen, indem sie sich einen Übergang schafft – eine Blase. Für Eleisa ist die Vogelwelt vor dem Unglück ein Rückzugsort vor der Familie und den dunklen Gestalten, die bei ihrem Vater ein- und ausgehen, wie sukzessive in Erinnerungsschleifen eingeführt wird. Und auch die Vorgeschichte von Doppelgesicht wird fortführend aufgedeckt. Sie sucht in der Vogelwelt Schutz, nachdem ihr Vater gefangen genommen und ihre Mutter ermordet wurde. 

In diesen klassischen Elementen der literarischen Fantastik, nämlich parallele Welten und Grenzgänge in Verbindung mit dem romantischen Motiv des Verlusts des persönlichen Schattens, ist die kritische Stellungnahme der Erzählung zu sozialen und ethischen Fragen eingearbeitet, die die parabelhafte Sinnebene eröffnet und die Lektüre zu einem Gewinn macht. Ich will versuchen meine Lesart aufzudecken und damit zu zeigen, was Fantastik allgemein und dieses Buch im Speziellen leisten kann.
Eleisa kommt am Ende der Erzählung zu der Erkenntnis, dass alles eine Bedeutung hat oder dass man an die grundsätzliche Bedeutungshaftigkeit des Lebens zumindest glauben muss. Denn „der Glaube
[] hilft, das Gute wenigstens zu versuchen.“ (S. 222) Verliert man nämlich das Vertrauen in „Gerechtigkeit“ oder „Gleichheit“ (S. 222) nicht, dann ist man stark und kann viel aushalten. „Wem [aber] nichts etwas bedeutet, der ist ein trauriger Wicht.“ (S. 225) Und weil in der Menschenwelt so viele diesen Glauben verloren haben, kann der persönliche Schatten, der in der Psychoanalyse für die mangelhaften Fähigkeiten, die negativen Eigenschaften und all das steht, was man lieber unterdrücken will, erstarken und sich verselbstständigen. Das Heer der Schatten übernimmt die Macht in der Welt und die Menschen erliegen der Faszination der Barbarei. Die Trennung des Menschen von seinem Schatten symbolisiert damit die Spaltung des Selbst, mit der die moralische Verantwortlichkeit des Menschen in der Gesellschaft verloren geht.  Die Menschenwelt wird zusehends entmenschlicht – eine dystopische  Vision der Gesellschaft wird hier gezeichnet, die wachrüttelt.
Eleisa erlebt die Folgen der atmosphärischen Kälte in der Familie, sucht in der Vogelwelt nach einer Gegenwelt und erlebt wie die Angewiesenheit und Abhängigkeit von und zu anderen Kraft und Schutz geben kann. Sie erlebt in der Vogelwelt, was sie in der Menschenwelt nicht mehr erleben kann.

Doppelgesichts Erkenntnis steht damit in enger Verbindung, liegt aber auf der gesellschaftlichen Ebene. Die Menschen brauchen  jemanden, der ihnen sagt, dass das Leben lebenswert ist, dass alles Bedeutung hat und dass man für das Gute kämpfen muss. Und genau dies haben ihre Eltern als Narren im Theater geleistet. Sie wollten die Menschen stärken, damit sich die Schatten nicht von ihnen lösen können, und haben dafür teuer bezahlt. Doppelgesicht erkennt diesen Zusammenhang in dem Moment, als sie in der Vogelwelt zufällig einen Menschen durch eine Erzählung wieder mit seinem Schatten verbindet.
Die Fantasie kann nicht nur eine Welt als Rückzugsort schaffen, sondern sie trägt auch in Form von Erzählungen dazu bei, den Menschen zu sich selbst zurückzuführen. Und der Zusammenhalt der Menschen und Vögel in der Vogelwelt, die Verantwortung, die sie füreinander übernehmen,  und die Zuversicht stehen im Kontrast zur entmenschlichten Menschenwelt und ermöglichen die Erkenntnis der Grenzgänger in der Parallelwelt. Die Rückkehr in die Menschenwelt mit diesen Einsichten sät den Keim der Hoffnung in der Geschichte.
Dass Doppelgesicht sich vornimmt, fortan den Menschen in der Menschenwelt Geschichten in der Hoffnung zu erzählen, sie wieder mit ihrem Schatten zusammenzubringen, ist ein Verweis darauf, was das „Theater oder eben die Kunst im Allgemeinen“ leisten kann. Sie kann uns unsere Welt spiegeln und uns zur Reflexion von existenzielle Erfahrungen, Werten und Normen anregen. Diese Erzählung ist mehr als nur poetisch-fantastische Weltflucht. Sie ist vielmehr realitätsbezogener Diskurs. Und das geht uns alle an!

 

 zum Autor / zur Illustratorin

Hannele Huovi, 1949 im finnischen Kotka geboren, gehört zu den bedeutendsten Kinder- und Jugendbuchautoren Finnlands. Huovis Werk umfasst nahezu 40 Werke seit ihrem Debüt 1979, zu diesem gehören Märchen, Fabeln, Gedichte, Romane, Hörspiele, Theaterstücke und Drehbücher. Übersetzt wurden ihre Bücher in 5 Sprachen. Im Hanser Kinderbuch erschien bereits 1994 das Jugendbuch Wladimirs Buch, das mit dem Finnischen Staatspreis und dem Anni Swan Preis ausgezeichnet wurde.
Quelle : http://www.hanser-literaturverlage.de/autor/hannele-huovi/

(c) Tammi (Foto mit frdl. Genehmigung des Verlags)

 

 

 

 

 

(hej für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (bj&lr)
Jugendbuch     (02/06/10)   (hj)
Sachbuch     (03/07/11)   (ika)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

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