Der LesePeter
des Monats
Mai 2015

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Ulrich Hub

 
      für das Kinderbuch  
      Füchse lügen nicht  
         
         
         
         
     

Ulrich Hub
Füchse lügen nicht

Illustrationen von Heike Drewelow
Hamburg: Carlsen 2014
978-3-551-55649-3
144 S * geb * 12,90 € * ab 8 J

 

 
 

 

Ein Panda, ein Affe, zwei Schafe, eine Gans und ein Tiger warten tagelang in der Animal-Lounge auf ihren Flug. Kurz nachdem ihnen der Flughafen-Wachhund mitgeteilt hat, dass alle Flüge ersatzlos gestrichen sind, erscheint ein feuerroter Fuchs. Er schmeichelt den Tieren und wiegelt sie gegen den Hund auf, veranstaltet eine wilde Party im Duty-Free-Shop und ist plötzlich weg. Alle Reisepässe leider auch. Die Tiere sind fassungslos und wütend. Da kommt der Fuchs zurück. Was nun?

Ulrich Hubs “Füchse lügen nicht” ist eine Geschichte mit fabelähnlichen Strukturen, aufgebrochen durch die Ambivalenz in den Charakteren der Tiere. Die Handlung spielt in einem verlassenen Flughafen. Sechs Tiere warten tagelang in der Animal Lounge auf ihren Flug. Die Darstellung, dass jemand drei Tage lang in einem völlig verlassenen Flughafen ausharren kann, zeigt eine skurrile Situation. Die Tiere, die dort im Warteraum sitzen, wissen nicht um ihre bedenkliche Lage und hinterfragen nichts. Selbst der diensteifrige Security-Hund des Flughafens weiß von nichts. Andeutungen über drohende Gefahren (sich ständig vergrößernde Risse in den Kacheln des Warteraums) werden von den ahnungslosen und gutgläubigen Tieren nicht wahrgenommen.
Ein weiteres Tier taucht auf. Es ist ein Fuchs, der in zahlreichen Fabeln als schlaue, listige und verschlagene Figur auftritt. Genauso agiert auch der Fuchs in dieser Erzählung. Seine scharfsinnige Beobachtungsgabe zeigt sich in den Dialogen mit den verschiedenen Tieren. Er macht Komplimente, hofiert einzelne Tiere und verteilt Schmeicheleinheiten an alle. Bis auf den Wachhund, der ist nämlich als Vertreter der Flughafenverwaltung wachsam. An ihm scheint das demagogische Geschick des Fuchses abzuprallen. Zunächst jedenfalls. Im Nu hat der Fuchs die Tiere gegen den misstrauischen Sicherheitshund aufgewiegelt, der sich (vorerst) als einziger nicht manipulieren lässt. Die in den Dialogen enthaltenen ironischen Anspielungen auf gesellschaftliche Phänomene sind für fortgeschrittene Leser purer Lesespaß, aber für Kinder schlecht zu durchschauen, Verständnisprobleme könnten auftreten.
Der Fuchs inszeniert schließlich eine rauschende Party im Duty-Free-Shop und ist plötzlich verschwunden. Fassungslos registrieren die Tiere, dass mit dem Fuchs auch alle ihre Reisepässe verschwunden sind. In der Fabel wäre die Geschichte mit dem listigen Fuchs, der die naiven Gegenspieler übertölpelt, eigentlich zu Ende. In dieser Erzählung geschieht etwas Unerwartetes: Der Fuchs kehrt zurück. Er will die Tiere vor einer Gefahr warnen.

Die Brechung in den Charakteren ist für manche Kinder nicht so leicht nachvollziehbar. Die Tiere, die sich anfangs so gesittet und geduldig benehmen, rasten bei der nächtlichen Party völlig aus. Schlimmer noch. Als sie erkennen, dass der Fuchs sie ausgenutzt und ihre Reisepässe gestohlen hat, sind sie so zornig, dass den Fuchs fast erschlagen, als er zurückkommt. Eine weitere Wandlung betrifft das Verhalten des Fuchses. Überwältigt von der Freundschaft und Geselligkeit, die ihm die Tiere bei der Party entgegenbrachten, will der Fuchs sie nun vor dem Einsturz des Flughafengebäudes warnen.
Die Geschichte bietet nicht die Gewissheit wie es in der Fabel mit ihren eindeutigen Schwarz-Weiß-Zuordnungen üblich ist. Hier wird mit der Wandlungsfähigkeit der Charaktere gespielt. Für Kinder sind daher wahrscheinlich Erklärungsversuche nötig. Was ist Lüge? Was ist Wahrheit? Auch im Text werden solche Fragen aufgeworfen. Fängt das Lügen schon an, wenn man etwas verschweigt? Lügen, um sich damit Vorteile zu verschaffen, können Kinder schon einordnen, aber für ironische Bemerkungen und Andeutungen haben sie noch keine “Übersetzung”. Es ist fraglich, ob Kinder schon Ironie verstehen. Kleine ironische Spitzen auf mehr ode minder bekannte politisch-gesellschaftliche Gegebenheiten können sich Kindern noch nicht erschließen. Jugendliche und erwachsene (Vor-)Leser werden ihren Spaß daran haben: Pfusch am Flughafenbau, Schönheits- und Jugendwahn des Tigers, ein Affe mit Tablettensucht, die Klonschafe können nicht miteinander spielen, weil sie die Gedanken des anderen Schafs kennen, die Gans kramt hysterisch im Handtäschchen, der Panda gibt vor, der allerletzte seiner Art zu sein, der Hund ist ein bürokratischer Vertreter, ...
Die Erzählung schließt mit einem (vordergründigen?) Happy End; wer weiß nach dieser Lektüre schon, ob sich die Tiere nicht noch einmal anders verhalten werden? Die Geschichte ist nicht zuletzt wegen der lebhaften Dialoge leicht und flott zu lesen. Lesespaß vermitteln auch die slapstickartigen Wiederholungen, wenn die Gans z.B. zum wiederholten Male ankündigt, dass sie um sich kurzzufassen, ein bisschen ausholen muss. Heike Drewelows Illustrationen fangen die einzelnen Situationen sehr gut ein. Es lohnt sich dabei auch, genau hinzuschauen und die Details in den Bildern zu finden.

(ilo für die AJuM der GEW)

 

Die Geschichte ist auch als E-Book und als Audio-CD erhältlich.
 

zum Autor / zur Illustratorin

 

Ulrich Hub wurde 1963 in Tübingen geboren und lebt heute in Berlin.
Nach einer Ausbildung als Schauspieler (Musikhochschule Hamburg) hatte er Engagements an den Theatern in Gießen und Darmstadt. Er arbeitet außerdem als Regisseur und schreibt Drehbücher. »Füchse lügen nicht« war zunächst als Theaterstück gedacht, unter anderem 2012 im ‚Theater Junge Generation‘ in Dresden aufgeführt.
Ulrich Hub erhielt für seine Arbeiten zahlreiche Preis, u. a. den Deutschen Kindertheaterpreis für »An der Arche um acht«.

 

 

Heike Drewelow ist Jahrgang 1973. Geboren in der Uckermark, lebt sie nach Abitur und Studium (Kunst und Germanistik) heute in Berlin. Sie arbeitet freiberuflich als Zeichnerin und Grafikerin.

http://www.heikedrewelow.de

 

 

 

 

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

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