Der LesePeter
des Monats
Oktober 2014

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Edgar Rai & Cem Gülay

 
      für das Jugendbuch  
      Sunny war gestern  
         
         
         
         
     

Edgar Rai & Cem Gülay
Sunny war gestern
München: dtv 2014
 978-3-423-74002-9
299 S * TB * 12,95 € * ab 16 J

 

 
 

 

Völlig aus heiterem (7.) Himmel trifft Laura der Verdacht, ihr Freund Sunny hätte in der Berliner U-Bahn einen Menschen totgeschlagen. Sunny kommt ins Gefängnis. Er wird erst frei gelassen, als ein Berliner verhaftet wird, der Sunny aufs Haar gleicht. Das Pärchen bekommt heraus: das ist der Sunny verschwiegene Zwillingsbruder Yasir. In regelrechter Detektivarbeit gelingt es den Beiden, den genauen Tathergang zu erfahren und Yasirs Unschuld am Mord beweisen zu können.

Dass die muntere, energische und humorvolle Ich-Erzählerin Laura ausgerechnet von zwei männlichen Autoren erdacht wurde, merkt man ihr wirklich nicht an. Dass die beiden Autoren sich in der Sprach- und Gedankenwelt 17-Jähriger auskennen, aber schon. Laura wächst mit Eltern auf, die beide aus beruflichen Gründen Menschenversteher sind. Das geht ihr eigentlich ziemlich auf die Nerven, im Verlaufe der dramatischen Handlung ist das für sie aber sehr hilfreich. Wenn sie weiß, was sie will, kann sie so jeden, also auch den erfolgreichen Unternehmer, die Apothekerin, die am Rande ihrer Existenz steht, oder die professionelle Gefängnisleiterin, dahin bringen, wohin sie sie haben will. Das geschieht nicht aus nüchternem Kalkül, sondern als Prozess auf der Suche nach dem Ausweg aus einer brenzligen, manchmal sogar bedrohlichen Situation. Ungemein hilfreich - quasi ein running gag - ist ihr die Erkenntnis, dass alle Menschen in bedrohlichen Situationen auf dreierlei Weise reagieren: Starre - Angriff - oder Flucht. Laura beobachtet die Protagonisten in Krisensituationen genau, zwängt sie mitunter darein - und ist gespannt, welche der drei Optionen ergriffen wird. Manchmal wird sie selbst von dieser Logik überrascht, wahrt dadurch den Überblick und ihre Souveränität in den Auseinandersetzungen.

Derlei Situationen zu konstruieren, gelingt den Autoren , was den Leser wiederholt amüsiert und überrascht. Der Plot (wie in Kästners Doppeltem Lottchen werden die Zwillinge als Kleinkinder voneinander getrennt und jeweils eines der Eltern nimmt ein Kind mit in sein zukünftiges Leben. Damit ist die Parallele zu Kästner allerdings auch schon zu Ende.) ist völlig irrwitzig, konsequenterweise aber die Handlung ebenso und schließlich wendet sich alles zum Guten. Das ist sehr gewagt: Immerhin geht es um einen Mord. Weder das Mordopfer noch der Mörder stehen im Vordergrund - angesichts des für jeden Beteiligten schier unglaublichen Lernprozesses erscheint das hier aber sogar als akzeptabel. Ein Mord hat eben nicht nur für die unmittelbar Beteiligten Folgen, sondern auch für die indirekt Betroffenen: Für Yasir, der am Mord passiv teilnahm und nichts dagegen unternommen hat (und dafür auch später noch gerade stehen muss), für Sunny, der fälschlicherweise in Mordverdacht geriet, für Laura, die Angst um ihre Liebe zu Sunny hat - und für die Eltern der drei Jugendlichen, die mit einer Geschichte konfrontiert werden, die sie meinten, weit hinter sich gelassen zu haben.
Für Laura geht das sogar noch weiter. Ihr ganzes Leben wird überschattet vom Tod ihrer älteren Schwester, die sie nie bewusst kennen lernte. Diese Schwester ist allgegenwärtig, ihre Ikone tragen die Eltern vor sich her und all die psychologischen Erkenntnisse, die sie durch ihre Eltern mitbekommen hat, helfen ihr weniger als diejenigen, die sie im Zusammenhang mit dieser erzählten Geschichte machen musste. Am Schluss kann sie sich von dem Problem Schwester lösen und akzeptieren, dass die einfach da war, dass ihre Eltern sie zwar immer vermissen werden, dass aber das wenig mit ihr zu tun hat.

Yasir, dem jugendlichen Intensivtäter, wird die Chance geboten ein neues Leben zu beginnen. Ob er dieses Angebot annimmt, bleibt offen. Vielleicht ist die Hoffnung vergebens, vielleicht kann Yasir sich nicht aus seiner Sozialisation lösen - aber das ist eine andere Geschichte.

Wirklich amüsant ist es zu lesen, wie alle drei Jugendlichen mit ihren pubertären Problemen zu kämpfen haben, wie Laura sich gleichzeitig selbst darüber amüsiert, wie sie die Prollsprache Yasirs übernehmen kann und die Jungs dahin bringt, wohin sie alleine nicht finden könnten, weil sie sich selber immer wieder im Wege stehen. Sie ist in dieser Beziehung beiden überlegen. Auf ihrer Suche nach einer Lösung der Probleme gerät sie in Gefahren, die ihr selbst erst in diesem Augenblick bewusst werden - aber ihr Vertrauen in die beiden Jungs ist dermaßen groß, dass die mit ihrer Aufgabe wachsen.
Das sind Prozesse der Protagonisten, die die Autoren dermaßen glaubhaft beschreiben - besonders ins Auge fällt dabei auch der Jargon der Drei, die Gymnasiastensprache Lauras und Sunnys und die weddinger des Yasir, völlig verblüffend authentisch erscheint mir dabei die Wandlung von Yasirs Sprache im Verlaufe der Handlung, als der mitbekommt, dass die beiden, die aus einer ihm völlig fremden Welt stammen, sich wirklich für ihn einsetzen wollen. Das sind nur Nuancen, die in Yasir irritierenden Momenten auch sofort wieder in Vergessenheit geraten, aber gerade diese Nuancen versprechen, dass Yasir sich insgesamt verändern könnte - mehr wäre in diesem Zusammenhang schon unglaubwürdig.

(cjh für die AJuM der GEW)

 zu den Autoren


 

Edgar Rai wurd 1967 in Hessen geboren. Nach Schulschwierigkeiten und einem Jahr in Amerika beendete er die Schule und macht im Studium den Abschluss in Musikwissenschaften und Anglistik. Er war Von 2003 bis 2008 Dozent für kreatives Schreiben an der FU-Berlin, leitet die Buchhandlung Uslar und Rai in Berlin und lebt ansonsten als freier Schriftsteller.
Quelle: http://edgarrai.de/person
Foto mit frdl. Genehmigung des Autors. (
c) Markus Schädel

 

Cem Gülay ist Jahrgang 1970. Seine Eltern sind türkischer Herkunft und leben in Hamburg, wo Gülay aufwuchs. Nach dem Abitur 1991 plante er ein Studium, begab sich jedoch in ein kleinkriminelles Milieu im Migrantenumfeld. Erst 2001 gelang ihm der Ausstieg. Seither engagiert er sich für die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund. Gülay lebt heute in Berlin.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Cem_G%C3%BClay
Foto mit frdl. Genehmigung von dtv. (c) Rene Müller

 

 

 

 

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (bj&lr)
Jugendbuch     (02/06/10)   (cjh&tk)
Sachbuch     (03/07/11)   (ika)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

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