Der LesePeter
des Monats
Juni 2014

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an David Levithan

 
      für das Jugendbuch  
      Letztendlich sind wir dem Universum egal  
         
         
         
         
     

Levithan, David
Letztendlich sind wir dem Universum egal
Aus dem amerikanischen Englisch von Martina Tichy
Frankfurt: Fischer FJB 2014
978-3-8414-2219-4
397 S * geb * 16,99 € * ab 14 J

 

 
 

 

Er hat keinen Namen und nennt sich nur A, denn er weiß nicht, wer er ist: Seit 6000 Tagen wacht er jeden Morgen in einem anderen Körper auf, mit einem anderen Namen, mit einem beliebigen Geschlecht. Das geht so, bis er sich in Rhiannon verliebt. Ihr sein Leben zu erklären, ist ebenso problematisch, wie es problematisch für ihn wäre, eine Beziehung mit ihr durchzuhalten. Dennoch versuchen sie es – und finden eine akzeptable Lösung. Auf dem Weg dahin erleben wir eine Fülle von Einzelschicksalen, jedes für sich interessant.

Die Idee, so absurd sie ist, lädt natürlich dazu ein, sich ein Kaleidoskop von 16-Jährigen vorzustellen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. A kann nicht beeinflussen, in wessen Körper er aufwacht, er weiß nur, dass alle ungefähr gleich alt sind und dass er nie ein zweites Mal in den gleichen Körper eintaucht. Seine persönliche Maxime ist dabei, so zu handeln, dass das Schicksal der betroffenen Person durch ihn nicht verändert wird. Er nimmt nur teil, kann das Gedächtnis der Person als Informationsträger nutzen und so vermeiden aufzufallen. Der Gastgeber kann sich am nächsten Tag nur nebulös an den Gasttag erinnern. Das geht 5993 mal gut (hier setzt das Tagebuch artige Protokoll ein), bis sich A – ganz ein 16-Jähriger – heillos in die Freundin eines seiner Gastgeber verliebt und versucht, mit ihr in Kontakt zu bleiben. Die Liebe trifft ihn mit voller Macht, seine Existenz gerät dadurch an ihre Grenzen. Er steht vor den größten Problemen, weil er nie im Voraus weiß, wie er am nächsten Tag aussieht, wo er sich befindet, wie sein Tagesablauf ist. Seine Gastgeberkörper sind so unterschiedlich, wie man es sich nur vorstellen kann, er kann in einem Mädchenkörper stecken, in einem Jungenkörper, er kann verliebt sein, Kater haben, drogenabhängig oder krank, Sportler oder XXX-Size-Dicker. Er erlebt familiäre Dramen, kann einmal gerade noch verhindern, nach Hawaii zu fliegen (dann würde er dort in einem 16-jährigen Körper aufwachen und hätte keine Chance mehr, Rhiannon zu treffen).

Durch diese Vielfalt und die Schwierigkeit, als Unperson mit einem Mädchen eine Beziehung anzugehen, wird die Idee zu einer amüsanten Lektüre. Der Autor nutzt die Gelegenheit, gegen jede Art von Vorurteil anzugehen: Als Schwuler ist er ebenso normal wie als Sportler, als Nerd ebenso wie als Fast-Schönheitskönigin, als Farbige(r) ebenso wie ein religiöser Fundamentalist. Er gerät auch an ganz andere Grenzen, z. B. im Körper einer Suizidgefährdeten. Sie kann ihr Leben nicht mehr in den Griff bekommen – A greift das erste Mal schicksalsträchtig ein: Der Vater, der jede Verantwortung von sich weisen will, wird massiv daran erinnert, dass er seine Tochter liebt und nur er sie retten kann. Die Rettung gelingt.

Seine Freundin Rhiannon ist ein starkes Mädchen. Sie ist hoffnungslos verstrickt in eine ewig lange Beziehung mit einem Typen, dessen Machoverhalten und Negierung ihrer eigenen Interessen sie einfach wegblendet. A lernt sie kennen, als er für einen Tag im Körper dieses Machos lebt. Rhiannon ist das ernst zu nehmende Mädchen, das sich vorurteilslos mit allem und allen auseinandersetzt, und A kann einfach nicht verstehen, wie sie mit einem solchen Typen zusammen sein kann. Er lässt es also darauf ankommen und offenbart Rhiannon sein merkwürdiges Leben. Skeptisch bleibt sie bis zuletzt, aber sie setzt sich mit ihm auseinander, mit ihm und seinen Erfahrungen. Selbst seine Schwulen- und Frauenerfahrungen machen sie eher neugierig, als dass sie sie abstoßend fände. Beide sind verwirrt, als er eines Tages in ihrem Körper aufwacht – und er geht so behutsam mit „sich“ um, dass Rhiannon anschließend keinen Vertrauensbruch darin sehen kann.

Also lesen wir hier eine Liebesgeschichte zweier Menschen, die sich selbst wahrnehmen, ernst nehmen. Daraus ergibt sich die weitergehende Frage, wer wir eigentlich selbst sind. Für A ist das existenziell, nieder schlägt sich das bislang nur in seiner eMail-Adresse, die er schnell wechseln kann und über die er diesen Bericht schreibt. Für Rhiannon stellt sich die Frage ganz anders – sie lebt. Wie aber ist das zu vereinbaren? Und wie sieht die Zukunft aus? Kann man das wirklich planen? Antworten gibt der Autor nicht, das muss der Leser für sich selbst leisten.

Der Schluss ist überraschend logisch und sowohl für A als auch Rhiannon in die Zukunft weisend.

Wenn eine abstruse Idee die Augen öffnen kann, wie normal der andere Mensch ist, wie sinnvoll es ist, sich vorurteilslos mit dem Nachbarn, dem Kumpel, dem völlig anders Lebenden von gegenüber zu befassen, dann ist es dieser zudem leicht zu lesende Jugendroman, durchaus nicht nur für Jugendliche geeignet. Das ist Lebenshilfe, der Plot ist nur Konstruktionshilfe. Aber einer, der amüsant zum Nachdenken anregt.

 (cjh für die AJuM der GEW)

 

 zum Autor

David Benjamin Levithan wurde am 1. Januar 1972 in Short Hills, NJ / USA geboren. Er besuchte die Brown University und schloss das Studium 1994 mit dem Bachelor of Arts für Englisch und Politikwissenschaften ab. Er editierte über 100 Star-Wars-Bücher für Scholastic. Homosexualität ist ein zentrales Thema im Schaffen Levithans, zumal er selbst homosexuell ist.
Levithan ist Herausgeber des Web-Magazins »PUSH«, einer Anthologie für junge Autoren und lehrt an der New School University Graduate School of Creative Writing in New York. Er lebt in Hoboken, NJ / USA.
David Levithan schrieb – z. T. mit anderen Autoren zusammen – diverse Jugendbücher, unter anderem »Boy meets Boy« (2003), »Will Grayson, Will Grayson« (2010; dt. »Will & Will« 2012), »Naomi and Ely's No Kiss List« (2007, »Naomi & Ely – Die Liebe, die Freundschaft und alles dazwischen
« und »Nick and Norah's Infinite Playlist« (2006, dt. »Nick & Norah – Soundtrack einer Nacht«, 2008 auf der Shortlist des DJL).

(c) Foto mit frdl. Genehmigung des Fischer Verlags

 

 

 

 

 

 

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (bj&lr)
Jugendbuch     (02/06/10)   (cjh&tk)
Sachbuch     (03/07/11)   (ika)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

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