Der LesePeter
des Monats
Mai 2013

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Timo Parvela

 
      für das Jugendbuch  
      Ella und der Neue in der Klasse  
         
         
         
         
     

Timo Parvela
Ella und der Neue in der Klasse

Aus dem Finnischen von Anu und Nina Stohner
Illustrationen von Sabine Wilharm
München: Hanser 2013
ISBN 978-3-446-24176-3
157 S * geb * 9,90 € * ab 8 J
 

 
 

 

Die Mutter des kleinen Paavo ist einfach begeistert von dem neuen Lehrer ihres Sohnes. Der geniale Mann hat mit dem Ratschlag, den Jungen zeitiger ins Bett zu bringen, aus dem ständig müden Kind einen putzmunteren Besserwisser gemacht, der nun in Ellas Klasse allen mit seiner Gewinnersucht auf den Wecker geht. Ella und ihre Klassenkameraden fanden die Schule bisher eigentlich recht schön. Und der Lehrer, der die Schule manchmal auch schön fand, bedauert den Tag, als er Paavos Mutter zum ersten Mal traf.
Der kleine Paavo ist erst seit Kurzem in der Klasse. Er tritt als mächtiger Angeber auf, will sich immer im Wettstreit messen, will immer der erste, beste, schnellste sein. Außerdem ist sein Vater ein ganz berühmter Filmmensch. Der Junge geht allen auf die Nerven, er bringt das Gruppengefüge ins Wanken, reißt kleinste Risse auf. Man möchte ihm zeigen, dass er nur ein Angeber ist, man möchte aber auch mal berühmte Filmluft schnuppern. Er nervt, aber vielleicht ist es ja irgendwann nützlich, ihn zum Freund zu haben.
Also nehmen die Klassenkameraden das Angebot an und fahren am Wochenende mit ihm in die Stadt, um Paavos Vater kennenzulernen. Natürlich geht alles schief, die Zweitklässler irren ohne Erwachsene in der Großstadt umher, geraten dabei in verzwickte und lustige Situationen und lösen sie auf typisch kindliche Art. Und was erst wie eine lustige Schnitzeljagd wirkt, ist am Ende eine nicht ganz so glückliche Trennungsgeschichte, in der wie gewohnt das Kind der Leidtragende ist.
 

Seit sieben Bänden ringen die Schüler dieser Grundschulklasse mit ihrem Lehrer um die Bewältigung des Lebens. Reale Probleme werden zum Auslöser haarsträubendster Verwicklungen. Jede Figur ist bei Parvela ein echter Charakter. In ihren Grundzügen sind es Mitmenschen, wie wir sie alle kennen. Da ist der Lehrer, permanent überfordert von den Anforderungen des Alltags, der einfach alles für seine Schüler gibt, ob sie wollen oder nicht. Da gibt es den verhätschelten Muttersohn, der ständig heult und seine Minderwertigkeitskomplexe lauthals auslebt; den Klassenrowdy, der seine gewalttätigen Erfahrungen aus dem Elternhaus in der Schule umsetzt; den Klassendödel, der wirklich keine Ahnung hat und damit glücklich ist; das toughe Mädchen, das mit ihren zahlreichen Geschwistererfahrungen auch die Geschicke der anderen meistert; den Oberschlaumeier, der immer alles wissenschaftlich erklären kann; zu guter Letzt die weitgehend neutrale und sehr genau hinschauende Erzählerin. Die satirische Überspitzung der Eigenheiten führt zu den Missverständnissen, welche den Witz der Bücher ausmachen.
Eines gelingt Parvela immer wieder: Das Idealbild seiner Schulklasse ist eine echte Gemeinschaft, die sich mit den Problemen auseinandersetzt, von denen einzelne ihrer Gruppe betroffen sind.

Im Mittelpunkt jedes Buches steht in der Regel ein Problem, dem sich die Kinder mit voller Hingabe zuwenden. In ihrer kindlichen Beschränkung erfassen sie oft nur einen Teil des Ganzen, überschauen nicht den Umfang, nehmen dafür wiederum Kleinigkeiten wahr, die den Erwachsenen entgehen, weil sie nicht mehr genau hinschauen.

Oft steht der Lehrer im Zentrum, sein persönliches Glück haben die Kinder im Sinn. Ihr Unverständnis dafür, dass der Lehrer sein Privatleben gern aus dem Berufsalltag heraushalten würde und seine verständliche Unfähigkeit, seine Persönlichkeit vom Schulalltag zu lösen, machen das Ganze schmerzlich vertraut, aber auch beneidet. In einer Gegenwart, wo jeder nur sich selbst der Nächste scheint und die meisten verzweifelt um ein eigenes Stückchen Lebensglück kämpfen, ist diese Art von Zusammenhalt beneidenswert.

Anfangs sind es die Symptome im Verhalten eines Kindes oder des Lehrers, die augenscheinlich werden. Um diese Figur herum baut Timo Parvela aus Alltagssituationen einen Zustand auf, der geradezu nach einer Lösung schreit. Wie in einer Karikatur überzeichnet der Autor die Situationen, verzerrt die Wahrnehmung extrem. Dabei wimmelt es nur so von Missverständnissen, die eben jenes komische Bild entwerfen.
Die Ausgangskonstellationen finden wir alle zuhauf in unseren Schulklassen wieder. Im Lauf der Handlung erkennen dann die Kinder und mit ihm der Leser, wie gravierend das Grundproblem auf seine Figur wirkt, und wundern sich über die Tragweite, die es einnimmt. Auch das ist im Schulalltag jedem Lehrer, jeder Lehrerin klar, wie groß oft die Probleme der kleinen Menschen vor dem Lehrerpult sind.
Jeder Lehrkraft ist klar: Sehen wir noch genau hin, trauen wir uns das Angehen dieser Probleme, können wir die Menge all dieser Schwierigkeiten selbst noch überschauen, geschweige denn bewältigen? Ziehen wir uns nicht auch oft genug auf den Hinweis zurück, dass wir durch bürokratische, arbeitstechnische und wachsende pädagogische Anforderungen permanent um reine Selbsterhaltung kämpfen müssen? Sehen wir über den vielen Akten und Diagnosebögen noch das Kind vor uns? Trauen wir uns, in Familienprozesse einzugreifen, die schon vom Hörensagen unerträglich sind? Und sind wir nicht oft genug erschrocken und hilflos über die Tatsache, wie viel Leid so eine kleine Kinderseele bereits tragen muss?

Der Autor Timo Parvela wird in seiner finnischen Heimat bereits mit Lob überhäuft. Obwohl nicht alle Ella-Bände die gleiche Qualität haben, sind sie dennoch auf höchster Ebene der Situationskomik vertreten. Der Wert dieser Kinderliteratur entsteht gerade dadurch, dass wir alle erst einmal herzhaft lachen über diese urkomischen Verwicklungen, uns die deutliche Kritik an den Zuständen in den Bildungssystemen aber nicht entgehen kann.

Unterstützt wird die hohe Qualität ganz sicher auch durch die hervorragenden Übersetzungsleistungen von Anu und Nina Stohner sowie die meisterhaften Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Sabine Wilharm, die besonders witzige Ausschnitte liebevoll wiedergeben und dabei jeden Charakter genau abbilden.

 

 

 zum Autor / zur Illustratorin / den Übersetzerinnen:



 

Timo Parvela

ist Jahrgang 1964. Er arbeitete als Grundschullehrer, ist seit 1996 als freier Autor tätig und wurde mehrfach für seine Kinderbücher ausgezeichnet.
Aus seiner Kinderbuchserie über die Erlebnisse der Grundschülerin Ella sind bisher sieben Bände im Hanser Verlag erschienen, alle auch als eBook: Ella ... in der Schule (2007) / n der zweiten Klasse (2008) / auf Klassenfahrt (2009) / und der Superstar (2010) / in den Ferien (2011) / und die falschen Pusteln (2012) / und der Neue in der Klasse (2013).

© für das Foto: Tammi Publishers/Ville Palonen

 


 

Sabine Wilharm

1954 geboren, studierte Illustration an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg und arbeitet seit 1976 überaus erfolgreich als freie Illustratorin, u. a. für die deutsche Harry-Potter-Ausgaben. (http://www.s-wilharm.de)

© für das Foto: Achim Liebsch /

 

Anu Stohner

wurde 1952 in Helsinki geboren und lebt als freie Autorin und Übersetzerin in der Nähe von Heidelberg. Für ihre Übersetzungen aus dem Finnischen, Schwedischen und Englischen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u.a. 2005 mit dem Preis "Die besten 7".
© für das Foto / Text: Hanser-Verlag

Nina Stohner

hat zusammen mit Anu Stohner mehrere Bücher aus dem Finnischen ins Deutsche übersetzt, u. a. alle Ella-Bücher, Maunz und Wuff, "Ups", sagt der kleine Bär.

 

© Fotos mit frdl. Genehmigung des Verlags

 

(bj & lr für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (bj&lr)
Jugendbuch     (02/06/10)   (cjh&tk)
Sachbuch     (03/07/11)   (ika)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel

     

Impressum: AJuM der GEW  *  c/o    Ulrich H. Baselau  * Osterstr. 30  * 26409 Wittmund * ulrich.baselau [ad] ajum.de * 04462 -- 943611
Zur Datenschutzerklärung