Der LesePeter
des Monats
Februar 2013

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Anne C. Voorhoeve

 
      für das Jugendbuch  
      Unterland  
         
         
         
         
     

Voorhoeve, Anne C.:
Unterland

Ravensburg: Ravensburger 2012
978-3-473-40074-4
434 S * 16,99 € * ab 12 J

 

 
 

 

Kurz vor Kriegsende wird Helgoland von den Briten bombardiert, die Bewohner fliehen ans Festland. Alice wird in einem Hamburger Wohnhaus aufgenommen, andere Flüchtlingsfamilien stoßen dazu. Die kalten Winter der ersten Nachkriegsjahre fordern den Einsatz aller, der Schwarzmarkt rettet sie letztlich vor dem Hunger- oder Kältetod. Der Besatzungsarmee wird misstraut, auch weil die die Naziverbrecher verfolgt. Die Hausgemeinschaft muss sich damit auseinandersetzen.
Das dicke Buch verspricht eine komplexe Handlung und die Autorin breitet vor dem Leser ein großartig gelungenes Bild der unmittelbaren Nachkriegszeit aus. Das ist längst Geschichte, aber diese Geschichte wird nachvollziehbar - und aus dieser Zeit gibt es nicht viele Erzählungen.
Die Autorin lässt die 14-jährige Alice erzählen, so klar und gleichzeitig eingeschränkt in ihrer Wahrnehmung, dass nicht nur das Mädchen zu einem glaubhaften Charakter wird, sondern der Leser Alice auch ihre Unwissenheit vom Krieg, den Nazi-Gräueln und der unmittelbaren Geschichte abnimmt. Alice wächst auf Helgoland auf, das erst in den letzten Kriegsmonaten Schauplatz des Krieges wurde, dabei wird Alice schwer verwundet und braucht dann gut 150 Seiten, um mitteilen zu können, dass sie den linken Unterschenkel verloren hat. Ihr ist es nicht einfach, darüber zu reden, obwohl sie ständig Probleme mit der Wunde hat, mit der schlechten Prothese (Kinder werden schlecht versorgt, erst kommen die Soldaten an die Reihe), mit der Reaktion der Menschen auf ihre Behinderung. Dieses Problem durchzieht die gesamte Erzählung, auch wenn sie die Scheu, darüber zu reden, am Ende, zwei Jahre nach Erzählanfang, fast verliert. Aber eben nur fast.

Die eigentliche Geschichte ist die ihrer Situation als Flüchtling. Gemeinsam mit Oma, Mutter und Bruder Henry findet sie eine Unterkunft in einem Zimmer im Haus einer Familie, die früher bei ihnen auf Helgoland ein Zimmer mietete. Die Hausbesitzerin will so vermeiden, fremde und unliebsame Flüchtlinge aufnehmen zu müssen. Das gelingt ihr am Ende des Krieges allerdings doch nicht, drei weitere Familien muss sie in ihren drei noch "freien" Zimmern unterbringen. Alle Familien haben nur eine Küche zur Benutzung und es findet ein piefiger, von außen amüsanter Kleinkrieg um Rechte und Pflichten statt - aber letztlich funktioniert es. Die letzte Familie will die Besitzerin partout nicht aufnehmen. Fast einen ganzen Tag steht die Mutter aufrecht vor dem Haus, ihr Junge an ihrer Seite. Sie erzwingt sich schließlich den Eintritt.
Einen zweiten Handlungsstrang bildet die Sehnsucht nach Helgoland. Den finalen Luftangriff soll ein Verräter herbei beschworen haben. Alice und ihr Bruder Henry haben Rache geschworen, Henry verfolgt die Sache so konsequent, dass Alice, der das immer unheimlicher wird, nicht verhindern kann, dass sie eines Tages mit einer Waffe in der Hand vor dem vermeintlichen Verräter stehen. Dass sie nicht zu Mördern werden, ist mehr einem glücklichen dem Zufall zu verdanken. Denn der Mann ist unschuldig, die Gerüchteküche von Helgoland hat ihn zu einem Verräter gemacht.
Der dritte Strang handelt von Hunger und Kälte. Der endlose Kampf um Lebensmittel kann nur durch den Schwarzmarkt entschärft werden. Mitbewohner Wim, der heimliche Schwarm Alices, ist ein begnadeter Schwarzhändler, lernt seine Freundin gut an und beide können die Hausgemeinschaft daran teilhaben lassen. Wim will mit seiner Mutter nach Südamerika auswandern und spart eifrig seine Gewinne baren Geldes für dieses Ziel. Etwas entspannter wird die Situation, als Alices Mutter einen Job bei der britischen Besatzungsarmee bekommt und so ebenfalls Lebensmittel beschafft.
Der vierte Strang ist der der Naziverbrecher. Die wussten genau, was ihnen von der Besatzungsmacht drohen konnte. So schleicht sich der Vater Wims unter falschem Namen in das Haus ein und "heiratet" seine eigene Frau, um so an unverfängliche Papiere zu kommen, mit denen er und seine Familie nach Südamerika auswandern können. Die beiden Geschwister kommen ihnen kurz vor der Hochzeitsfeier auf die Spur und Henry sorgt dafür, dass die Briten eingreifen.

Alle Ereignisse - und weitere Nebenhandlungen - greifen ineinander und ergeben so ein lebenspralles Bild, durchwoben von den pubertären Träumen und Gedankengängen des jungen Mädchens, dass die Nachkriegssituation greifbar vor unseren Augen entsteht.

Ein Geschichten- und Geschichtsbuch, nicht nur für Hamburger oder Helgoländer jeden Alters, dessen Sprache literarisch die Vielschichtigkeit der Handlung wiedergibt. Konsequent bleibt die Autorin dabei eng an der altersentsprechenden Sicht ihrer Ich-Erzählerin. Das Mädchen wird schnell glaubhaft, sie sieht die Protagonisten sehr empathisch. Einen großen Platz in ihrem Herzen hat die geradlinige Großmutter, die immer ohne falsche Rücksichten in die Handlung eingreift. Besonders beeindruckt der Wandel vom schwärmerischen Beschreiben des Nazifunktionärssohns zur immer kritischeren und distanzierteren Betrachtung. Und selten habe ich von Ängsten dermaßen nachvollziehbar gelesen, von den Ängsten um den geliebten Bruder, der sich in eine Idee so verrannt hat, dass eine große Katastrophe droht, wenn nicht die Schwester einen Ausweg findet. Und sie findet ihn.
So wie die Helgoländer entgegen allen Planungen ihre Insel zurückgewonnen haben. 

  

 zur Autorin :

Anne C. Voorhoeve, geboren am 19. Dezember 1963, schrieb ihre erste Geschichte mit sechs Jahren.
Sie studierte nach der Schule Politikwissenschaft, Amerikanistik und Alte Geschichte in Mainz und arbeitete unter anderem als Assistentin an der University of Maryland, als Verlagslektorin, Drehbuchautorin und in der Öffentlichkeitsarbeit eines evangelischen Klosters.
Anne C. Voorhoeve interessiert sich besonders dafür, jüngste Geschichte für ihre Leser erlebbar zu machen. Die TV-Berichte zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls bewogen sie zum Beispiel dazu, ihr erstes Jugendbuch "Lilly unter den Linden" zu schreiben. Im Juli 2004 erschien der Roman im Ravensburger Buchverlag und verschaffte der Autorin große Aufmerksamkeit.
Auch Anne C. Voorhoeves weitere Romane "Liverpool Street" und "Einundzwanzigster Juli" setzen sich mit historischen Themen der Gegenwart auseinander und sind bei Lesern und Kritikern gleichermaßen hoch anerkannt. Für "Liverpool Street" erhielt sie 2008 den Buxtehuder Bullen. Sie lebt in Berlin.
 

Foto mit frdl. Genehmigung des Verlags; Copyright Foto Atelier Schild-Vogel

 

(tk für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

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