Der LesePeter
des Monats
Januar 2013

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Emily Jenkins

 
      für das Kinderbuch  
      Der unsichtbare Wink  
         
         
         
         
     

Emily Jenkins:
Der unsichtbare Wink
aus dem Englischen von Gabriele Haefs
Bilder von Joёlle Tourlonias
Hamburg: Carlsen 2012
978-3-551-55593-9
160 S * geb. * 9,90 € * ab 9 J
 

 
 

 

Es gibt sicher mehr unsichtbare Freunde auf der Welt, als man glaubt. Wer einen solchen nicht hat, wählt sich oft (und nicht nur in der Kindheit) etwas anderes als Kommunikationspartner, als da wären Tiere, Pflanzen, Plüschtiere oder Puppen, Erinnerungsstücke, Tagebücher usw. Es zeigt unser tiefes Bedürfnis nach dem Austausch von Gedanken, Sorgen und Ideen.
Hank ist in einer solchen Situation, in der er dringend einen Partner braucht. Sein bester Freund ist aber umgezogen, seine sehr liebe- und verständnisvollen Eltern haben ein Geschäft zu führen und seine ältere Schwester lebt in einer anderen Welt als er. Und ausgerechnet jetzt lernt er einen Bandapaten kennen, der leider unsichtbar ist, von dem er niemandem erzählen darf und selbst wenn, würde ihm keiner glauben. Denn Bandapaten zeigen sich nicht jedem und die wenigsten von uns dürften schon einen gesehen haben. Weil er Wink aber vor dem Nachbarshund beschützt hat, steht dieser jetzt in seiner Schuld und muss ihm einmal das Leben retten, um diese „Hetschnickel“, wie Wink es nennt, abzugelten.
Das kommt dem schüchternen Jungen eigentlich gerade recht, da er von einem besonders fiesen Mitschüler drangsaliert wird. Dieser Bruno Gillicut nennt ihn Krank, nimmt ihm sein Essen weg und erpresst ihn. Mobbing sagt man wohl dazu.  Aber andersherum ist Wink als Freund ein bisschen anstrengend und er braucht auch weiter Hanks Hilfe, wenn er am Leben bleiben will.
Hank nutzt mutig einige Alternativen, um sich dem Mobbing gewaltfrei zu entziehen. Aber das Mensapersonal fühlt sich nicht zuständig, seine harmoniesüchtige Lehrerin verschließt ihre Augen vor dem tatsächlichen Leid des Jungen und der Lehrer des Mitschülers lässt an sein Mitgefühl appellieren, da Gillicut es zu Hause auch gerade sehr schwer hat. Die einzige Unterstützung erfährt er von Chin, die in seinem Haus wohnt, in seine Klasse geht und ihm immer wieder zur Seite steht, doch Chin ist ein Mädchen.
Hank ist überzeugt, dass niemand ihn wirklich ernst nimmt und entwickelt seinerseits Pläne, um sich aus seiner Notlage zu befreien. Und Wink spielt darin eine wichtige Rolle. Ob seine Lösung - nämlich dosierte Gewalt - nun die einzig wahre, richtige und empfehlenswerteste ist, kann man diskutieren. Für Hank immerhin geht es am Ende ganz gut aus. 

Dass Kinder sich Fantasiefreunde erschaffen, kommt wie gesagt, häufig vor. Auf dieser Linie ist auch “Der unsichtbare Wink” angelegt. Dennoch funktioniert die Geschichte gut als Fantasy, also angenommen real. So nimmt der Wink-Teil genügend überzeugenden Raum ein, um die Mobbing-Geschichte zu transportieren. Kinder, die tatsächlich Opfer von Mobbing sind, können sich hier Bestärkung und Solidarität holen. Allerdings bleibt sehr zu hoffen, dass sie besser aufgestellte erwachsene Ansprechpartner finden. 

Die Autorin webt auf leichte und kindgerechte Weise ein enges Geflecht von Freundschaft, Trost und Hilfe, Mitgefühl, Verantwortungsbewusstsein, Respekt vor den Bedürfnissen anderer und den verschiedenen Formen von Grenzüberschreitungen, das den schmalen Grat zwischen Opfer und Täter ausmacht. Und sie vermittelt deutlich, wie sehr man auch als Täter leidet, wenn man seine eigenen moralischen Ansprüche nicht erfüllen kann. 
Die Figur der Lehrerin gibt sehr zu denken. Nehmen wir in dieser Zeit nicht enden wollender Belastungen durch überfrachtete Stundenpläne, kreative Ideen unserer Vorgesetzten und dem Drang nach Selbstbehauptung tatsächlich die Nöte unserer Schüler genügend wahr, kümmern wir uns ernsthaft genug oder wiegen auch wir uns in dem Glauben an das Gewicht unserer pädagogischen Autorität und Strenge zu sehr in Sicherheit, als dass wir den Erfolg unserer Bemühungen überprüfen und hinterfragen müssten? 

Das humorvoll geschriebene Buch ist in relativ kurze Kapitel gegliedert und enthält eine ganze Reihe zum Teil ganzseitiger Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Nette Idee: der Reibe-Wink auf dem Titelbild, der für kurze Zeit sichtbar wird.

 

Emily Jenkins
wurde in New York geboren. Sie studierte Schreiben und Literatur an der Vassar und an der Columbia University. Unter dem Pseudonym E. Lockhart schreibt sie Jugendbücher, die bereits in zehn Sprachen übersetzt worden sind und auch auf Deutsch bei Carlsen erscheinen.

 

Joëlle Tourlonias
1985 in Hanau geboren, hat Visuelle Kommunikation mit Schwerpunkt Illustration und Malerei an der Bauhaus-Universität Weimar studiert. Seit 2009 arbeitet sie als selbständige Künstlerin. 2011 erscheinen vier von ihr illustrierte Bilderbücher. "Der unsichtbare Wink" ist ihre erste Arbeit bei Carlsen.

 

 

Gabriele Haefs
wurde in Wachtendonk am Niederrhein geboren. Sie studierte Skandinavistik, promovierte im Fach Volkskunde und übersetzt unter anderem aus dem Englischen, dem Norwegischen, dem Dänischen und Schwedischen. Für ihre Übersetzungen hat sie zahlreiche Preise erhalten, darunter den Deutschen Jugendliteraturpreis, den Willy-Brandt-Preis und den Hamburger Literaturförderpreis. 2008 erhielt sie den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für das Gesamtwerk. Gabriele Haefs lebt in Hamburg.

 

C) Fotos und Bilder mit frdl. Genehmigung des Carlsen Verlags

 

(bj & lr für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (bj&lr)
Jugendbuch     (02/06/10)   (cjh&tk)
Sachbuch     (03/07/11)   (ika)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

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