Der LesePeter
des Monats
Juli 2012

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Andreas Venzke

 
      für das Sachbuch  
      Die Brüder Grimm und das Rätsel des Froschkönigs  
         
         
         
         
   

Andreas Venzke
Die Brüder Grimm und das Rätsel des Froschkönigs
Illustrationen von Klaus Puth
Würzburg: Arena 2012
ISBN 978-3-401-06775-9
112 S * TB * 8,99 € - ab 10 J

 

 
 

 

 

Dieses Buch ist hochaktuell im Brüder-Grimm-Jahr 2012. An vielen Orten und kulturellen Einrichtungen gibt es Veranstaltungen zum 200.Jahrestag des Erscheinens der Erstausgabe der Kinder- und Hausmärchen, wahrscheinlich macht es sich auch im Deutschunterricht an Schulen bemerkbar. Neben kurzen Infotexten in Schulbüchern und Karteien und stärker fachwissenschaftlichen Biografien (z. B. von Schede und Grothe) ist es sehr erfreulich, dass jetzt eine für junge Leute gut lesbare und interessante Taschenbuchausgabe des Arena-Verlages vorliegt.
Es ist bereits Venzkes 7. Band „Lebendige Biografien“ in der Arena „Bibliothek des Wissens“. In dieser Reihe findet man herausragende Wissenschaftler Schriftsteller wie Marie Curie, Edison, Einstein, Goethe, Newton, Schiller für jugendliche Leser unterhaltsam porträtiert. Gut recherchierte und authentisch wirkende Erzähltexte wechseln darin mit sachlich-informativen Kapiteln, illustriert sowohl durch historische Bilder und Abbildungen als auch durch amüsante Schwarz-Weiß-Zeichnungen.

Die vorliegenden Illustrationen stammen von Klaus Puth, der sich wie Luca Novelli mit karikaturartigen Zeichnungen schon mehrfach in dieser Reihe einen Namen gemacht hat, und zudem zur inhaltlichen Thematik „Märchen“ mit dem satirischen Band „Grimmige Märchen“ Erfahrungen mitbringt. Die Bilder sind in dieser Reihe quasi ein Markenzeichen gegen Langeweile.
Nachdem man den Umschlag (Cover Joachim Knappe) mit stilisierten, gerahmten Märchenbildern, die von den Titelbrüdern in einem Museum oder einer Sammlung aufgehängt werden, betrachtet hat, stößt man auf Puths erste Zeichnung von Jakob und Wilhelm, es folgen historische Abbildungen.

Auch wenn der Aufbau des Buches nicht extra erläutert wird, findet man beim Lesen rasch heraus, dass unterschiedliche Schrifttypen und graue bzw. schwarze Randstreifen Textsorten und unterschiedliche Funktionen begleiten. Sachkapitel sowie Glossar und Zeittafel werden im Inhaltsverzeichnis (hinten) extra aufgelistet. Dadurch lässt sich die Biografie leichter als Nachschlagewerk nutzen.

Die eigentliche Lebensgeschichte wird von Jakob und Wilhelm abwechselnd in Ich-Erzählform geschildert – zum Glück in modernem Gegenwartsdeutsch und in serifenfreiem Druck. Kleine Vorstellungen von der zeitgenössischen Sprache und älteren Forschungstexten gewinnt man nur aus Zitaten (z. B. gedichteter Brief an die Mutter, S. 24) und Berichten. Sie erzählen ihre Lebensgeschichte von der Kindheit bis ans Lebensende. “Eine heile Welt“, „Die paradiesische Zeit“ und „Lernen und Lernen“ heißen die ersten Kapitelüberschriften. Durch die Figurensicht, zahlreiche Episoden und Quellen und Bilder u. a. ihres „Malerbruders“ Ludwig Emil rücken uns die beiden ganz nah und die Darstellung wirkt authentisch.

Auch wenn Andreas Venzke das Rätsel des Froschkönigs nicht wirklich löst, so gelingt es ihm doch, Interesse für Leben und Werk der Brüder Grimm zu wecken. Schon früh wird bei Kindern als Beitrag zum Weltwissen aufgebaut, dass die beiden hessischen Brüder ein literarisches Meisterwerk durch die Sammlung volkstümlicher Märchen geschaffen haben. Die Familien- und Hausmärchen wurden von Anfang an von „Kunstmärchen“ abgegrenzt. In diesem Band nun wird deutlich, dass das scheinbare Hauptwerk quasi Produkt einer PR-Kampagne ist, denn die angeblich aus dem Volk stammenden Märchen wurden fast ausschließlich von Frauen aus dem Bürgertum erzählt und waren stark vom kulturellen Vorbild Frankreich beeinflusst (z. B. durch hugenottische Wurzeln und frühe französische Sammlungen). Erst Wilhelm verhalf den Texten zu dem ganz bestimmten Märchenton, indem er sie auf eine kindliche Zielgruppe hin umschrieb. Er nahm altertümliche Wörter auf, fügte Verkleinerungen und Reime ein, veränderte alles, was sittlich und moralisch anstößig empfunden werden konnte. Die Märchen wurden damit zugleich unpolitisch und züchtig. Das wird im Jahre 2012 in der Märchenforschung zum Brüder-Grimm-Jahr überdeutlich. Vielleicht gelingt mit dieser kritischen Sichtweise, Märchen wieder für Jugendliche und Erwachsene interessant zu machen (z. B. Märchen als Adoleszenz- und Liebesgeschichten, Sprachanalysearbeit und Vergleich verschiedener Fassungen in der Sekundarstufe).

Die beiden Brüder Jakob und Wilhelm Grimm werden hier ins rechte Licht gerückt. In den abwechselnden Ich-Erzähltexten schildern sie ihr armseliges Leben als rastlosen Forscherdrang nach den Wurzeln der deutschen Sprache. Die beiden kleinen, kränklichen Männer würde man heute als lebensfremde Workaholics bezeichnen. Die Vorstellung, dass tage- und nächtelang Texte abgeschrieben wurden, weil man die alten Originale nicht kaufen konnte, ist heute unglaublich. Solche Enthüllungen und die Alltagsbeschreibungen sind in mitwachsendem Ich-Erzählton geschrieben. Auch wenn sich der größte Teil des Buches auf den Bildungsweg, die familiäre Entwicklung, die Arbeit an den Märchen bezieht, wird deutlich, dass das Lebenswerk der Brüder im leidenschaftlichen Sammeln und Aufarbeiten alter Sprache und Texte bestand und somit neben den Märchen-, Lied- und Sagensammlungen grundlegende germanistische Forschung mit ihnen begann. Mit ihrer Arbeit an deutscher Sprache, Grammatik und einem Wörterbuch wollten sie zu einer deutschen Identität und Einheit beitragen, die bekanntlich politisch nicht existierte. Aus heutiger Sicht sind z. B. zwei Teilaspekte interessant: Sie wandten sich dagegen, dass der gleiche Laut unterschiedlich geschrieben wird, und Jakob wollte die „philistrische Erfindung der Großschreibung“ abschaffen (vergl. S. 69).

Andreas Venzke schildert den Lebensweg der beiden Brüder im Spiegel ihrer Zeit (siehe dazu die Zeittafel am Ende des Buches) sowohl in den Ich-Erzählabschnitten als auch in den Sachtexten schreibt er über die Kleinstaaterei, den Untertanengeist und die großen Schwierigkeiten einer Großfamilie, ihren Lebensunterhalt zu sichern. Die Familie bleibt von Kindersterblichkeit und Krankheiten nicht verschont. Die späten Lebensabschnitte in Göttingen und Berlin werden nur kurz erwähnt.
In Fragen der politischen Bedeutung der Grimms (z. B. als „Göttinger Sieben“) stellt Venzke aber klar, dass die Brüder Grimm keineswegs Vorkämpfer für eine Demokratie waren. Sie waren national und eher konservativ eingestellt. Als nach ihrem Tod unter Bismarck 1870 die deutsche Einheit hergestellt und das obrigkeitsstaatliche Deutsche Kaiserreich gegründet wurde, meint der Autor: “Das wäre für die Grimms bestimmt der ideale Staat gewesen.“ (S. 87). Zu diesem Ergebnis kommt er auch bei der Betrachtung der Grimmschen Märchen: Sie entsprechen dem Zeitgeist, Männer befahlen, Frauen gehorchten, Schönheit und Reichtum waren das Maß aller Dinge, Frauen wurden an den Richtigen verheiratet, Monarchien waren die normale Herrschaftsform …

Das aufschlussreiche Buch informiert sachlich, desillusioniert manche Mythenbildung, wirft viele weitere Fragen auf und hinterlässt ein glaubhaftes Bild der beiden eifrigen und zeitlebens unzertrennlichen Brüder Grimm.

 

 

Der Autor stellt sich selbst im Buch vor:
Andres Venzke, geboren 1961 in Berlin. Gestern Student und Jobber, Raucher, Motorradfahrer, Gleitschirmflieger. Heute Dreifach-Vater, Häuslebauer, Marathonläufer, Ford-Fahrer, Hobbygärtner. Allzeit freiberuflicher Autor. Lebt in Freiburg im Breisgau. www.andreas-venzke.de
(c) beim Autor

 

 

Der Illustrator:
Klaus Puth, geboren 1952 in Frankfurt am Main, arbeitete nach seinem Studium an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach zunächst in einem Verlag. Seit 1989 ist er freiberuflich als Illustrator für verschieden Verlage tätig und hat mehrere Preise erhalten. Bekannt durch Gänse und Yoga-Kühe im Bereich Kinderbuch. www.klausputh.de

 

 

 

 

(verh für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (bj&lr)
Jugendbuch     (02/06/10)   (cjh&tk)
Sachbuch     (03/07/11)   (ika)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

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