Der LesePeter
des Monats
Mai 2012

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Nathan Luff

 
      für das Kinderbuch  
      Nichts für Weicheier  
         
         
         
         
     

Nathan Luff
Nichts für Weicheier
Illustrationen von Christina Bretschneider
Aus dem Englischen von Yvonne Hergane-Magholder
Hamburg: Oetinger 2011
ISBN 978-3-7891-4173-7
192 S * geb. * 12,00 € * ab 10 J

 

 
 

 

Mum ist völlig ratlos. Obwohl sich beide große Mühe geben, schaffen sie und Nick nicht wirklich, den Tod des Vaters zu verdauen. Nicholas leidet seitdem unter schwerem Asthma, besucht regelmäßig einen Psychiater und hat sich völlig in die Welt seiner Bücher zurückgezogen. Als Mum die Möglichkeit zu einem Studienaufenthalt im Ausland erhält, ergreift sie die Chance für sich und für ihren Sohn und bringt ihn für einige Wochen auf der Farm unter, auf der sie selbst eine glückliche Kindheit erlebte und wo heute ihr Bruder mit seiner Familie immer noch Schafzucht betreibt.
Weder der Besuch bei seinem Psychologen noch ein schwerer Asthmaanfall bewahren Nicholas vor dem Unausweichlichen: Er soll aufs Land. Bei seinen Büchern war der Junge bis jetzt sicher. Aber seine Tante, sein Onkel und die beiden Cousins haben sich zum Ziel gesetzt, aus Nick einen richtigen Naturburschen zu machen. Der Elfjährige aus Sydney erwartet das Grauen seines Lebens bei den „Wilden“. Und schon nach wenigen Stunden trägt er seinen Stempel: Nickel, das Weichei.

Später erfahren wir, dass Nick den letzten schweren Zusammenbruch des Vaters miterlebte. Die nicht verarbeitete Trauer um den Vater stürzt ihn in tiefe Abgründe, die zu dem psychosomatischen Asthma führen. Diverse Verdrängungsmechanismen, mit denen er die Trauer und den Schmerz  auf andere Ebenen überträgt, isolieren ihn völlig von der Außenwelt.
Die Tante ist allerdings überzeugt, dass Nick „eine verzogene Göre“ ist. Entsprechend robust sind ihre Erziehungsmethoden. Sie stößt ihn beim Schwimmunterricht mit allen Sachen ins Wasser, um ihn zum Reingehen zu bewegen, und hält seinen lebensbedrohlichen Asthmaanfall für pure Verstellung. Sie nimmt ihm alle seine Bücher weg, um ihn auf diese Weise an seiner Realitätsflucht zu verhindern. Sie ist vom Gesetz des Stärkeren überzeugt, geht mit einer gewissen Respektlosigkeit vor und wirkt dadurch etwas tierisch, denn die menschliche Fähigkeit zu Mitgefühl vermisst man bei ihr völlig.
Die in diesem Erfahrungsbereich aufgewachsenen Cousins sind nicht weniger derb. Sie bewerfen Nick z. B. mit Steinen, um ihn zum Weitergehen zu bewegen. Sie locken ihn unter scheinheiligen Versprechungen auf das weiter entfernte Gelände der Farm und spielen dort Nicks Gefangennahme, indem sie ihm alle seine Sachen abnehmen, einschließlich seines Inhaliersprays, und ihn dann gefesselt in einem alten Schuppen zurücklassen. Sie sind sich der Lebensgefahr, in die sie Nick damit bringen, wahrscheinlich nicht bewusst. Dennoch ist James klar, dass dieses Spray sein wichtigstes Machtutensil gegenüber Nick ist.

Die ganze Zeit denkt man, irgendjemand muss dieser unmöglichen Tante und diesen grausamen Jungen doch Einhalt gebieten. Immer wieder wird Nick in Situationen gedrängt, welche Panikattacken auslösen, Obwohl er von den Fähigkeiten seines Psychologen rein verstandesmäßig nicht viel hält, sind die Trainingsmuster, die ihn beruhigen sollen, in den Notfällen abrufbar. Dadurch findet er in seine analytischen Denkmuster hinein, die ihm vertrauter sind und oftmals auch Problemlösungen bieten.
In einer dieser für ihn psychisch belastenden Situation wird ein Hammer zu seinem Freund. Er gibt ihm den Namen MC. Das Werkzeug ist nicht nur ein praktischer Helfer, sondern verbindet ihn durch verschiedene Erinnerungen mit seiner Mutter und er wird zum Kommunikationspartner. Hier wird deutlich, wie sehr der 11jährige nach Gesellschaft, Verständnis und Hilfe lechzt, dass er mit dem Rückzug in seine Bücherwelt bei Weitem nicht so glücklich ist wie es scheint, dass Ersetzungsmechanismen greifen, wo eigentlich Vertrauen und Freundschaft unentbehrlich sind.
Obwohl sein verbaler Auftritt nur sehr kurz ist, patrouilliert der Hammer doch wie ein treuer Wächter im Daumenkino der unteren Ecken und ist so das Symbol der Zuverlässigkeit, die sich trotz aller Widrigkeiten schützend vor den Jungen stellt.

Im Fortgang der Geschichte greift auch Nick zu Mitteln, für die er sich eigentlich schämt, die seine Verzweiflung aber deutlich machen. Er bemerkt die Veränderung selbst: “Ich war bisher so ein schüchternes Kerlchen gewesen. Ich schaute an meinem neuen, zerschrammten, aufgeschürften, blutenden Ich herunter und fühlte mich zum ersten Mal seit sehr, sehr langer Zeit mal wieder dreidimensional.“
Wir erfahren erst fast zum Ende, wie schmerzvoll der Abschied vom Vater, wie enttäuschend die Beschönigungen der Umwelt („Die hatten mir doch alle gesagt, dass er da bleiben würde, dass wir einfach nur alle stark sein mussten.“) und wie belastend die platten Gemeinplätze solcher Situationen sein können: „Ich war stark, wie man es von mir erwartete, und ich hörte nicht auf, stark zu sein.“

Als Nick dann durch die der Gemeinheiten seiner Cousins in Lebensgefahr gerät, stürzt buchstäblich sein ganzes Leben über ihm zusammen. Nach der Lebensweisheit 'Was uns nicht umbringt, härtet uns ab',  konfrontiert die Situation ihn überwältigend mit sich selbst, mit seinen Ängsten und Sorgen, seiner Trauer und seinen Selbstzweifeln.  Er erkennt schließlich sogar seine Halluzination als solche und kann sie auf vertrautem Denkwege analysieren. Sein Kummer bricht sich endlich Bahn, 'fließt' aus ihm heraus und lässt die Heilung beginnen. „Meine Angst war weg. In mir war nur noch Schmerz.“

Der Kontrast zwischen dem komfortverwöhnten Großstadtjungen und den unabhängigen, „wilden“ Familienmitgliedern ist so scharf überzeichnet, dass die herannahenden Katastrophen fast greifbar werden. Man schüttelt innerlich den Kopf und wartet verzweifelt mit Nick auf Rettung.

 

Aus der Entfernung akzeptiert man die Notwendigkeit von Konsequenz, und es  ist grundsätzlich völlig nachvollziehbar, dass der einzige Weg zu seiner Rettung in der Selbstbehauptung liegen und von dort in die Selbstheilung führen muss. Man versteht, dass dieser Prozess nur schmerzhaft sein kann. Es klingt alles folgerichtig, wird aber hier dank Nathan Luffs Beschreibung zu einer Zerreißprobe. Dass diese dennoch nicht ins Unglaubwürdige kippt, sondern immer knapp an der Grenze zur realen Möglichkeit verläuft, ist ebenfalls dem Talent des Autors zuzuschreiben

Die Erziehungsmaßnahmen der Tante sind bei allem Erfolg aus pädagogischer Sicht überdenkenswert. Das bietet einen guten Anstoß, eigene Handlungen im Alltag auf den Prüfstein zu legen und auf ihre Zielrichtung und Angemessenheit hin zu betrachten.

Der Analytiker Nick vollbringt ständig intellektuelle Höchstleistungen, seine Gefühle beherrscht er wiederum nicht. Letztendlich unterscheidet er sich gar nicht so sehr von seinem pragmatischen Cousin James, der alles mit den Händen regelt, mit seinen Gefühlen aber auch nichts anfangen kann.
Die Konfliktgestaltung ist neben den enormen inneren Konflikte in dem Jungen hintergründig als äußere angelegt: Welche Lebensstrategie ist alltagstauglicher, die intellektuelle oder die pragmatische?  Keine scheint für sich allein zu funktionieren. Aber deutlich wird vor allem eins: Keine ist erfolgreich, wenn die Gedankenwelt nicht mit den Gefühlen im Einklang steht.

 

Viele Ideen und Details sowie die knapp gezeichnete Landschafts- und Detailtreue der Geschichte machen sie spannend. Etwas Besonderes wird sie aber erst durch die Sprachgestaltung. Der selbst erzählende 11jährige Nick ist seinen Altersgenossen intellektuell weit voraus, ein Denker und Planer. Er erzählt das Geschehen nicht einfach nur, sondern wertet es 'wie ein Klugscheißer'. Jede Situation analysiert er im Voraus genau und rüstet sich für alle Eventualitäten. In seinem Drang nach Klarheit und Struktur erstellt er in neuen Situationen gedankliche Systematisierungslisten, die über kuriose Vergleiche die Absurdität darstellen, welche sich für den Jungen ergeben.
Hinzu kommt eine sehr bildreiche Sprache, die dem Buch einen unnachahmlichen Humor verleiht. Der macht für den Leser wie für den Protagonisten das Leid erträglich und lässt uns trotzdem lachen.
Denn für Nick ist sowieso klar, dass „seine Tante nicht mehr alle Kängurus im Obergehege hat.“

 

Der Autor:
Nathan Luff, 1981 geboren, wuchs gemeinsam mit vier Brüdern auf einer Farm in New South Wales in Australien auf. Er studierte Kommunikationswissenschaft und arbeitet als Autor für Printmedien, Theater und Fernsehen. 2010 leitete er das Literaturfestival "Wakakirri", das von Schulen in Australien veranstaltet wird. »Nichts für Weicheier« ist sein erstes Kinderbuch, inspiriert durch die Streiche seiner Jugendzeit. Nathan Luff ist verheiratet und lebt in Sydney. (Quelle: www.oetinger.de)

 

 

Die Illustratorin:
Christina Bretschneider studierte zunächst Freie Kunst an den Kunstakademien Düsseldorf und Osnabrück, danach Gestaltung mit dem Schwerpunkt Illustration an der Fachhochschule Hamburg. Seit 1998 ist sie als freie Illustratorin tätig, zeichnet für Magazine und Tageszeitungen und hat bereits einige Kinderbücher in Deutschland und England illustriert, Außerdem malt, bastelt und zeichnet sie mit Kindergarten- und Grundschulkindern. Sie arbeitet und lebt mit ihrer Familie und zwei Katzen in Potsdam. (Quelle: www.oetinger.de)

 

für die Fotos: (c) privat / Oetinger-Verlag

(bj für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (bj&lr)
Jugendbuch     (02/06/10)   (cjh&tk)
Sachbuch     (03/07/11)   (ika)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

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