Der LesePeter
des Monats
Januar 2012

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Ulrike Rylance

 
      für das Kinderbuch  
      Emma im Knopfland  
         
         
         
         
     

Ulrike Rylance
Emma im Knopfland
Illustrationen von Silke Leffler
Berlin: Jacoby & Stuart 2011
ISBN 978-3-941787-28-5
116 S * geb * 14,95 € * ab 08


 

 
 

 

Emma muss bei den langweiligen Verwandten bleiben, bis ihre Mutter aus Afrika zurück ist. Doch deren riesige Villa erweist sich mit den vollgerümpelten Zimmern überraschend als Abenteuerspielplatz. Vor allem das verschlossene Knopfzimmer birgt ungeahnte Schätze.
Wer hätte auch je darüber nachgedacht, dass es so viele verschiedene Knöpfe gibt? (Ein ganzes Zimmer voll, denn Onkel Hubert kann nichts wegwerfen.) Oder dass jeder Knopf seine eigene Geschichte erzählen kann? Emma landet unversehens zwischen all den kleinen Kostbarkeiten, als sie plötzlich selbst nur noch so groß wie ein Knopf ist und sich vor dem Kater in Sicherheit bringen muss. Auf dem Weg zu ihrer Rettung lernt sie einige der Knöpfe kennen und hört ihre Geschichten von einem arbeitsreichen Landleben, einer abgesagten Hochzeit, einer demütigenden Faschingsfeier oder von der bedrückenden Sorge, nicht gebraucht zu werden und sein Leben lang auf der Suche nach dem eigenen Wert zu sein.

Die Knöpfe zeichnen hier Biografien, wie sie vergleichbar hundertfach bei ganz normalen Leuten zu finden sind. Das macht es dem Leser leicht, seine eigene Rolle im Buch zu finden und mit der Protagonistin durch das verwunschene Reich zu wandern.

Dabei machen alle die Erfahrung, dass Wert nicht unbedingt von einem Coco-Chanel-Zeichen auf dem Bauch abhängt und viel mit Herzensgüte und Courage zu tun hat. Emma lernt Anmaßung kennen, wenn sich Matrosenknöpfe auf Grund ihrer Uniform für Polizisten halten, erfährt Ausgrenzung als Nichtknopf wie auch die Steinchen, Schneckenhäuser, Fahrkarten, Büroklammern, Geldstücke, . . . Und sie erlebt, was Knöpfe so besonders macht: sie halten (etwas) zusammen. Zum Glück gilt das auch für Klettverschlüsse.
Emma möchte allen helfen, aber vorher braucht sie selbst Hilfe beim Wieder-größer-werden. Dann kann sie die anderen Nichtknöpfe zurückbringen in die Muschelzimmer, Steinzimmer, Briefmarkenzimmer … denn sie weiß, in welche Zimmer sie gehören. Dann kann sie Lederhosen-Gustav vielleicht wieder mit Konstanze vereinen, Kurtchens Freunde finden, das Knopfland von Hofdame Isolde erlösen und damit auch allen Nadeln, Garnrollen und anderen Kurzwaren ein angstfreies Leben ermöglichen.

Tiefenpsychologische und gesellschaftswissenschaftliche Faktoren setzen ein, ohne dass man ein Wort darüber verliert: Emma muss sich ihrer größten Angst stellen, alle müssen zusammenhalten und jeder muss an seinem Platz im Leben das Beste geben.

Zurück bei den Menschen kommen Emma Zweifel: war alles nur ein Traum während der Bewusstlosigkeit? Aber wo war sie in den acht Stunden, als Onkel und Tante sie suchten. Und die Tante . . . ?

Als ob sie in Omas alter Knopfkiste gewühlt hätte und dabei die Geschichte in ihr wuchs, entwirft Ulrike Rylance eine unsagbar romantische Erzählung, ein Stück fantastische Literatur pur auf so bezaubernd einfacher Ebene.
Die märchenhaften Motive sind u. a. angelehnt an Däumelinchen. Die Geschichte ist erfrischend einfach, aber nicht sprachlich gezwungen. Sie zeichnet ein fast fabelartiges Abbild menschlicher Gesellschaft, ihrer Werte, Ziele, Ansichten und Verhaltensweisen. Voller Witz und Charme entstehen sprachliche Bilder von Missverständnissen ("großer K sucht nur Anschluss") und Zusammenhängen.
Die Geschichte gibt eine ausgezeichnete Vorlage für eine szenische Gestaltung her, z. B. ein Kartontheater, in dem die Kinder für jede Szene einen eigenen Karton entwerfen. Für Lehrkräfte im Textilunterricht eine zauberhafte Untermalung des fachlichen Hintergrundes.

Mit viel Fingerspitzengefühl entwirft Silke Leffler wie eine Kostümbildnerin für jede Figur die passende Ausstattung, kreiert wie eine hervorragende Bühnenbildnerin für jede Szene die passende Kulisse. Es ist, als ob man einem Puppentheater zuschaut, das ausschließlich aus Kurzwarenresten und Kleinkram zusammengestellt wurde:
fantasievolle Assemblagen mit Bortenstraßen, Spitzenwegen, Seidenseen, Juteprärien mit Kaktusnadelkissen im wilden Westen. Jedes Accessoire malt ein eigenes Bild, passt genau. Man spürt an jeder Einzelheit die stimmige Verschmelzung von Text und Illustration. Nicht nur die humorvollen Details wie der Euro mit den Hosen aus einer USA-Flagge geben dem literarischen Kleinod vom Einband bis zur letzten Spitze den besonderen Schliff.

 

Ulrike Rylance, geboren 1968, studierte
Anglistik und Germanistik in Leipzig und London. Seit 2001 lebt sie mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Seattle, USA, und schreibt Kinder- und Jugendbücher. 2010 erschien ihr erster Jugendroman »Ein Date für vier«.

(c) privat

 

 

 

Silke Leffler, geboren 1970 in Vorarlberg/Österreich, absolvierte eine Schneiderlehre und studierte Textildesign. Seit 1996 ist sie freischaffende Textildesignerin für namhafte internationale Firmen, seit 1998 arbeitet sie auch als Illustratorin für Kinderbücher und Papeterie. Sie lebt mit ihrer Familie in Süddeutschland.

(c) privat

(bj & lr für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (bj&lr)
Jugendbuch     (02/06/10)   (cjh&tk)
Sachbuch     (03/07/11)   (gas)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

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