Der LesePeter
des Monats
Oktober 2011

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Gabriele Gferer

 
      für das Jugendbuch  
      grenzenlos nah  
         
         
         
         
     

Gabriele Gferer: grenzenlos nah
Stuttgart: Thienemann  2010
267 Seiten * geb. * 13,95 € * ab 12 J
 

 
 

 

Fünf junge Österreicher fahren zu einer Aufbauwoche nach Bosnien, wo vor 14 Jahren fast 8000 Moslems ermordet wurden. Zwei der Jugendlichen sind von dort als kleine Kinder geflohen und kehren nun mit Bangen zurück. Es entwickelt sich eine furiose innere und äußere Handlung. Die enge Zusammenarbeit der Fünf entfacht emotionale Stürme, und die Gewalttaten von früher haben immer noch Einfluss auf sie und die Bevölkerung des Dorfes von heute. Als die Zeit in der Nähe von Sarajewo um ist, ist nichts mehr, wie es war.

Die Aufstellung der Handelnden, die zu der ehrenamtlichen Reise aufbrechen, lässt sofort Spannungen ahnen: ein junges und engagiertes Mädchen mit roten Rastalocken, ein bornierter Schnösel mit viel Geld im Hintergrund und die Dreierbande: Sira, Karim und Max. Sira wurde als Kleinkind von Karim behütet, und die Flucht aus Bosnien hätte sie ohne ihn nicht überstanden. Max ist beider Freund, seit Sira und Karim in Wien angekommen sind, sind sie zusammen. Max muss zunehmend feststellen, dass seine Kinderfreundschaft zu Sira sich zu einer ernsthaften Liebe entwickelt; Karim und Sira aber sind eben von klein auf füreinander bestimmt und stellen das keinen Augenblick in Frage – bis sie sich beide im Laufe der Woche in dem Dorf bei Sarajewo in andere Partner verlieben.

Die Konstellation ergibt nun ein Konfliktpotential, das sich gewaschen hat - und der Leser kommt auch nicht weiter als die Fünf, weil die sich selbst noch viel zu wenig kennen, um entschlossen handeln zu können. Nur Karim gibt sich als Obermacho und forciert die Entwicklung.
Bemerkenswert aber ist dabei vor allen Dingen die Fähigkeit der Autorin, die Gefühlsstürme, die Frustrationen, das Geplänkel, die Feiern, das Niedermachen und die (zaghaften) Liebesszenen glaubhaft und bar jeder Plattitüde zu beschreiben. Reichlich Leerstellen überlassen es dem Leser, die Gedanken weiter zu entwickeln, allzu Romantisches überspringen sie, allzu Eindeutiges bleibt dort, wo es den Handlungsverlauf hemmen würde, ausgespart.

Aber das ist nur die knappe (wenn auch sehr mitnehmende) Hälfte der Handlung. Die andere Hälfte ist die eines humanitären Einsatzes in einer auch 14 Jahre nach dem Krieg noch völlig desolaten Landschaft. Wie mit den Erinnerungen an das Massaker von Srebrenica umgehen? Wie damit, dass bosnische Männer des Dorfs, in dem die Fünf ihren Einsatz haben, in ein leer stehendes Bergwerk getrieben wurden, das dann von den Serben geflutet wurde? Wie damit, dass viele immer noch in menschenunwürdigen Verhältnissen leben?
Die Frage nach dem Sinn eines einwöchigen Einsatzes stellt sich ebenso wie die Frage nach dem Verständnis für die Probleme des Landes. Kann denn ein junger Österreicher (oder wenn´s beliebt: ein junger Deutscher) überhaupt verstehen, wo er dort ist, was er dort soll, wie er dort von den Einheimischen gesehen wird? Auf Schritt und Tritt erinnert alles an die Vergangenheit, und das buchstäblich: Sira durchläuft freudetrunken einen kleinen Wald, nur durch Zufall entgeht sie der Gefahr einer Minenexplosion. Viele Landstriche sind noch auf Jahre verseucht, es fehlt einfach das Geld, alle Minen zu räumen - das alles liegt weit außerhalb der Vorstellungswelt des behütet aufwachsenden Mitteleuropäers.

Der Bosnier Karim verliebt sich in eine hübsche Bäckerin - und weiß nicht, dass sie Serbin ist; die Serben sind Schuld an seinem Unglück, er hasst sie allesamt. Prompt gerät er an bosnische Jugendliche, die ihn dazu bringen wollen, den serbischen Bürgermeister, den Vater seiner Freundin, zu erschießen - erst in diesem Augenblick erkennt er, dass Hass tödlich sein kann; diese Erkenntnis spürt er schmerzhaft. Auch das buchstäblich, als er von den Serben, die ihn als Verbündeten wanken sehen, verprügelt wird.

Dass die gesamte Geschichte gut ausgeht, verdienen die jungen Leser (die solches bekanntermaßen lieben). Aber das lässt auch den Schluss zu, dass es sich lohnt, sich für eine gute Sache einzusetzen, Stichwort Ehrenamt.
Sira bekommt Gewissheit über einen Onkel, den sie selbst kaum kennen gelernt hat, der aber bei dem Massaker von Srebrenica ermordet wurde, und ein Andenken an ihn dazu. Das Wissen über den Tod eines geliebten Verwandten wird ihrer Familie, die bisher im Ungewissen war, Trost spenden. Und mindestens die Dreierbande (weniger ausgesprochen gilt das auch für die beiden anderen) bekommt eine Perspektive für die Zukunft und die Erkenntnis, dass tradierte Ansichten mindestens immer wieder hinterfragt werden müssen: Sira kommt mit Max zusammen, Karim wird wahrscheinlich mit seinem Vater in das Dorf bei Sarajewo ziehen, wahrscheinlich mit der jungen Serbin Josi zusammen bleiben und so mit der Hilfe der Liebe seinen Hass auf die Serben bewältigen.

Und der Pädagoge freut sich besonders über die Beschreibung des jungen Karim: Bislang war selten zu lesen, wie ein solches Macho-Gehabe (das Karim natürlich nie ablegen wird) zu erklären ist, dass es ebenso sympathisch sein kann, wie es bloßstellt - nicht nur den Angegriffenen, sondern auch den Angreifer. Die beiden anderen sind nicht umsonst mit ihm befreundet - und sie können sich köstlich über das Gockelgehabe amüsieren. Wie auch der Leser.

 

 

Gabriele Gfrerer, geboren 1961 in Wien, wuchs mit vier älteren Brüdern auf. Daher gab es von Kindesbeinen an Action, aber auch viel Geborgenheit – und vor allem jede Menge Geschichten. Vorgelesene ebenso wie selbst erfundene. Es dauerte dann allerdings noch Jahr(zehnt)e, bis ihr erstes gedrucktes Buch Wirklichkeit wurde. Dazwischen lagen ein Lehramtsstudium, die Arbeit als Grundschullehrerin und schließlich die Selbstständigkeit als Grafikdesignerin. Ob Krimis, Fantasy, Liebesgeschichten oder Zeitgeschichtliches: Was erzählt werden will, findet seinen Platz von selbst. Gabriele Gfrerer lebt und schreibt in der Nähe von Wien umgeben von ihrer Familie.
(c)  Valerie Gfrerer

 

(cjh & tk für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

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Jugendbuch     (02/06/10)   (cjh&tk)
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