Der LesePeter
des Monats
Juni 2011

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Stefanie Harjes & Franz Kafka

 
      für das Jugendbuch  
      Kafka  
         
         
         
         
     

Stefanie Harjes & Franz Kafka: Kafka
Ravensburg: Ravensburger 2010
978-3-473-35308-8
128 S * geb * 14,95 € * ab 14 J
 

 
 

 

Ein Querschnitt aus Franz Kafkas Textproduktionen: Schnipsel, Erzählungen und (gekürzte) längere Texte und Romane. Völlig gleichwertig sind dabei die Illustrationen, Bilder und Skizzen von Stefanie Harjes. Sie setzen – in Schwarz-Weiß oder Farbe – die Texte zum Teil buchstäblich, zum Teil assoziativ um. Zudem bebildern sie spektakulär die Gedanken Kafkas, indem sie sie aufnehmen, weiterentwickeln, interpretieren und - vor allen Dingen - in die Bildvorstellungen des 21. Jahrhunderts transponieren.

Darf man Kafka - oder überhaupt Weltliteratur - kürzen? Stefanie Harjes benutzt die Texte, um selber zeichnen zu können, sich die Texte anzueignen, sich in die Gedankenwelt Kafkas zu versenken, ohne ihre eigene dabei aufzugeben. Und so ist es hier richtig, dass “Die Verwandlung” nur in dem Teil abgedruckt wird, in dem die Schwester vor den dunklen Herren ihre Violine spielt. So bekommt die Geschichte einen neuen Akzent: wie die Schwester die Handlung wahrnimmt, vom Bruder angehimmelt wird, sie ihn aber verabscheut und ihn zutiefst verletzt, ohne dass er das so benennt. In dem doppelseitigen Bild dazu ist sie die schöne, junge Violinistin, der die drei Herren rauchend zuhören, die Mutter ist schemenhaft, sie hat keine Meinung und keine Statur und Gregor Samsa löst sich völlig in durchsichtige Strichkonturen auf, nur eine reale Hand streckt sich zur geliebten Schwester hin. Sie aber sieht ihn noch nicht einmal an, da er sowieso kaum sichtbar ist, eigentlich gar nicht existiert. Einzig der gegenstandslose amorph-dunkle Untergrund deutet auf die bedrohliche Problematik hin. Andere Seiten und Textfragmente korrespondieren in ihrer Skizzenhaftigkeit, besonders deutlich wird das auf den Vor- & Nachsatzblättern: Sie sind reine Tagebuchblätter, grafische Notizen zu Texten, Ideen, Diskussionen.

Andere Blätter zeigen Textstreifen (den schon fast antiken Telegrammtextstreifen gleichend), eingebunden in interpretativ-illustrierende Zeichnungen. Skizzen und genaue Zeichnungen überraschen immer wieder. Und das Titelbild ist symptomatisch für die Vorgehensweise, vom Titel bis zur letzten Seite ist das Buch konsequent durchdacht: Ein kräftig gestrichelter schwarzer Rabe, aus dessen Federn Kafkas Augen kollagiert heraus gucken, und das über einer Liste voller abgearbeiteter, folglich durchgestrichener Arbeitsbegriffe.
 

Dieses Buch ist ideal für vielerlei Ebene:
Für den Deutschunterricht: Wenn Kafka thematisiert wird, wenn es um Texte zu irgendwelchen Ideen, Gefühlen, Gedanken, Ängsten geht. Mit diesen kurzen Textauszügen lässt sich hervorragend arbeiten.

Für den Kunstunterricht: Wie kann ich Schülern beibringen, sich zeichnerisch Texten zu nähern, vielleicht sogar Texten, die ich durch meine zeichnerischen Versuche überhaupt erst zu verstehen lerne? Längere Texte kann man dabei gar nicht verwenden, Textarbeit ist aber nötig, um mit Zeichnungen beginnen zu können. Also sind Textschnipsel anfangs das Ideale. Und dann Harjes‘ Beispiele, die allesamt von ihr ausgehen, von ihrer Bilderwelt und schließlich weit in den Text vordringen. Für Kafka wären barbusige Mädchen unvorstellbar gewesen, er verdrängte derlei noch. Unsere Jugendlichen leben in dieser Welt der Grenzenlosigkeit, müssen aber auch erst lernen, dass sie ihre eigene Bildersprache finden müssen, die 100-jährigen Texten dennoch gerecht werden.

Für die Annäherung an Kafka: Kurze Texte motivieren, wenn sie gut sind und klug ausgewählt. Und gut illustriert sind sie, in der Bildersprache, die verstanden wird. Was will man noch mehr?

 

(cjh&tk für die AJuM der GEW)

 

Franz Kafka wurde am 3. Juli 1883 in Prag, Österreich-Ungarn geboren und starb am 3. Juni 1924 in Kierling bei Klosterneuburg, Österreich. Neben drei Romanen bzw. Romanfragmenten (Der Prozess, Das Schloß und Der Verschollene) verfasste er zahlreiche Erzählungen.

Stefanie Harjes, vielfach preisgekrönte Illustratorin, hat bereits einigen Ravensburger Titeln ihr Gesicht gegeben. Neben der Arbeit für Buch- und Zeitschriftenverlage ist sie als Dozentin für Buchillustration an der HAW (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg) tätig.

(c) Martin Wellermann

 

 

 

 

 

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (bj&lr)
Jugendbuch     (02/06/10)   (cjh&tk)
Sachbuch     (03/07/11)   (gas/diverse)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel

     

Impressum: AJuM der GEW  *  c/o    Ulrich H. Baselau  * Osterstr. 30  * 26409 Wittmund * ulrich.baselau [ad] ajum.de * 04462 -- 943611
Zur Datenschutzerklärung