Der LesePeter
des Monats
Oktober 2010

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Nava Semel

 
      für das Jugendbuch  
      Liebe für Anfänger  
         
         
         
         
     

Nava Semel: Liebe für Anfänger
Illustrationen von Gerda Raidt
Übersetzt aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Berlin: Stuart & Jacoby 2010
ISBN-13: 978-3-941087-82-8
128 S * geb. * 14,95 € * ab 13 J
 

 
 

 

In sieben Geschichten erzählt die Israelin Nava Semel einfühlsam, bewegend und gelegentlich humorvoll von einem der größten und erinnerungswürdigsten Gefühl, das ein Mensch haben kann: der ersten Liebe.

Die Geschichten sind in verschiedenen Zeiten in Israel angesiedelt und spannen locker einen Bogen von 1936 bis zur Gegenwart. Die erste ist ein Text des 21. Jahrhunderts, sachte nähert sie sich der Vergangenheit, die letzte und längste spielt im Jahr 1936. Diese Geschichte geht inhaltlich und vor allem geschichtlich am weitesten. Ihr wird ein knappes, aber informatives Vorwort vorangestellt, das sie in den historischen Kontext einordnet. Sie spielt vor der Gründung des Staates Israel, in dem der Streit über das Schicksal des Landes das nachbarliche Zusammenleben zwischen Juden und Arabern bedroht und beide Völker sich den Hass auf die Briten teilen. „Die Zeit der Gewalt hatte begonnen“, heißt es im letzten Satz dieser Intro, im letzten Satz der eigentlichen Geschichte ist die Rede von einem fürchterlichen Fluch, der gebannt werden muss. Hier wird deutlich, dass die Geschichten, trotz ihres universellen und individuellen Themas, auch tief im Schicksal Israels verankert sind.

Alle anderen Geschichten erzählen vorwiegend von der Vergeblichkeit der ersten Liebe, davon, warum es einfach selten klappen kann, aber unendliche Wunden und Gefühle hinterlässt. Jede von ihnen beleuchtet behutsam eine andere Facette, hat einen Schwerpunkt, in dessen Kontext die Geschichte eingebunden ist.

Die Handlung der sieben Geschichten (die mythische Zahl sagt, dass es sich um die Quintessenz aller Geschichten der Welt handelt) in Stichworten:

1. Die erste Liebe kämpft gegen alle Gewohnheiten, die Protagonisten ängstigen sich, sie wahrzunehmen, und tun sie es endlich, ist es zu spät.
2. Shakespeares Sommernachtstraum verwirrt auch heute noch - allen Telenovelas zum Trotze.
3. Warum das Schreiben von Liebesbriefen so schwer ist und wie viel Mut erste Liebe braucht. Besonders, wenn sie zugleich ein Coming out bedeutet.
4. Anfang und Ende einer Liebe sind ebenso unbegreiflich, wie sie gleichzeitig nebeneinander vorkommen können.
5. Eine frühe Liebe kann nicht beginnen, wenn eine Lüge sie überlagert.
6. Der lyrische Beginn einer Liebe gelingt nur ohne Planung, nicht aber ohne Vorbereitung.
7. Extreme Situationen fördern extreme Reaktionen. Und was ist extremer, als wenn in feindlichen Handlungen Kulturkreise aufeinanderstoßen?

Die Erzählpositionen sind, wie es sich für die Darstellung von Gefühlen eignet, in der Ich-Person. Dominant ist hierbei der innere Monolog des Erzählenden. Mit wörtlicher Rede oder gar Dialogen wird sparsam umgegangen und steht, wenn doch, immer für einen emotionalen Schwerpunkt, wenn zum Beispiel der Name des Verliebten ausgesprochen wird.

Trotz der schnörkellosen Sprache entwirft Nava Semel poetische Bilder, die dem Leser klar machen, warum die Liebe in diesem Moment gekommen ist: Da gibt es z. B. den Jungen mit dem „dichten, kurzgeschnittenen Haaren wie frisch gemähtes Gras“. Da gibt es die Mutter, die Abend für Abend weinend den Film Casablanca schaut, da geraten Gedanken durcheinander „wie die zerknüllten Seiten eines Stücks, von dem man nicht weiß, wo es anfängt und wo es endet“. Und in „Mondspaziergang“ geht es vor dem Hintergrund von Apollo 11 um die Einsamkeit eines Jungen, der nach dem Tod seines Vaters selbst von seiner besten Freundin, in die er zugleich verliebt ist, buchstäblich im Dunklen gelassen wird.

 

Der Leser – insbesondere der Junge - wird vom ersten Wort gefordert: Bis kurz vor dem jeweiligen Ende erfährt er nicht, wer oder was der/die Ich-ErzählerIn ist. Dann hat die Autorin ihr Ziel erreicht: Zu zeigen, dass man vorurteilslos Handlung und Personen beurteilen soll und es nicht kann. Nava Semel bricht mit alten Tabus, es ist einfach alles möglich, so wie es das Leben zeigt. Die Vorurteile finden aber keine Resonanz in den handelnden Personen, sondern einzig und allein im Leser selbst.

Wie es ein erwachsener Mensch, wie die Autorin es überhaupt schafft, das Innenleben der jungen handelnden Personen so leicht und authentisch darzustellen, ist hohe Kunst. Unprätentiös und Lichtjahre von dem Hype anderer „Erste Liebe“-Geschichten und Romane entfernt, wird hier das Gefühl literarisiert, das allen Menschen unvergesslich bleibt: Die erste Liebe, ein Urthema der Menschheit.

Ergänzt wird das Buch von Gerda Raidts s/w-Illustrationen, jeweils eine pro Geschichte. Deren sanfte Verwaschenheit passt gut zu den Gefühlen, die hier kunstvoll heraufbeschworen, zugleich komprimieren sie den Text hochsensibel. Mirjam Pressler hat die Geschichten aus dem Hebräischen ins Deutsche übersetzt, sie lesen sich großartig. Man kennt es nicht anders von ihr.

Ein kleines, aber großes Buch.
Diese kleine Sammlung ist grundsätzlich für alle Leser ab der Pubertät geeignet, für 13-, 14-Jährige aber unbedingt zu empfehlen.  

 

Die Autorin:
Nava Semel
, geb. 1954 in Tel Aviv, studierte Kunstgeschichte. Sie hat als Journalistin, Kunstkritikerin und Fernseh- und Radioproduzentin gearbeitet. Für ihr literarisches Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Sie ist Mitglied des Massua Institute of Holocaust Studies und gehört zum Direktorium des Yad Vashem-Museums in Jerusalem.

 © Vardi Kahana

 

Die Illustratorin
Gerda Raidt
, geb. 1975 in Berlin, studierte freie Grafik an der Burg Giebichenstein in Halle, später Illustration an der HGB Leipzig bei Volker Pfüller, bei dem sie anschließend auch ein Meisterschülerstudium absolvierte. Seit 2004 arbeitet sie als freie Illustratorin.

 

(cjh & tk für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (bj&lr)
Jugendbuch     (02/06/10)   (cjh&tk)
Sachbuch     (03/07/11)   (gas)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

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