Der LesePeter
des Monats
August 2010

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Gabriel Erz und Peter Engel

 
      für das Bilderbuch  
      Harry und die Amsel  
         
         
         
         
     

Gabriel Erz & Peter Engel:
Harry und die Amsel

Ein AH-Buch mit Z zum Schluss
Regensburg: Edition Buntehunde 2010
32 S * geb * 17,90 € * ab 6 J

 

 
 

 

Das Buch ist deutlich textlastig, für ein Bilderbuch ist die Geschichte (eigentlich) zu lang. Da verlangt das Auge des Kindes, dem vorgelesen wird, viel mehr von den Bildern, denn es will beim Zuhören beschäftigt sein. Erzählt wird mit vielen humorvollen Teilen von zwei, drei kleinen schwarzen Vögeln, die Harry sein sorgsam geplantes Leben ein bisschen in Unordnung bringen. Wir schauen und lesen sehr gern, dass und wie dieser langweilige und furchtsame Kerl eine gute Tat begeht.

Rabamsel, Rabumsel und das Kind

Harry ist nicht mehr ganz jung und von Beruf Geschichtenschreiber. Er lebt in einem Doppelhaus, was dazu führt, dass Harry nie um das Haus herumgehen kann. Nicht, dass er es darauf angelegt hätte. So ist Harry nicht. Es ist eher eine Tatsache, die er erwähnt und die dem „Hätte-könnte-wäre-müsste“ entgegensteht.
Harry ist Realist. Er weiß: „Am Ende ist es, wie es ist.“
Das könnte sein Lebens-Sinn-Satz sein. Aber Harry ist gar nicht pragmatisch, eher umständlich – und nicht nur ein bisschen altmodisch. Als ihm absolut nichts Neues für eine Geschichte einfällt, fließt die Farbe seines Hemdes nahtlos in die des Tisches, als sei er ein Teil des Inventars. Damit haben wir schon einmal die Bilder ins Spiel gebracht. Da sieht man Harry in Form einer Karotte: Der Kopf geht ohne Kinn über in den Hals und der in den Körper, der zur Mitte hin immer dicker wird, bis die Hose wieder enger, fast spitz wird. Die kann natürlich nur von einem Hosenträger vor dem Rutschen gerettet werden – oder ein Gürtel müsste sie so einengen, dass Harry eher wie eine in der Mitte gebundene Leberwurst aussehen würde. Unter seiner Mütze schauen hinten ein paar Haare raus, sein Oberlippenbart ist wie seine Augenbrauen eher spärlich. Aber: Harry hat einen freundlic
hen Mund, und seine kleine Brille ersetzt fast seine Augen. Und als ihm keine Geschichte einfallen will, befürchtet man fast, dass Harry sich unsichtbar machen will und wir eine Geschichte zu hören bekommen von einem Menschen, dem keine Geschichte einfallen will. Aber es kommt doch ganz anders, unverhofft eben. Als Harry „nämlich vors Haus tritt, hebt ein mächtiges Gekreische an.“ Ein kleiner schwarzer Vogel „plustert sich auf wie Wunder wer“. Und der Vogel lässt ihn nicht in Ruhe. Immer noch nicht kommt Harry darauf, dass dieser ihn auf etwas aufmerksam machen will, vielleicht sogar um Hilfe bittet. Ja, hat Harry denn nie Tierfilme geguckt? Da erlebt man das doch ständig: Fury, Lassy und RinTinTin holen Hilfe … Harry aber ist stur. So etwas bringt sein Leben durcheinander. Das will er nicht.
Doch die Vögel – ganz sicher sind es Amseln – lassen sich nicht abschütteln. Zu wichtig ist ihr Anliegen, dass sie sich auch weiterhin sehr ungewöhnlich benehmen. 

Da gewinnt Harry auch wieder an Statur, die allerdings weder sportlich noch forsch ist. Hier kreischt ihn eine Amsel vom Balkonblumenkasten an, dort zetert Rabumsel – so nennt er inzwischen den einen Vogel – von der Dachrinne herunter. Ja, was soll das denn? Was kann das denn sein? Hätte, wäre, könnte, müsste – ja, wie denn? Am Ende ist doch sowieso immer alles, wie es ist! Und dann hört Harry merkwürdige Geräusche vom Boden. Und dann ist es wieder still. Beunruhigend still. Gefährlich still?
Harry muss schon seinen ganzen Mut zusammennehmen und unsere Fantasie mit bemühen: Siebenschläfer oder Marder? Welcher Gefahr muss er sich stellen? Gibt es einen anderen Weg als selbst mutig zu werden? Immerhin macht Harry, was offensichtlich getan werden muss.

 

Bild und Text ergänzen sich vortrefflich. Aus einer zunächst ziemlich langweilig anmutenden und textlastigen Geschichte entwickelt sich Spannung. Die verstreuten Bildteile mit den vielen Brauntönen teilen genau diese Entwicklung. Peter Engel lässt große Flächen fast ungenutzt, streicht sie dick mit grobem Pinsel und stumpfer Farbe ein, benutzt auch mal zwei Szenen auf einer Seite. Seine Harry-Figur macht sich auch mal lächerlich, löst sich fast auf beim Versuch, selbst ein Vogel zu sein, und schwitzt Blut und Wasser im Bett, während ein offensichtlich kranker Vogel mit dickem Schal neben ihm liegt.
Dann, als Harry beschlossen hat, mutig zu werden, stattet ihn der Illustrator mit Expeditionsausrüstung aus: Ranzen, Sicherungsseil, Schmetterlingsnetz, Zeichenmappe, aufgeklapptes Teesieb als Augenschutz und Bratpfanne anstatt Helm. Sehr sympathisch.

So wie die Geschichte selbst. War das ein Dank von Vogel an Mensch? Oder ein: Nächstes Mal verstehst du aber besser, was ich von dir will! Oder ein „Hätte, könnte, solle, müsste“?

Eine Geschichte, aus der wir auch noch etwas lernen können für uns und ein richtiges Kleinod aus einem kleinen Verlag. Das Kriterium nannte Enna, als sie etwas älter war als 3 Jahre: Wenn man das Buch aufschlägt, müssen Titelbild und Rückseite eine Einheit bilden. Vielleicht ist da ja etwas dran. Hier trifft es jedenfalls zu (wie auf viele andere).

 

 

 

Scherze über die Namen von Autor und Illustrator erübrigen sich ja wohl, aber staunen darf man, dass sowohl Gabriel als auch Erz und Engel vorkommen …

 

Gabriel Erz
ist Jahrgang 1951 und von Beruf Journalist und wohnt in Nürnberg. Soweit darf man den Verlagsangaben vertrauen, ob sein Name so stimmt, ist allerdings nicht ganz gewiss.

 

 

 

 

 

Peter Engel
ist 1969 geboren und lebt in Regensburg. Bekannt sei seine Fähigkeit, mit wenigen Strichen Un- oder Kobolde zu skizzieren. Er arbeitet als Bühnenbildner diverser Theater und setzt dabei „Visionen von Theaterleuten, von Regisseuren und Schauspielern“ in „Bühne und Raum“ um. Das merkt man auch in seiner Auffassung von Illustration in diesem Buch – Raum lassen und pointieren.

 

 

(uhb für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (bj&lr)
Jugendbuch     (02/06/10)   (cjh&tk)
Sachbuch     (03/07/11)   (gas)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel

     

Impressum: AJuM der GEW  *  c/o    Ulrich H. Baselau  * Osterstr. 30  * 26409 Wittmund * ulrich.baselau [ad] ajum.de * 04462 -- 943611
Zur Datenschutzerklärung