Der LesePeter
des Monats
Februar 2009

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Beate Teresa Hanika

 
      für das Jugendbuch  
      Rotkäppchen muss weinen  
         
         
         
         
     

Beate Teresa Hanika: Rotkäppchen muss weinen
Frankfurt: Fischer Schatzinsel  2009
222 S * geb * 12,95 € * ab 12 J
 

 
 

 

Malvina ist steht kurz vor ihrem vierzehnten Geburtstag und hat im Jahr zuvor noch Bandenkrieg gegen die Jungs gespielt. Jetzt lernt sie deren Anführer ganz anders kennen und es entwickelt sich eine zarte erste Liebesgeschichte, die aber überschattet wird von einem Geheimnis, das Malvina vor allen bewahren will – selbst vor sich selbst. Dafür sorgt ihr Unterbewusstsein, das sich weigert, Erinnerungslücken zu füllen: der mit Ekel besetzte jahrelange Missbrauch durch ihren Großvater. Unter ihrer beredten Erzählung des pubertären Erlebens tritt immer deutlicher werdend eine Geschichte von verlogener Erpressung und Wegblicken und Ignorieren seitens der gesamten Familie zutage.

Beate Teresa Hanika verleiht der Missbrauchten eine glaubhafte Stimme mit durchaus poetischen Anklängen. Dass der weitaus größte Anteil an sexuellem Missbrauch innerhalb der Familie oder dem nächsten Freundeskreis stattfindet, ist inzwischen Allgemeinwissen, dass deswegen unbedingt mehr darüber gesprochen würde, weniger. Und das Nicht-Sprechen-Können ist das eigentliche Thema der Autorin. Das Ekelpaket des Großvaters ist hier allerdings auch eindeutig. Eines der Hauptprobleme der Opfer ist, dass sie nicht so recht wissen, ob sie den Täter nun eigentlich hassen oder lieben, meist ist es eine dem Opfer völlig undurchschaubare Gemengelage. Hier verlagert sich dieses Gefühl auf den Vater Malvinas. Der missbraucht sie zwar nicht, wird aber durch sein Wegsehen zum Mitschuldigen, bedrohlich wirkt er durch seine brutale Aggressivität auf jeden Fall. Eine Spätfolge vom eigenen Missbrauch, eventuell verbalem, durch den Vater? Das wird offengelassen.

Die Mutter weiß fast alles, flüchtet sich aber bei jeder, buchstäblich jeder Form von Anspruch in ihre Migräne, die sie völlig passiv werden lässt. Weder der große Bruder noch die attraktive (und für Malvina damit als das Gegenbild von ihr selbst empfundene) ältere Schwester wollen die zaghaften Äußerungen Malvinas ernst nehmen. Der Großvater selbst nutzt meisterhaft alles, was ihm zur Verfügung steht: Er stellt sich als hilflos dar, als Verlassenen, als Einsamen, als Opfer, als Kumpel, als Freund - jeweils verbunden mit dem Anspruch, dass Malvina nichts weiter erzählen dürfte, weil ihr sowieso niemand etwas glauben würde.
Malvinas Hilferufe verhallen ungehört. Ihre beste Freundin steht ihr in jeder Form zur Seite, unterstützt sie in allen Bereichen - ahnt aber von den Hintergründen nichts, weil Malvina ihr auch nichts erzählen kann. Die Annäherungsversuche des Großvaters unterlaufen die beiden für lange Zeit einfach dadurch, dass sie nur zu zweit bei ihm auftauchen. Als die Freundin aber in den Ferien verreist, steht Malvina wieder alleine da.
Nur die polnische Nachbarin des Großvaters ahnt etwas. Sie, eigentlich katholisch, hilft auf skurrile Art, nämlich durch Einsatz von Magie - aber auch ihr erzählt Malvina nichts. Dafür erzählt die Nachbarin aber ihr eine berührende Geschichte von einem Mädchen, das von ihrem Vater nach dem Tod der Mutter missbraucht wurde. Erst als der Vater sich auch an die kleine Schwester vergreifen will, zieht das Mädchen seine Konsequenz: Sie bringt sich und die kleine Schwester, die ihr blind vertraut, um. Wie im Flug: Die Mädchen springen von einem Felsen ins Leere.

Hier haben wir eine starke, wiederkehrende Metapher im Buch: Auch Malvina fliegt in eine Art Freiheit, als sie von der Schaukel springt und sich so das Befremden, aber auch die Bewunderung der Jungenbande sichert. Flucht nach vorn, Flucht in die Luft, einmal schwerelos sein, ohne Bodenhaftung und den naturgegebenen Gesetzen nicht länger gehorchen müssen: Dafür steht der Flug durch die Luft. Zugleich ist die Luft physikalisch das Gegenteil von Wasser, ein hier verhasstes Element. Denn Malvinas Missbrauch beginnt in der Badewanne, bei erzwungenen Gemeinschaftsbädern mit dem Großvater.

Sie flüchtet sich in schroffes, aggressives Gebaren, für sie ist das ohnehin die richtige Verhaltensweise gegenüber dem Jungen der gegnerischen Bande. Aber jetzt ist sie fast 14, er 16, und es entwickelt sich ganz anders. Ihre Kindheit begraben sie gemeinsam in einer Ruine, die sie als ihr Domizil angesehen haben, die aber jetzt abgerissen wird. Und damit auch die Naivität des Kindseins.
Jetzt hat Malvina Hilfe. „Klatsche” gibt ihr den Halt, den die Familie ihr verweigert, Lizzy kommt rechtzeitig aus den Ferien zurück und durchbricht das Schweigen der Familie. Eine letzte Fehlannahme von Malvina zeigt noch einmal, wie tief die Scham über das Erduldete sitzt: Als Lizzy wütend ist, kommt ihr gar nicht der Gedanke, diese sehr gute Freundin könne auf sich selbst wütend sein, sondern nur auf sie, Malvina.
Die Autorin begeht nicht den Fehler, in einer Generalbeichte alles zu offenbaren. Malvina wurde das Verschweigen eingebläut und von allen Familienmitgliedern vorgelebt. Sie kann einfach nicht alles erzählen, es bleibt bei oberflächlichen Berichten und Andeutungen; aber jeder kann sehen/lesen, dass mehr dahinter steht und dass Malvina ernst zu nehmen ist. Den Rest kann sich jeder selbst zurecht rechnen.
Kein Buch für Voyeure (oder die der lesenden Form davon), aber ein Buch, das ein Plädoyer darstellt, genauer hinzusehen und zu -hören.

 

 

Vita: Beate Teresa Hanika, geboren 1976 in Regensburg, ist Fotografin. Ab 1997 arbeitete sie mehrere Jahre als Model in verschiedenen europäischen Städten. Bereits seit ihrem zehnten Lebensjahr schreibt sie Geschichten und Gedichte. Sie lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Ort in der Nähe von Regensburg. Ihr erster Roman ›Rotkäppchen muss weinen‹ wurde u. a. mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis 2007 und dem Bayerischen Kunstförderpreis 2009 ausgezeichnet.

 (c) Florian Lehmer (mit frdl. Genehmigung von Fischer Schatzinsel)

 

 

(cjh & tk für die AJuM der GEW)

 

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (bj&lr)
Jugendbuch     (02/06/10)   (cjh&tk)
Sachbuch     (03/07/11)   (gas)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel

     

Impressum: AJuM der GEW  *  c/o    Ulrich H. Baselau  * Osterstr. 30  * 26409 Wittmund * ulrich.baselau [ad] ajum.de * 04462 -- 943611
Zur Datenschutzerklärung