Der LesePeter
des Monats
Oktober 2009

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Tami Shem-Tov

 
      für das Jugendbuch  
      Das Mädchen mit den drei Namen  
         
         
         
         
     

Tami Shem-Tov: Das Mädchen mit den drei Namen
Aus dem Hebräischen übersetzt von Mirjam Pressler
Frankfurt: Fischer Schatzinsel, 2009
mit illustrierten Briefen von Jacob van der Hoeden
und Fotos
302 S * geb * 14,95 € * ab 12 J
 

 
 

 

Ganz freiwillig wird ein Mädchen nicht drei Namen annehmen, das Cover weist auf den historischen Hintergrund hin: ein roter Mantel, auf dem noch Fadenreste des soeben entfernten Judensterns zu sehen sind. Drei Namen bedeuten drei Leben. Die Briefe, die der Vater des Mädchens geschrieben hat, mussten dem Kind ein Leben im Untergrund ermöglichen – das zweite Leben der Lieneke, das dritte ist das nach der Befreiung der Niederlande von der deutschen Besatzung. Die neun vor Fantasie und Liebe strotzenden Briefe bilden den Hintergrund der Erzählung.

 Die Niederlande werden von den Deutschen besetzt, das Leben der Juden verschlechtert sich dramatisch. Lienekes Vater gelingt es, die Familie zu atomisieren: Jeder findet einen anderen Unterschlupf, nur er kennt die Adressen, so kann keines der vier Kinder die Geschwister oder die Eltern gefährden. Zur jüngsten Tochter hält er über Briefe Kontakt. Um diese erhalten gebliebenen Briefe und vom Exil des Mädchens rankt sich die Erzählung, die eng mit der Erlebniswelt der kleinen Lieneke verhaftet ist.
Sehr sinnlich nimmt es Wohnungen und Zimmer wahr, riecht und horcht, ist interessiert an den Forschungen seines Vaters, der als Chemiker an der Universität und später – als die Deutschen den niederländischen Juden jede Betätigung verboten hatten – im Keller arbeitete. Dieser Vater schrieb dem Kind Briefe, als kleine Heftchen zusammengefaltet, reich und liebevoll illustriert. Lieneke durfte sie nur lesen und musste sie dann dem Arzt, bei dem sie ihr Exil auf dem Dorf bezog, wieder aushändigen – zu gefährlich wären sie geworden, hätten die Deutschen sie gefunden.

Ihre Erinnerungen mäandern durch die Vorgeschichte, ihre Biografie und das Leben in Utrecht unter der deutschen Besetzung. Lieneke war viel krank, sie machte alle möglichen Kinderkrankheiten nacheinander durch, Masern gleich zweimal. Aber ihre Krankheit rettet die Familie, die abgeholt werden sollte. Die deutschen Soldaten schrecken vor dem Schild an der Haustür zurück, auf dem vor einer ansteckenden Krankheit gewarnt wird. Der Vater erkennt die Gefahr und organisiert in kürzester Zeit, dass jedes Familienmitglied bei einer anderen Familie untertauchen kann. Die beiden kleinen Schwestern sind anfangs noch zusammen, als aber die Entdeckung droht, müssen sie mehrfach die Unterkünfte wechseln, werden letztlich getrennt. Alle können überleben, weil es doch viele Menschen in den Niederlanden gab, die es ganz selbstverständlich auf sich nahmen, Verfolgten zu helfen. Nur die Mutter stirbt an ihrer Erkrankung, gegen die es (für Juden) keine Medikamente mehr gibt.
Lieneke gewinnt die Familie ihres Landarztes so lieb, dass ihr der Abschied nach dem Ende des Krieges recht schwer fällt.

 Neun Briefe schreibt der Vater an seine Tochter, liebevolle, die nichts von den Gefahren des Untergrundlebens, des Holocausts, des Krieges übermitteln, sondern Mut und in versteckter Form, die Lieneke durchaus versteht, Hoffnung auf ein Ende des Krieges machen. Farbig hervorgehobene Versalien durchziehen den Text und eine Fülle von witzigen und treffenden Zeichnungen ergänzen den Text, karikieren und zeigen Vertrautes. Eine besondere Rolle nimmt dabei das Verhältnis von Vater und Tochter zu Tieren ein.

 Diese Art, Briefe zu schreiben, droht im E-Mail-Zeitalter völlig verloren zu gehen, in den 30er Jahren gab es mehrere entsprechende Veröffentlichungen (ich erinnere nur zu gern an “Ich an Dich” von Dinah Nelken und ihrem Bruder Rolf Gero, die nicht nur illustrierten, sondern in der ordentlichen Buchausgabe collagierten - damals alles noch in Handarbeit in hoher Auflage hergestellt!).
Vielleicht lassen sich auch ältere Korrespondenten wieder anregen, solche kreativen Briefe an jüngere Empfänger zu schreiben. Der Gewinn läge auf beiden Seiten.

 Ein scheinbarer Nebenaspekt öffnet sich dem aufmerksamen Leser, wenn die Autorin beschreibt, wie jämmerlich das Leben im Holland des Jahres 1945 war: Das reiche Land war ausgeplündert, in dem kalten Winter gab es kaum noch Heizmaterial, nur noch Futterrüben waren zu bekommen. Die deutsche Besatzung hatte ganze Arbeit geleistet, auf den Straßen der deutschen Städte sah man wenig dermaßen ausgemergelte Menschen wie auf den niederländischen. Dass der Hunger erst in der Nachkriegszeit auch Deutschland erreichte, hat die Erinnerung überlagert. Während des Krieges ging es den Deutschen vergleichsweise gut, in der Erzählung symbolisiert durch einen jungen deutschen Soldaten, der gerade erst aus der Heimat gekommen war. Dass es aber auch in einem besetzten Land punktuell noch Überfluss gab, erlebt Lieneke bei einem unverhofften Besuch auf dem großen Hof, auf dem ihre ältere Schwester ein gutes Auskommen und gute Arbeit gefunden hat. Woher diese große Familie die reichlichen Lebensmittel hat, erfährt das kleine Mädchen nicht.

 In einem Anhang wird die heute noch erstaunlich jung aussehende Lieneke, die jetzt in Israel lebt, interviewt, Fotos aus dem Familienalbum ergänzen das Informationsbedürfnis.

 Die einfache Sprache der Autorin ist sorgfältig übersetzt worden, Mirjam Pressler hat dabei auch die Altersgenossinnen Lienekes im Auge gehabt: etwa 10-Jährige, die dieses nicht nur lesenswerte, sondern auch spannende und informative Buch in die Hand bekommen.

 Und dem Verlag spreche ich hier meine Anerkennung aus, wie präzise die Briefe abgedruckt wurden, bis in kleinste Details genau zu erkennen. Das kleine Format der Briefheftchen (sie mussten alle geschmuggelt werden können!) ermöglicht es zudem, eine seitengenaue Übersetzung an den Rand zu setzen, sodass auch der des Niederländischen unkundige Leser genau verfolgen kann, auf welche Worte und Inhalte die Zeichnungen sich beziehen. Die dem Deutschen doch recht ähnliche Sprache erleichtert das Auffinden der Vokabeln so, dass man sich schnell zurechtfindet. Nur um die Reime nachvollziehen zu können, wäre eine Kurzbeschreibung der niederländischen Eigenheiten der Aussprache angebracht gewesen.

 

Tami Shem-Tov wurde 1969 geboren und lebt in Tel Aviv, Israel. Sie arbeitete viele Jahre als Journalistin, bevor sie sich entschloss, nur noch Bücher und Drehbücher zu verfassen. Ihre Werke wurden mehrfach ausgezeichnet.

(c) privat

 

 

 

(cjh für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (bj&lr)
Jugendbuch     (02/06/10)   (cjh)
Sachbuch     (03/07/11)   (gas)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel

     

Impressum: AJuM der GEW  *  c/o    Ulrich H. Baselau  * Osterstr. 30  * 26409 Wittmund * ulrich.baselau [ad] ajum.de * 04462 -- 943611
Zur Datenschutzerklärung