Der LesePeter
des Monats
Juni 2009

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Anne C. Voorhoeve

 
      für das Jugendbuch  
      Einundzwanzigster Juli  
         
         
         
         
     

Anne C. Voorhoeve: Einundzwanzigster Juli
Ravensburg: Ravensburger  2008
348 Seiten * geb. * 14,95 € * ab 14 J
 

 
 

 

Das letzte Kriegsjahr verbringt die 14-jährige Ich-Erzählerin auf der Flucht: erst vor einem Mord, dann aus dem von Bomben bedrohten Berlin, danach in Gefangenschaft, in die sie als Familienangehörige der Attentäter vom 20. Juli 1944 gerät. Die Odyssee durch Gefängnisse und KZs macht der sporadische Kontakt zur heldenhaften Tante Lexi und deren mehr moralische als reale Hilfen erträglich. Ein Überleben gibt es nur, weil die Familiengruppe zusammen hält und die Nazis sie als Geiseln benutzen.

Anfangs irritieren die Namen: Die Stauffenbergs heißen hier Lautlitz, während fast alle anderen Namen direkt genannt werden. Ein Stammbaum der fiktiven und der der realen Familie Stauffenberg auf Vor- und Nachsatz zeigt geringfügige Unterschiede, die deutlich machen: es geht hier nicht um reine Biografie, sondern um einen Roman, der versucht das Typische aufzuzeigen. Tagebuchartig schreibt das 14-jährige Mädchen von seiner Verwirrung: Der Tod eines polnischen “Fremdarbeiters” treibt sie aus dem Mädchenlager in Ostpreußen zurück zur Mutter. Irgendwie ist sie schuld am Tod, weiß aber noch nicht recht, inwieweit sie sich schuldig gemacht hat. Auf alle Fälle aber spürt sie, dass der Tod eines Menschen etwas so Grundlegendes ist, dass er nicht einfach hingenommen werden kann. Bis auf die letzten Seiten zieht sich ihre Sinnfindung, erst am Schluss erfährt der Leser, was geschah. Dazwischen aber bricht eine Welt zusammen: Zwei ihrer Onkels sind direkt am Attentat auf Hitler beteiligt, der Krieg beschleunigt sich virulent und Fritzi durchläuft Gefangenschaft und Transporte mit vielen Toten: Verwandten, Freunden und Fremden.
Das scheinbar wohlorganisierte Dritte Reich entpuppt sich als zunehmend chaotisch, die eine Behörde weiß nichts von der anderen, partikulare Interessen überlagern scheinbar objektive, am Schluss bekriegen sich Wehrmacht, SS und Gestapo direkt bei der Sicherung der für sie wertvollen Geiseln: nicht nur die vom 20. Juli, sondern auch der griechische Generalstab, Schuschnigg, André Blum, Pastor Niemöller und viele andere verhaftete Prominente.
Die zunehmende Oberhand der Alliierten macht jede Bewegung der großen Gruppe gefährlich, jeder Aufenthalt in Gebäuden ohne Luftschutzraum ist es ebenso. Immer wird die Gruppe in Nebenlagern der großen KZs abgesondert, ihr bleibt aber das unendliche Verbrechen nicht verborgen, zu nah sind sie daran.
Allein die Tante Fritzis, die Pilotin Lexi, die den Nazis zu wichtig ist, um sie dorthin zu bringen, wo sie sie eigentlich haben wollen - ins KZ - kann noch Hilfsflüge leisten: als Testfliegerin der Stukas hat sie freien Zugriff auf alles,  was fliegen kann und bis in die letzten Kriegstage fliegt sie immer wieder an den jeweiligen Aufenthaltsort, bekommt Zugang zu den Gefangenen und versorgt sie mit Notwendigstem und vor allem schafft sie Kontakte, vermittelt Nachrichten von Totgeglaubten, überbringt so den Mut zu überleben (Diese phänomenale Frau hieß in Wirklichkeit Melitta Schiller, verheiratet mit einem Bruder Claus Schenk von Stauffenbergs).
Für Fritzi ist diese Tante, die so gar nichts Tantenhaftes an sich hat, der wichtigste Mensch. Sie hat sich vor der Inhaftierung intensiv mit ihr auseinandergesetzt, Lexi erst zeigte ihr das Wesentliche: Sich aktiv in das Geschehen einzumischen. Immer wieder unterhält sich das geistig schnell wachsende Mädchen mit ihrem Vorbild in Gedanken - um so größer ist der Schock, als sie erfährt, dass Lexi in den letzten Kriegstagen von einem Amerikaner abgeschossen wurde.

Die Autorin hat einen großen Abstand zum Leben im Dritten Reich. Nur so ist wohl möglich, ein derart genaues Bild vom Innenleben der Menschen dieser Zeit zu zeichnen. Fritzi ist anfangs nur verunsichert, nicht aber zweifelt sie ernsthaft an den Zielen des Dritten Reichs. Sie ändert sich aber stetig - und gerät in ihrer Familie immer wieder an Menschen, die hemmungslos gegen den Führer und seine Verbrechen reden, die aber auch sicher sind, dass die Familienbande verhindern, dass sie jemand denunzieren könnte. Erst nach und nach erfährt Fritzi vom Attentat, schnell aber von der Reaktion des Reichs. In der Familie wird nicht eine einheitliche Meinung vertreten, fast alle Männer sind Militärs, die geliebte Tante testet sogar die Schreckenswaffe Stuka, auf dass sie effektiver werde. Aber in einem sind sie sich sicher: der Krieg ist verloren und es muss etwas geschehen. Die beiden Hauptbeteiligten treten nicht auf, sie sind von Fritzi zu weit entfernt. Erst spät erkennt sie, dass sie sie gern kennen gelernt hätte.
Die Stauffenbergs wären aus der heutigen Sicht leicht zu kritisieren, so nah am Ziel aber war kein anderer Mensch.
Geschichte wird durch die begleitende Lektüre von Büchern wie diesem erst lebendig. Um zu verstehen, was es heißt, in einem totalitären System zu leben, im Krieg, in Gefangenschaft, unter ständiger Todesgefahr, sind derlei Bücher notwendig.
Dass es aber auch nicht ganz einfach ist, alles zu erklären, zeigt die Autorin mit ihrer Heldin. Immer wieder sucht sie Gespräche, Rat, sie orientiert sich an den Erwachsenen und wächst daran. Uns Alten fehlten diese Gesprächspartner in der Elterngeneration: Nur wenige Beteiligte waren bereit, wirklich offen über ihre Nazivergangenheit zu reden. Die jungen Menschen von heute kennen gar keine mehr. Und die Filme sind eher fragwürdig.

Irritation ist m.E. das Hauptanliegen der Autorin: Ihre Heldin ist begreiflicherweise irritiert, vom Geschehen, von den Menschen um sie, von sich selbst (besonders hier ihre schwankende Zuneigung zu ihrem Onkel - einerseits ist er DER Mann für sie, sie liebt ihn und gleichzeitig seine Frau Lexi, andererseits ist er ein unerreichbares Idol, Gesprächspartner und Vorbild. Wie es Pubertierenden so oft geht, weiß sie nicht, was überwiegt). Der Leser wird irritiert durch den Beginn und die Haltung der Heldin, erst nach fast 50 Seiten fasst sie einen Entschluss, der bis zum Ende der Lektüre trägt.
Und der Titel? Kulminationspunkt ist der 20. Juli. Gemeint ist aber der 21. Juli 1945. An diesem Tag wird die deutlich gereifte Fritzi 15 Jahre alt. Und Fritzi ist in diesem Alter die wichtigste Person für sich selbst. Noch ist die Distanz zum historischen 20. Juli – heute der Inbegriff eines Tyrannenmordes – zu groß, als dass dieses Datum Titel gebend sein könnte.

 Und ein junger Leser des 21. Jahrhunderts wird mit diesem 21. Juli ein persönliches Erlebnis verbinden. Die Verbindung zum 20. Juli 1944 stellt sich dann vor einem hier emotional stark nachwirkenden Tableau der Zeitgeschichte dar.

 Dieses Buch gehört in die Hand jedes Mädchens, das bereit ist, sich dem Leben zu stellen. Und in die Hand der übrigen Menschen auch.

 In der Schule sollte dieses Buch grundsätzlich auffindbar sein: Jeder Bereich, der sich mit dem Thema Nationalsozialismus befasst, könnte dieses dicke Buch von immerhin fast 350 Seiten als Grundlage nehmen – weniges nur müsste hinzu getragen werden. Begleitend aber ist es allemal zu empfehlen, mindestens ab der 9. Klasse. In Bibliotheken gehört es m.E. als Muss.

 

 

Anne C. Voorhoeve, geboren am 19. Dezember 1963, schreibt schon von klein auf. Sie studierte Politikwissenschaft, Amerikanistik und Alte Geschichte in Mainz und arbeitete anschließend ein Jahr lang als Assistentin eines Brecht-Forschers an der University of Maryland. Erst der Fall der Mauer motivierte sie, wieder zu selbst zu schreiben.
Da es "mich beim Schreiben beflügelt, mir echte Schauspieler in den Hauptrollen vorzustellen", entstand "Lilly unter den Linden" zunächst als Drehbuch, das vom MDR verfilmt wurde. . Im Juli 2004 erschien der Roman im Ravensburger Buchverlag. Neben ihrer Arbeit am nächsten Buch möchte die Autorin auch dem Drehbuchschreiben treu bleiben.
Bislang erschienen: Lilly unter den Linden * Liverpool Street * Einundzwanzigster Juli

 (c) Foto Atelier Schild-Vogel mit frdl. Genehmigung des Ravensburger Verlags

(cjh für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

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