Der LesePeter
des Monats
Juni 2008

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Caren Cushman

 
      für das Jugendbuch  
      Das laute Schweigen der Francine Green  
         
         
         
         
     

Caren Cushman: Das laute Schweigen der Francine Green
Aus dem Amerikanischen von Sandra Ernst
München: dtv junior extra  2008
308 Seiten * TB. * 8,95 €
ab 13 Jahre
 

 
 

 

Los Angeles 1949/50.Die dreizehnjährige Francine lebt in einer guten amerikanischen Familie. Wenn Francine diese dumme Ärgerphobie nicht hätte, könnte sie sich in das glückliche Leben einreihen. Sie leidet aber unter ihrer Geduld, Beherrschtheit und Mäßigung. Sie macht sich am liebsten unsichtbar und schaut zu, wie sich andere Ärger einhandeln, aber, seit Sophie ihre Freundin ist, macht sie das unglücklich. Sophie reizen die Nonnen der Schule zu Widerspruch. Die frommen Märtyrerinnen, die sich braten, enthäuten, einmauern lassen, kann sie als Vorbild nicht gelten lassen. Die einfache Teilung der Welt in katholisch = gut und kommunistisch = böse ist ihr verdächtig. Sie stellt Fragen und provoziert Schwester "Basilius der Große" ununterbrochen. Die so nett aussehende Nonne reagiert mit entwürdigenden Strafen. So eine Schülerin braucht Basilius immer, das weiß Francine.
Francine erkennt zunehmend, dass sie Sophie eigentlich Recht geben möchte. Aber sie kann sich nicht offen zu ihr bekennen, weil sie diese  Ärgerphobie hat, die sie immer wieder zum Kuschen verdammt. Sie meldet sich deshalb sogar, als Schwester Basilius fragt, wer aus der Klasse auch ein Leben als Nonne anstrebt. (Einzig Sophies Arm bleibt unten.)

Wenn man den Mädchen im Unterricht nicht die Stilmittel Ironie und Oxymoron hätte üben lassen, wäre Francine vielleicht an ihrem „lauten Schweigen“ erstickt. Aber so hilft sie sich mit angepassten Äußerungen, die sie für sich aber ironisch meint.
Schlimm wird die Lage für sie, als nach dem russischen Testabwurf einer Atombombe offen die Angst vor Kommunisten geschürt wird: Vor Kommunisten in Russland, in China, in Europa, in der amerikanischen Regierung, unter Schauspielern, unter Autoren - überall. An einem Freund von Sophies Vater erlebt Francine die typische Kommunistenjagd. Mr. Mandelbaum erhält keine Rollen mehr. Nur wenn er andere als Kommunisten angibt, denunziert, soll er selbst frei von Verdacht sein.
Mr. Mandelbaum aber bringt sich um, und Sophies Vater, Drehbuchautor, taucht mit seiner Tochter unter. Da endet Sophies lautes Schweigen: Sie geht in Schwester Basilius Büro und sagt ihr alles, was sie längst hätte sagen wollen.

Von diesem schicksalhaften Jahr mit Sophie lässt Cushman Francine selbst berichten. In 34 Kapitel, die chronologisch aneinandergereiht sind, nimmt der Leser teil an Francines Leben und Denken. Er staunt - wie sie - über die Broschüre, die den Bürger über Verhalten bei A-Bombenabwurf belehrt. Er ist - wie sie - entsetzt darüber, dass das brave Lebensmittelhändlerpaar Petrov sich entschließt, wegen andauernder Repressalien Amerika zu verlassen.
Francines  Freundinnen lesen am 14. Juni ein Plakat, das auffordert: Tötet Kommunisten für Jesus Christus! Da ist für Francine das Maß voll, und jeder Leser muss verstehen, warum. Dies Plakat ist wirklich ernst gemeint, das ist nicht Ironie! Die Mädchen wollen damit vor Sophies Haus ziehen!

Francine erzählt Episoden aus ihrem Leben. Kleine Alltagsszenen in der Familie, in der Schule, mit der Freundin. Ironie und das Spiel mit Gegensätzen, feine Beobachtung und schonungslose Ehrlichkeit machen aus Francines Bericht ein differenziertes Bild vom Leben in Amerika in der Ära McCarthy. Die einzelnen Szenen sind verflochten zu einem vielschichtigen Bild.
Aber dennoch, ein sehr komisches Buch, denn Francine hat einen scharfen Blick für die Absurditäten um sich herum und lässt den Leser immer daran teilhaben.

Wer mit Francine das Jahr lesend durchlebt hat, wird vielleicht auftauchen und feststellen, dass er in einer Welt lebt, die von ähnlichen Gefahren bedroht ist. Es geht auch heute darum, bei der Abwehr von Gefahr für die Bürger das rechte Maß zu finden. Wie viel individuelle Freiheit darf preisgegeben werden im Kampf gegen terroristische Bedrohung? Sind Redefreiheit, Meinungsfreiheit… verzichtbar? Wann sind Zentimeter um Zentimeter ein Zentimeter zu viel?

 

 

Karen Cushman lebt in der Nähe von San Francisco, hat Geschichte und Museumspädagogik studiert und veröffentlicht, seit sie fünfzig ist, historische Romane für Jugendliche. Aber sie schreibt insgeheim seit ihrer Kindheit. Francine Green ist ihre erste fast zeitgenössische Heldin. Cushman ist jünger als diese, von eigenen Erfahrungen in einer katholischen Nonnenschule in den 1950ern berichtet sie in einem Interview, das der Geschichte nachgestellt ist. Außerdem gibt es im Anschluss an Francines Geschichte Anmerkungen der Autorin zum politischen Verhalten in Amerika unter Senator McCarthy.

Matilda Bone, Alyce und keine andere, Catherine - Lady wider Willen –sind Titel von Cushman, die auch bei dtv erschienen sind. Sie erzählen von Leben im Mittelalter, Die Ballade von Lucy Whipple und Rodzina  spielen im 19. Jahrhundert. Immer ist ein Mädchen die Heldin, das sich traut, mutig zu sein und den eigenen Weg zu finden, das wagt, Regeln und Gebote zu hinterfragen. Alle Geschichten sind sorgfältig recherchiert und vermitteln ein lebendiges Bild der jeweiligen Zeit. Ihre Figuren agieren verzweifelt, wütend und mutig.
Cushman ist eine Meisterin im Einsatz von Ironie, so sind alle Geschichten ein Lesespaß, der unterhält, fesselt und bereichert.

(pfg für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (avn)
Jugendbuch     (02/06/10)   (pfg)
Sachbuch     (03/07/11)   (gas)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

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