Der LesePeter
des Monats
Mai 2008

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Edward van de Vendel

 
      für das Kinderbuch  
      Twice oder Cooler als Eis  
         
         
         
         
     

Edward van de Vendel: Twice oder Cooler als Eis
mit Bildern von Kerstin Meyer
aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Hamburg: Carlsen 2007
 164 Seiten * geb. * 12,90 €
 

 
 

 

Merkt euch das, wir sind cooler als Eis.
Merkt euch das, wir sind Twins, wir sind Twice
.

So endet der erste Rap, den die Zwillinge Calvin, kurz Cal, und Gustav, kurz Gus, Rosenbeek im Projektunterricht ihrer Schule in der 6. Klasse erdacht haben. Schule finden sie toll, wenn man einen Lehrer wie Herrn Montijn hat, einen „Meisterlehrer“, mit dem das Arbeiten Spaß macht und der immer für Überraschungen gut ist. Aber plötzlich ist er krank, offenbar längerfristig. Wie sich später herausstellt, leidet er an einer Depression.
Die Vertretungslehrerin Frau Breedwisch empfinden die Kinder dagegen als Katastrophe, denn sie versteht sie nicht. Sie ist das genaue Gegenteil von Lehrer Monty, sie ist autoritär und ohne Verständnis für Musik und Fußball. Als sie Cal zwingen will, sein Baseball-Cap im Unterricht abzusetzen und einen Angriff auf die Klassenmaskottchen, die Rennmäuse Uck und Burr startet, eskaliert die Situation. Die Schüler setzen die Rennmäuse in die Schublade des Lehrertischs. Als Frau Breedwisch hinein fasst, beißen sie sich an ihr fest. Wütend donnert sie die Klasse zusammen, nennt sie Terroristen. Auf die entsprechende Frage melden sich Cal und Gus als Schuldige und landen als Anführer beim Direktor. Jetzt ist Rache angesagt. Der Kriegsrat der Klasse tagt per Chat. Das Ergebnis: Eine Demo vor dem Haus von Frau Breedwisch mit Transparenten, Trommeln und einem Rap von Cal und Gus. Die Folgen: Hausarrest für Cal und Gus, kein Konzertbesuch bei ihrem Lieblingsrapper, ein entsetzter Schulleiter und saure Eltern.
Als Cal und Gus ihr Leid der Nachbarstochter Levineke klagen, überrascht diese die Zwillinge mit der Frage, ob sie eigentlich schon einmal daran gedacht hätten, wie sich Frau Breedwisch nach dem Angriff fühlt. Sie erklärt den Jungen, dass sie für eine Weile in ihre Schule kommen wird aber keine Lust auf Chaos habe und dass sie sich gefälligst eine vernünftige Lösung ausdenken sollten. Gemeinsam werden Ideen entwickelt und zum Schluss kommt ein Entschuldigungsbrief der Klasse zustande. Obwohl die Lehrerin nach den Ferien aus der Klasse herausgenommen wird, ist der Fall für Gus noch nicht gelöst. Für ihn war der Brief nicht echt, weil es nicht seine Art ist, sich so zu äußern. Nach einem Besuch bei Frau Breedwisch macht er mit Cal einen Rap auf sie und sie hat den Mut, mit den Jungen im Korb einer Hebebühne, die der Nachbar zur Verfügung gestellt hat, über den Köpfen der Schüler schließlich mitzusingen und Gus die Hand zur Versöhnung zu reichen. Sie wird nicht wieder in die Klasse kommen – darüber sind beide Seiten froh. Aber beide Seiten haben Mut bewiesen und können sich jetzt mit Respekt begegnen. Ein gemeinsames Essen mit den Eltern, bei dem Cal und Gus gemeinsam für Levineke schwärmen, eine mail von Monty, dass er auf dem Weg der Besserung sei und der Besuch beim Lieblingsrapper – die Welt ist vorerst wieder in Ordnung, die Dinge sind im Gleichgewicht. Der Test mit der neuen Vertretungslehrerin steht allerdings noch aus...

 Auf den ersten Blick scheint das Buch eine typische Schulgeschichte zu sein, wie es sie dutzendfach gibt. Eine autoritäre, verständnislose Lehrerin (in der Regel unterrichtet sie das Fach Mathematik!) macht sich die Schüler zum Feind. Ihr steht ein liberaler, verständnisvoller Lehrer gegenüber (er hat oft Sport als Fach!), den die Kinder vergöttern. Was dieses Buch jedoch von vielen anderen unterscheidet ist, dass diese Konstellation nicht umgekehrt wird, sondern dass die Kinder in einem Prozess der Reflexion zum Handeln kommen, lernen zu differenzieren und selber eine Lösung finden, die auf Respekt und Menschlichkeit beruht. Cal und Gus bleiben die selbstbewussten kreativen Querköpfe, die mit den gleichen Talenten, mit denen sie die Welt in Unordnung gebracht haben, sie auch wieder ins Gleichgewicht bringen können. Auf diesen Weg bringt sie Levineke, die aus dem Streit zwischen ihren Eltern einen konstruktiven Ausweg sucht. Es geht nicht um Anpassung. Alle Personen, Lehrer, Schulleiter, Eltern und Schüler bleiben sich einerseits treu, aber sie entwickeln sich nachvollziehbar und überzeugend unter dem Druck der Geschehnisse weiter. Dass dies ein Prozess ist, der keineswegs abgeschlossen ist, deutet der Schluss an. Cal und Gus wissen, es ist leicht, gegen etwas zu sein. Aber eine Strategie zu entwickeln, wie es dann weitergehen soll, auch das will gelernt sein.

 Dem Autor Edward van de Vendel ist es wunderbar gelungen, das dynamische System Schule in seinen Interdependenzen darzustellen. Er weiß als ehemaliger Lehrer und Schulleiter, worum es geht. Als Schriftsteller zeichnet er die Figuren mit wenigen gelungenen Strichen so plastisch, dass sie lebendig vor uns stehen. Die Helden Cal und Gus bringt er dem Leser in erster Linie über ihre direkte und ausdrucksstarke Sprache nahe. Sie sind komplexe junge Menschen, die mit all ihren Problemen, ob Lehrerhass oder Verliebtsein, völlig ernst genommen werden. Sie sind Kinder von heute, die mit moderner Technik, Musik und Poesie genauso wie ihr Vater, der Postbote und erfolgreicher Hobbymusiker ist, vertraut sind. Kerstin Meyer ergänzt durch die Typographie und durch schwarz-weiße Zeichnungen mit einem lockeren Strich den Text. Ein besonderes Lob gilt dem erfahrenen und sensiblen Übersetzer Rolf Erdorf, der den Text in all seinen Registern von Endlossätzen bis zum Rap und mit all seinen Stimmungsnuancen dem deutschen Leser nahe bringt.

Dies ist ein Buch für Jungen, das ihnen zeigt, dass stark und cool sein heißt, nicht anderen zu folgen, sondern mutig zu sich selbst zu finden. Und weil Mädchen das von Jungen erwarten, ist es auch ein gelungenes Buch für sie.

 

Edward van de Vendel wurde 1964 in Leerdam in den Niederlanden geboren. Bevor er Schriftsteller wurde, arbeitete er als Lehrer und später als Schulleiter einer Grundschule. Inzwischen hat er mehr als 25 Bücher veröffentlicht - Bilderbücher, Sachbücher, Erstlese- wie Liedtexte, Gedichte, Romane.
Unter http://www.literaturfestival.com/bios1_1_6_1178.html finden wir:
"Mit seinem Projekt »Slash« ... geht er in Schulen ... auf die Suche nach authentischen Biografien Heranwachsender und beteiligt die Ideengeber am Ertrag der entstehenden Bücher ... Zwei seiner Werke erhielten den Gouden Zoen ... zwei weitere den Zilveren Griffel ... »Superguppie« wurde mit dem Woutertje Pieterse Prijs (2004) prämiert, sein Kinderbuch »Wat rijmt er op puree?« ... war offizielles Geschenk der Kinderboekenweek 2005. Edward van de Vendel lebt in Rotterdam."

(rp für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

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