Der LesePeter
des Monats
Dezember 2007

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Wolf Erlbruch

 
      für das Bilderbuch  
      Ente, Tod und Tulpe  
         
         
         
         
     

Wolf Erlbruch: Ente, Tod und Tulpe
München: Kunstmann  2007
32 Seiten * geb. * 14,90 €
 

 
 

 

Unglaublich. Wir kennen inzwischen viele – auch – Bilderbücher, die sich mit dem Tod beschäftigen. Mit dem Sterben, diesem Übergang, gibt es - besonders in dieser Qualität - wohl nur dieses. Es ist derart gelungen, dass jedem Leser sofort die Angst genommen wird vor dem Tod. Er begleitet dich schon lange. Du hast ihn bis jetzt nur nicht bemerkt, weil du jung warst und das pralle Leben vor dir lag. Jetzt erleichtert es dich, wenn der Tod sagt, dass es den Teich nicht mehr geben wird , wenn du selbst  nicht mehr da bist. Und es wird dich trösten, auch wenn du nicht die Ente bist, die bisher immer auf diesem Teich schwamm.

Hinübergehen

Allein der Titel des Buches geht kaum von der Zunge mit seiner Alliteration der "t"s und seiner so deutlichen Anleihe bei Dürers „Ritter, Tod und Teufel“. Und doch liegen Welten zwischen Dürer und Erlbruch, zwischen jenem Ritter und dieser Ente. Dort reitet er nach links, schaut stur geradeaus. Hier ist es ein selbst für eine Ente extrem langer Hals, der den Kopf nach oben streckt. Dort ist eine Kontaktaufnahme zwischen den "Personen" überhaupt nicht möglich, hier gibt es nicht nur keinen Teufel, sondern nur eine Tulpe, und zudem ein liebevolles Kennenlernen bis zum Ende, an dem der Tod mehr zu leiden scheint als die Ente, die es geschehen ließ.

Geschehen lassen.

Wir sind gewohnt zu gestalten, zu ändern, Wünsche in Erfüllung gehen zu lassen, sogar Träume. Aber: Was mag danach kommen?
Erlbruch führt uns ganz wunderbar und ganz zart (und zwar uns Erwachsene wie uns Kinder) dahin, wo wir mit unserem Leben EINS sein können. Es gibt keine Trennung zwischen Leben und Tod, der uns schon so lange begleitet, dass wir ihn gar nicht (mehr?) wahrnehmen vor lauter Zukunftsblicken. Er verhält sich zudem auch so verdammt unauffällig, dass wir so dahin leben.

Eine wunderbare Idee von Erlbruch (oder war es wirklich nur die Alliteration mit dem „t“?), sich vom Menschen zu trennen und eine Ente in den Mittelpunkt zu stellen. Seine ist sehr ungewöhnlich, hochgestreckt, kurze Beine und extrem langer Hals wie Schnabel. Ihr Gegenstück, der Tod, erschreckt zunächst, denn der Schädel mit den drei großen Löchern für die Augen und die Nase wie der große Überhang nach hinten auf dem sehr kurz und klein dargestellten Rückgrat wirkt doch arg zerbrechlich. Da helfen weder langer Mantel noch das noch längere Unterkleid im gleichen Muster (aber anderer Farbe). Die mitgebrachte Tulpe registrieren wir erst viel später. Schwarz ist sie. Man möge nur nachschauen (z. B. bei http://de.wikipedia.org/wiki/Tulpe), was diese Pflanze dereinst alles bedeutete, wie viele Sehnsüchte sie auslöste, mit welchen Dingen sie aufgewogen wurde, zum Beispiel damals, als Albrecht Dürer zeichnete.

Richtig, wir sprechen drum herum. Das ist halt so ein Thema, das wir hier behandeln. Erlbruch wird deutlicher. Benutzte er früher einen Philodendron als Pflanze, die in den Tod führte, so nimmt er nun einen Kirschbaum, aus dem Ente plus Tod eine schwarze Krähe / …n Raben vertreiben. Ja, die beiden haben sich gefunden, sich aneinander gewöhnt. Die Sprache zueinander wurde immer vertrauter, ihre zu Beginn noch leicht unterschiedliche Größe wird immer ähnlicher. Dabei gibt der Tod, wie auch die älteren Erwachsenen, zu, dass er keine Ahnung hat, wie es in der anderen Welt wirklich aussieht. Ja, woher auch? Er holt sie doch nur ab, die Geschöpfe von dieser Welt. Dass dabei eine Freundschaft entsteht, der er später tatsächlich hinterher trauern wird, war ihm gar nicht bewusst.

Wir könnten noch viele Interpretationen anbieten über Hase oder Kirschbaum oder Krähe, wir könnten noch viel schreiben über die kleinen Veränderungen in den Stellungen zwischen Ente und Tod, von der deutlichen Trennung, dem Annähern, der kurzzeitigen Abkehr und letztlich der Intimität oder über die Krähe als Unheilsverkünder, die denselben Raum mit den beiden teilt, über sie weg fliegt. Letztlich würden wir merken, dass es sich gar nicht um diese Einzelheiten dreht, dass wir nur versuchen, uns dem Eigentlichen zu entziehen, zu verzögern, uns eben (noch) nicht annehmen zu lassen.

Erlbruch zeichnet sehr sparsam.  Seine Figuren sind, wie er selbst schreibt, "auf Papier gezeichnet [...], mit einem kleinen, aber scharfen Messer ausgeschnitten und so, wie sie im Buch erscheinen, auf ein Grundpapier aufgeklebt". Sie stehen jeweils sehr isoliert auf oder unter dem Text, haben keine Umgebung, es sei denn, Erlbruch gibt ihnen ein Stück Wiese oder einen Kirschbaum aus einem „antiken“ Buch.
Als die Ente wirklich stirbt, liegt die Tulpe neben ihrem gestreckten Körper, der Hintergrund ist erstmals dunkel, die Sprenkel geben eine Ahnung von Weltall. Viel mehr aber nehmen wir wahr, wie der Tod, der im Lauf des Buchs immer freundlicher wurde, nunmehr traurig ist. Wir nehmen ihn inzwischen als Mensch oder so etwas an, denn wir fühlen mit ihm, wenn er sieht: „Sie lag ganz still.“
Dass er die Ente nachher auf das Flusswasser schiebt, mit Tulpe, erinnert natürlich an die Begräbnisse im Hinduismus. Hier wird der Fluss größer und mächtiger, um im Hintergrund und auf dem rechten Rand zu verschwinden. Der Tod steht kerzengerade mit auf dem Rücken verschränkten Armen. „Aber so war das Leben.“ steht über ihm. Vergangenheit.

Und dann musste ich tatsächlich lachen, als ich umblätterte. Entschuldigung, aber das hat Herr Erlbruch provoziert. Ja, das Leben ist schön, auch wenn es gefährlich ist und - meist - mit dem Tod endet.

Vita: Wolf Erlbruch

"wolf erlbruch
1948 geboren in wuppertal
1967-74 studium grafik design mit dem schwerpunkt zeichnung an der folkwangschule essen-werden. schon während des studiums,  vor allem aber danach arbeit als illustrator und art director in der werbung, gestaltung von plakaten, eintrittskarten, buchumschlägen, illustrationen für vorwiegend amerikanische zeitschriften aber auch für stern, playboy, das frankfurter allgemeine magazin,
1985 erste illustrationen für ein kinderbuch
1990  abkehr von der werbung und konzentration auf buchgestaltung und kinderbücher
seit 1982 glücklicherweise verheiratet mit brigitte lieselotte horn-samstag-erlbruch
1984 geburt des sohnes leonard
lebt mit seiner familie in wuppertal" (vielen Dank, Herr Erlbruch)

(c) für das Foto beim Autor / Illustrator

(uhb für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (avn)
Jugendbuch     (02/06/10)   (pfg)
Sachbuch     (03/07/11)   (gas)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel

     

Impressum: AJuM der GEW  *  c/o    Ulrich H. Baselau  * Osterstr. 30  * 26409 Wittmund * ulrich.baselau [ad] ajum.de * 04462 -- 943611
Zur Datenschutzerklärung