Der LesePeter
des Monats
September 2007

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht (wieder) an Kate Di Camillo 

 
      für das Kinderbuch  
      Die wundersame Reise von Edward Tulane  
         
         
         
         
     

Kate DiCamillo: Die wundersame Reise von Edward Tulane
Mit Bildern von Bagram Ibatoulline
Aus dem Englischen von Siggi Seuß
Hamburg: Dressler  2006
138 Seiten, geb., 12,90 €
(Jan. 2008 als TB bei dtv)

 

 
 

 

Ein Buch, das man seinem Kind in vorgelesener Form als ein Geschenk anbieten sollte – ein Geschenk, in dem man ein tiefes eigenes Vergnügen findet, mit Erkenntnissen ganz im Geheimen, die zur Ausformung der Wertevorstellungen eines Kindes beitragen.
Kate DiCamillo erzählt – in der meisterhaften Übersetzung durch Siggi Seuß – die liebevolle Geschichte des eleganten Porzellan­hasen Edward Tulane, den Abilene Tulane von ihrer Großmutter zum siebten Geburtstag bekam. Edward ist ein verwöhnter Hase, blasiert, in Seidengewänder gekleidet, mit einer goldenen Taschenuhr und einem Hut auf dem Kopf. Jeden Abend darf Edward beim Dinner am Tisch sitzen, und danach wird er liebevoll zu Bett gebracht.

„Ich hab dich ganz ganz lieb“, flüstert Abilene jeden Abend, aber Edward antwortet nicht, schaut nur aus seinen Knopfaugen. Natürlich kann Edward gar nicht reden, aber wenn er es könnte, so würde er auch nicht antworten, weil das unter seiner Würde wäre. Edwards einzige Hasen-Gedanken und Gefühle kreisen um ihn selbst, voller Selbstzufriedenheit über seine außerordentliche Vornehmheit, als ein Paradebeispiel seiner Art.
Es ist ihm nicht wichtig, was die anderen zu ihm sagen, und Abilene mit ihrer heißen Liebe zu ihm ist ihm gleichgültig. Deshalb versteht er auch nicht die Frage, als Pellegrina, die Großmutter, eine traurige Gute-Nacht-Geschichte erzählt und mit der Frage endet, „Wie kann eine Geschichte glücklich enden, wenn es keine Liebe gibt?“
So bleibt es bis zu Abilenes elftem Geburtstag, als ihre Eltern mit ihr auf einem Schiff nach London fahren. Da reißen Abilenes wilde Brüder Edward, der sie natürlich begleitet, die Kleider herunter und werfen ihn sich gegenseitig zu. Verzweifelt versucht Abilene, das grausame Spiel zu stoppen – vergebens. Edward geht überbord, fällt in die See.

Damit beginnt für ihn eine lange schmerzhafte Odyssee. Von dem demütigenden Aufenthalt im Schlamm des Seebodens wird er durch den derben Fischer Lawrence gerettet, der ihn seiner Frau Nellie mitbringt. Und Nellie liebt Edward bald ebenso wie Abilene und spricht zu ihm. Und Edward hört zu, überrascht über sich selbst. „Die Geschichten, die Nellie erzählte, berührten ihn, als seien sie das Wichtigste auf der Welt, und er hörte zu, als hinge sein Leben davon ab.“ Bis zu dem Tag, an dem Nellies Tochter kommt.
Diese kann nicht verstehen, dass Edward wie ein Kind für ihre Eltern ist, und sie nimmt ihn mit auf einen Spaziergang – zur Müllhalde. „Edward spürte einen schmerzhaften Stich irgendwo tief drinnen in seiner Porzellanbrust. Zum ersten Mal hörte er sein Herz rufen. Es sagte nur zwei Wörter: Nellie. Lawrence.“
Hier, in Einsamkeit und Schmutz, beginnt Edward über Pellegrina nachzudenken und er versteht auf einmal den Satz mit der Liebe. „Er hatte Abilene nicht genügend geliebt. Und dann hatte er sie verloren. Und er konnte es nie wieder gutmachen. Und Nellie und Lawrence hatte er auch verloren. Er vermisste sie so sehr. Ob das wohl Liebe war?“
Nun ist es ein Landstreicher mit seinem Hund, der Edward findet, und fortan begleitet er die beiden auf ihren Wanderungen, und in seinem Inneren erwacht eine tiefe Zärtlichkeit. Aber wieder geht Edward verloren, ohne sich verabschieden zu können.
„Eine einsame Grille begann ihr Lied zu singen. Edward lauschte. Tief in seinem Inneren tat etwas weh. Wenn er nur weinen könnte!“

Seine Odyssee geht weiter, und bald steht er als Vogelscheuche auf dem Acker; von dort wird er von Bryce gestohlen, der ihn mit nimmt für Sarah Ruth, seine kranke Schwester, die im Bett liegt und hustet. Wieder wird Edward geliebt, aber „an einem strahlenden Septembermorgen hörte Sarah Ruth auf zu atmen.“ Und Edward begibt sich mit Bryce auf Wanderschaft, wo beide schlimme Zeiten erleben, ohne Heimat, ohne Essen. Bis Edward verletzt wird und Bryce ihn zum Puppendoktor bringt, wo der Preis für die Reparatur des gespaltenen Kopfes in Edward selbst liegt. Fortan sitzt er – meisterhaft repariert, aber einsam ohne Liebe – auf der Verkaufsbank, ohne Hoffnung, regungslos, verschlossen. „Die Jahreszeiten zogen vorüber, Herbst und Winter und Frühling und Sommer. Blätter wurden durch die Ladentür geweht und Regentropfen und das grüne, unerhört hoffnungsvolle Licht des Frühlings.“ Edward sitzt. Und er denkt an die Worte der alten Puppe neben ihm: „Jemand wird kommen. Jemand wird dich mitnehmen.“
Jemand kommt. Eine Frau mit ihrer Tochter. Abilene. Edwards schmerzhafte Reise hat ein Ende gefunden.
„Es war einmal – oh, dieses wundervolle Es war einmal! –, es war einmal ein Hase, der seinen Weg nach Hause fand.“

Kate DiCamillo hat mit ihrem nicht-menschlichen „Helden“, der menschlicher ist, als je ein Mensch es hätte sein können, ein Buch geschaffen, das zum Klassiker werden wird, in seinem altmodisch anmutenden Charme, der durch die feinen einfühlsamen Zeichnungen von Bagram Ibatoulline vollkommen erscheint. Die Illustrationen berühren mit dem Charme alter Fotografien; wie etwas steife, aber perfekt arrangierte sepiabraune Bildausschnitte erinnern sie an vergangene Zeiten, märchenhafte Kindheitserlebnisse werden wieder wach, wo die Lieblingsspielzeuge voller Liebe und Leben waren, auch wenn sie sich nicht äußerlich rührten. Eine fast pointillistische Maltechnik, handwerklich fein und liebevoll ziseliert, malt Lichter und Schatten in beinahe fotorealistische Figuren, die leichte Reminiszenzen an Beatrix Potters Hasenfiguren wachrufen.

Text und Bilder entrücken die immer gültige Geschichte von Freundschaft und Liebe in eine zeitlose Dimension. Und so, wie Edward im Laufe seines Lebens verwandelt wird durch die Momente der Liebe, so wird es der Leser während der Lektüre.

Edward Tulane ist ein Hase mit einer eigenen wunderschönen Webseite:
http://www.edwardtulane.com/
Hier kann man in einem Film die Bilder von Bagram Ibatoulline bewundern, einem Text von Kate DiCamillo zuhören, ein Kapitel aus dem englischen Original lesen und den Teacher’s Guide herunterladen (in Englisch, aber einfach und schnell ins Deutsche übertragbar).

 

 

Näheres zur Autorin ist abrufbar unter
http://www.katedicamillo.com/

 

 

 

© C. Dressler Verlag, Hamburg, Foto: Fotograf

(avn für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

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